Modellprojekt

Kampagne für mehr Rücksicht im Straßenverkehr

Modellprojekt startet in Berlin und Freiburg

Radelnde Rabauken, die sich nicht um rote Ampeln oder Gehwege kümmern. Autofahrer, die Radstreifen zuparken oder Türen öffnen, ohne sich umzuschauen. Fußgänger, die vom Kopfhörer beschallt über Radwege laufen. Auch wenn sich die meisten Verkehrsteilnehmer an die Regeln halten, ist all das Alltag in Berlin. Mit einer groß angelegten Kampagne, gefördert vom Bundesverkehrsministerium, sollen die Straßen nun für alle - vor allem aber für die wachsende Zahl der Radfahrer - sicherer werden.

Die Botschaft der Plakate, Internet-Filme, Facebook-Beiträge, Flugblätter und Radiospots ist einfach: "Nehmt Rücksicht". Am Montag stellten Berlins Verkehrssenator Michael Müller (SPD) und Jan Mücke, parlamentarischer Staatssekretär von Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), die Kampagne vor. Sie startet ab sofort in den Modellstädten Berlin und Freiburg im Breisgau und ist zunächst für zwei Jahre geplant. 350.000 Euro stellt Ramsauers Ministerium dafür zur Verfügung. 120.000 Euro steckt die Unfallforschung der Versicherer (UDV) in Entwicklung und wissenschaftliche Begleitung des Projekts. Auch der Deutsche Verkehrssicherheitsrat gibt Geld für das Projekt. Das Land Berlin beteiligt sich nach Senatsangaben mit einem fünfstelligen Betrag.

Die Kampagne drohe bewusst nicht "mit dem erhobenen Zeigefinger", sagte Senator Müller. "Wir werben für ein gleichberechtigtes und rücksichtsvolles Miteinander aller Verkehrsteilnehmer." Und das mit einem Kunstgriff. Die Gestalter machen aus dem Begriff Rücksicht ein Produkt. Die Plakate zeigen Radfahrer, Fußgänger und Autofahrer, die eine Getränkedose mit "Rücksicht" in die Kamera halten. Dazu Slogans wie "Wirkt sofort", "Stiftet Frieden" oder "Macht glücklich".

Elf tote Radfahrer im Vorjahr

Neben dem weiteren Ausbau von Radstreifen und der radfreundlichen Umgestaltung von Kreuzungen sei das Verhalten jedes Einzelnen der wichtigste Faktor für mehr Sicherheit, sagte Senator Müller und verwies auf die zuletzt negative Entwicklung der Unfallzahlen. Erstmals seit zehn Jahren war die Zahl der Verkehrsopfer 2011 in Berlin wieder gestiegen. 54 Menschen starben im Vorjahr auf Berliner Straßen, davon elf Radfahrer. Auch bundesweit gab es diesen Negativtrend, wie Staatssekretär Mücke bestätigte. Die Zahl der getöteten Radfahrer stieg 2011 um 4,5 Prozent auf 398. Noch drastischer stieg die Zahl der schwerverletzten Radler - um fast 19 Prozent auf mehr als 14.000.

Der Radverkehrsanteil liege bundesweit inzwischen bei zehn Prozent, in Berlin bei fast 15, in Städten wie Freiburg sogar bei 30 Prozent, sagte UDV-Chef Siegfried Brockmann. "Das ist politisch gewollt und ökologisch sinnvoll, führt aber zu Konflikten um den knappen Straßenraum." Brockmann dämpfte Erwartungen, dass durch die Kampagne in zwei Jahren die Zahl schwerer Unfälle deutlich sinken könnte. "Wenn die Verkehrsteilnehmer verstehen, dass gegenseitige Achtung das Verkehrssystem für alle sicherer macht, haben wir aber viel gewonnen."