Straßenverkehr

Das Fahrrad erobert die Hauptstadt

In 20 Jahren hat sich der Anteil der Radler verdoppelt. Das stellt Berlin vor große Herausforderungen. Nicht zuletzt, weil die Zahl der Verkehrsunfälle mit Radlern wieder steigt.

Foto: dpa

Der durchschnittliche Berliner ist fast so gern zu Fuß unterwegs wie mit dem Auto. Konkret heißt das: 32 Prozent seiner Wege legt er mit dem Auto zurück, 29 Prozent zu Fuß und 26 Prozent mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Das Fahrrad verwendet er für 13 Prozent seiner Wege. Damit ist der Anteil des Fahrrads ähnlich groß wie in den Städten Frankfurt am Main, Düsseldorf und Leipzig. Mit mehr als 20 Prozent ist der Fahrradanteil allerdings in Städten wie Bremen, Kiel und Potsdam deutlich höher.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich in der deutschen Hauptstadt die Anteile des Fuß- und des Autoverkehrs nur geringfügig verändert. Die öffentlichen Verkehrsmittel dagegen mussten eine Einbuße von 31 auf 26 Prozent hinnehmen. Der Anteil des Radverkehrs hat sich aber in diesem Zeitraum fast verdoppelt.

1500 Kilometer Radwege

Es gibt in Berlin über 1500 Kilometer Radverkehrsanlagen, also Radwege aller Art. Das klingt nicht übermäßig viel im Vergleich mit dem Berliner Straßennetz, das eine Gesamtlänge von etwa 5400 Kilometern hat. Bei etwa 3800 Kilometern davon handelt es sich jedoch um Tempo-30-Straßen, in denen es weder nötig noch vorgesehen ist, Radwege zu errichten.

In der Stadt sind rund 1,3 Millionen Kraftfahrzeuge zugelassen. Auf 1000 Einwohner kommen 378 Pkw. Das ist sehr wenig, nicht nur im Vergleich zum Bundesdurchschnitt von 622 Pkw, sondern auch im Vergleich zu anderen Großstädten.

Zurzeit geschehen pro Jahr auf den Straßen Berlins etwa 130.000 Verkehrsunfälle. Vor 20 Jahren waren es noch 170.000 Unfälle. Noch stärker zurückgegangen als die Zahl der Unfälle ist die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Menschen: von 184 auf 54 pro Jahr. Auffällig dabei ist jedoch, dass die Zahl der Verkehrsunfälle mit Fahrradfahrern nach zehn Jahren wieder gestiegen ist: 2010 waren es in Berlin 6182, 2011 hingegen 7376. Die Anzahl der Toten hat sich dabei fast verdoppelt – von sechs auf elf. Auch die Anzahl der Schwerverletzten ist in die Höhe geschnellt: von 515 auf 655.

Die Ziele der Berliner Verkehrsplanung sehen entsprechend so aus: Umweltfreundliche Fortbewegungsmethoden wie Laufen, Fahrradfahren und öffentlicher Nahverkehr sollen häufiger genutzt werden. Die Anzahl der privaten Kraftfahrzeuge dagegen soll „möglichst nicht steigen“.

Und schließlich soll die Zahl sowohl der Verkehrsunfälle als auch der verunglückten Menschen sinken. Diesen hehren Zielen stehen jedoch einige Hindernisse im Wege: Unter anderem hat Berlin zu wenig Geld. Beispielsweise kann man in der Koalitionsvereinbarung zwar nachlesen, ein wesentliches Element der Radverkehrspolitik sei der weitere Ausbau des Radroutennetzes. In der Praxis jedoch spendiert der Verkehrsausschuss des Abgeordnetenhauses mit zwei Millionen Euro pro Jahr für die Instandsetzung der Radwege nur das Minimum dessen, was nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Berlin für die Sanierung der Radwege benötigt wird.

Ein zweites Problem: Rücksichtslosigkeit. Das Problem ist stadtbekannt. Eine kleine, nicht repräsentative Umfrage unter Prominenten, die in Berlin leben, brachte teils Erschreckendes zutage. Schauspieler Martin Brambach sagt etwa: „Ehrlich gesagt, habe ich mir das Radfahren in Berlin abgewöhnt. Was da auf den Straßen und Bürgersteigen abgeht, macht mich regelrecht aggressiv.“

Und selbst ein Radsportler und Olympiasieger von 2000, der reichlich Aggression von der Bahn her gewohnt ist, sieht auf den Straßen dringenden Handlungsbedarf: „Als Radsportler erlebe ich Tag für Tag, dass sich das Klima auf den Straßen zunehmend verschlechtert“, konstatiert Robert Bartko.

Kampagne des Senats

„Gern unterstütze ich die Kampagne“, sagt der Bahnradsportler Bartko deshalb. Um für mehr Verkehrssicherheit zu sorgen, startet nämlich die Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung eine nationale Kommunikationskampagne, die das Ziel hat, bei allen Verkehrsteilnehmern ein rücksichtsvolles Verhalten zu fördern. Projektpartner sind unter anderem der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft und das Bundesverkehrsministerium.

Im Fokus stehen vor allem Radler, denn in deutschen Städten setzen sich immer mehr Menschen aufs Fahrrad statt ins Auto. Gleichzeitig aber kommt es immer häufiger zu Unfällen unter Beteiligung von Fahrradfahrern. Die Kampagne „Rücksicht“ beginnt noch im Frühjahr dieses Jahres in den Pilotstädten Berlin und Freiburg. 2013 soll sie dann auf weitere deutsche Städte ausgedehnt werden.

Die Symbolfigur der Kampagne ist Christophorus, der Schutzpatron der Reisenden. Die Idee der Aktion: Rücksicht wird wie ein kommerzielles Produkt – genauer gesagt als ein Dosengetränk – beworben. Zur Kampagne gehören Plakate, Zeitungsanzeigen, Werbefilme, eine eigene Facebook-Seite für den Christophorus und eine Web-Site: www.berlin-nimmt-rücksicht.de