Karneval

Berlin tanzt von Neukölln nach Kreuzberg

Musik, gutes Essen und ganz viele Farben: In der Hauptstadt feierten 700.000 Menschen den 17. Karneval der Kulturen.

Das Maul ist weit aufgerissen, die spitzen Zähne glänzen, die Flügel flattern unaufhörlich – und doch wirkt der blaue Drache auf dem Karneval der Kulturen handzahm. Die meterlange Konstruktion aus Metallen und Stoffen gehörte beim Festumzug der Kolonne, die sich am Pfingstsonntag vom Hermannplatz zur Yorckstraße schlängelte, zu den Hinguckern. 90 Gruppen mit 5.000 Teilnehmern aus 80 Nationen verwandelten Kreuzberg und Neukölln zum 17. Mal in eine riesige Tanzfläche. Laut den Veranstaltern von der Berliner Werkstatt der Kulturen ließen sich 700.000 Besucher in Feierlaune trommeln.

Mit Live-Gesang, E-Gitarrenriffs, 100 Trommlern und einem als Froschkönig verkleideten Darsteller gab die erste Gruppe „Sapucaiu no Samba“ den Takt vor. Nicht fehlen durften natürlich brasilianische Tänzerinnen, die knapp bekleidet und mit bunten Federn auf dem Kopf ihre Hüften schwangen. Damit ernteten sie nicht nur Applaus und anerkennende Pfiffe, sondern auch neidische Blicke. „So einen Po hätte ich auch gern“, sagte etwa Caroline Wallis aus Pankow. „Wahnsinn, was die Tänzerinnen für einen Körper haben.“

Die 24-Jährige ergatterte an der Hasenheide einen Platz in der ersten Reihe. Überall standen die Zuschauer dicht gedrängt an der Umzugsstrecke. Den Premiumblick hatten die direkten Anwohner, die das Geschehen von ihren Balkonen mitverfolgen konnten. „Die Leute sind fair und lassen einen trotz des dichten Gedränges auch mal an die Strecke vor“, lobte Carola Noffke (48) aus Spandau. „Das ist ein schönes Miteinander.“

Jugendliche tanzten neben Senioren, Eltern mit ihren Kindern an der Hand neben Touristen: Der Karneval der Kulturen ist eine Parade für alle. Und für Noffke nicht mehr aus Berlin wegzudenken. „Es wird immer wieder über die hohen Kosten gesprochen, aber ich bin bereit, Eintritt zu zahlen“, sagte sie. Immer wieder beklagen sich die Veranstalter über mangelnde finanzielle Unterstützung. Jede Umzugsgruppe gibt zwischen 2000 und 9000 Euro für ihren Auftritt aus – Geld, dass die Darsteller selbst aufbringen müssen.

Bratwurst, Nudeln und Crêpes

Mehrere tausend Euro haben auch die „Echt Street Puppets“ in ihren Auftritt investiert. Sie präsentierten sich mit überdimensionalen mechanischen Puppen und bauten einen Turm samt in Not geratener Prinzessin auf. Selbst ein rettender Ritter war zur Stelle. Viele Darsteller bemühten sich, das Publikum in ihre Show einzubeziehen. Eine junge Zuschauerin, die am Streckenrand im Trommel-Rhythmus mitwippte, wurde kurzerhand von einem brasilianischen Sambatänzer an die Hand genommen und für eine Tanzeinlage auf die Umzugsstrecke gezogen.

Doch auch das ist der Karneval der Kulturen: eine gigantische Essmeile. Neben der Umzugsstrecke reihte sich Bude an Bude, es roch nach Bratwurst, Crêpes und gebratenen Nudeln. Andere Stände verkauften Bier und Caipirinha. Zuschauerin Nathalie Hüdefeld (32) aus Köpenick und ihrer Tochter Isabelle (5) sind vor allem von den Darstellern beeindruckt. „Die sind ja neun Stunden im Einsatz“, sagt Nathalie Hüdefeld, „das ist körperlich richtig anstrengend – Respekt!“. Ihr gefalle auch, dass viele Gruppen nicht nur Tanzen, sondern „was rüber bringen“ wollen.

Damit meinte sie etwa die Berliner Darsteller von „Raus aus den Schubladen“. Sie hatten Plakate mit Aufschriften wie „Bin ne Frau, sammle aber keine Schuhe“ gebastelt und wollten so Zeichen gegen Vorurteile setzen. Auch Andreas Teßmann (47) aus Mariendorf gefiel die junge Truppe und knipste einen Schnappschuss. „Beim Karneval der Kulturen feiern Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen friedlich zusammen“, freute er sich. „Das ist Berlin.“