Mobilität

Berliner Fahrradschule gibt Nachhilfe im Radeln

Einer von 20 Deutschen kann nicht Fahrradfahren. In Steglitz bietet eine Fahrradschule deshalb Kurse für Nicht-Radler an.

Foto: DPA

Acht Zentimeter trennen Ajish Hahn vom Boden. Acht Zentimeter, die über Fallen oder Nichtfallen entscheiden. Es ist der Abstand zwischen dem Brett des Tretrollers, auf dem sie steht, und dem Asphalt. Ihre Hände umklammern die Gummigriffe des Lenkers. Einatmen. Ausatmen. Dann stößt sich Ajish Hahn mit dem linken Bein kräftig ab und rollt los. Die gebürtige Bosnierin steht zum dritten Mal in ihrem Leben auf einem Roller. Die Fahrt mit ihm ist Teil eines Radfahrkurses für Erwachsene in Steglitz.

Rund 80 Prozent der Deutschen besitzen nach Angaben des Bundesministeriums für Verkehr ein Fahrrad. Doch die Zahl der Menschen, die nicht Fahrradfahren können, kennt kaum jemand. Schätzungen zufolge sind es zwei bis fünf Prozent der Bevölkerung. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich höher. Den Nichtradfahrern geht es hierzulande wie den Nichtschwimmern. Wer es nicht kann, verschweigt es lieber.

So erging es auch Petra Schuck-Wersig, bevor sie sich entschloss, an dem Kurs teilzunehmen. Die zierliche Frau ist das erste Mal hier. „Meine Bekannten haben gespottet: ‚Wieso bezahlst du denn Geld für so einen Kurs? Das bringe ich dir an einem Vormittag bei.' Aber keiner konnte mir erklären, wie man das eigentlich genau macht, Fahrradfahren.“ Radlehrer Wolfgang Lukowiak (www.radfahrschule.de) lächelt. Solche Episoden hört er ständig. Heute übt er mit den beiden Frauen auf dem Gelände der Verkehrsschule Rollerfahren. Das trainiert den Gleichgewichtssinn. Damit später keine von ihnen beim Radfahren umkippt.

Beide Frauen sind charakteristische Nichtradfahrer in Deutschland: weiblich und über 40. Rund 91 Prozent der Kursteilnehmer seien Frauen, sagt Lukowiak, der die Radfahrschule für Erwachsene seit 2003 anbietet. „Über die Hälfte davon sind Migrantinnen.“ Viele der Frauen kommen aus Ländern, in denen es unschicklich ist, ein Fahrrad zu benutzen. Oder ganz verboten, wie im Iran.

Vorteil: Individuelle Mobilität

Ajish Hahn kann nicht so recht sagen, warum sie nie Radfahren gelernt hat. Mit einem Bruder und zwei Schwestern wuchs die Rentnerin im nördlichen Landesteil des heutigen Bosnien und Herzegowina auf. Ihr Bruder fuhr Rad, Ajish Hahn ging lieber schwimmen. Als sie im Alter von 19 Jahren nach Berlin kam, hatte sie anderes im Sinn, als in der fremden Stadt Radfahren zu lernen.

Für viele Migrantinnen bedeutet die Fortbewegung auf dem Rad jedoch nicht in erster Linie Freizeitvergnügen, sondern vor allem individuelle Mobilität. Bettina Cibulski vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) bestätigt das: „Die Frauen merken dann, dass man mit dem Rad ja auch einkaufen fahren kann.“

Dennoch sind es nicht nur Ausländer, die Radfahrkurse für Erwachsene besuchen. Immer wieder hört Wolfgang Lukowiak eine andere Geschichte. Die von den älteren Teilnehmern, die in der Nachkriegszeit groß wurden. In deren Jugend es von allem zu wenig gab, und es für ein Fahrrad einfach nicht reichte. Die es aber später doch lernen wollen.

Bei Petra Schuck-Wersig war es ähnlich. Sie wuchs in den 60er-Jahren in Wilmersdorf auf, wohlbehütet, mit einer etwas ängstlichen Mutter. „Wir sind nie Rad gefahren. Bei uns fuhr der Bus vor der Tür. Ich hatte nur einen Roller.“ Das kommt der studierten Kunsthistorikerin jetzt zugute. Auf dem Roller schlägt sie sich wacker, findet Lukowiak. Erfolgserlebnisse schaffen, lautet sein Mantra.

Zehn Minuten später rollen die Frauen auf die Garage zu, Ajish Hahn mit vor Anstrengung rotem Gesicht. Sie hat noch drei Wochen vor sich, mit jeweils 90 Minuten. Eigentlich wollte sie einen längeren Kurs machen, dann kam die Urlaubsplanung dazwischen. Mit ihrem Mann will sie den Sommer auf Korsika verbringen – und auch dort üben.