Interview

Wie Berlin zur Fahrradstadt werden kann

Fahrradfreundlich ist Berlin noch nicht, sagt Eva-Maria Scheel, die neue Landeschefin des ADFC. Es fehlten Millionen-Investitionen.

Foto: David Heerde

Sie kommt aus der Fahrradstadt schlechthin, aus Münster. Dort ist der Anteil der Radler am Straßenverkehr doppelt so hoch wie in Berlin. „Ich wusste als Kind gar nicht, wie man einen Bus benutzt“, erzählt Eva-Maria Scheel, die neue Landesvorsitzende des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ADFC. Im Interview mit Christina Brüning erzählt sie, wie Berlin zur Fahrradstadt werden kann.

Morgenpost Online: Frau Scheel, worüber haben Sie sich heute Morgen auf dem Rad geärgert, als sie zur Arbeit gefahren sind?

Eva-Maria Scheel: Oh, das kann ich schnell beantworten! Ich komme aus Charlottenburg und fahre nach Mitte. Dabei gibt es eigentlich jeden Tag die gleichen Ärgernisse. Ich komme über die Marathonallee auf die Platanenallee, eine Seitenroute parallel zum Kaiserdamm. Jedes Mal ein Spießrutenfahren. Die Radwegebenutzungspflicht wurde aufgehoben, die Schilder wurden abgebaut. Aber die anderen Verkehrsteilnehmer, vorzugsweise die Autofahrer, kennen diese Regelung nicht. Jeden Morgen werde ich angehupt auf der Straße, zur Seite gedrängt oder beschimpft. Das andere tägliche Ärgernis sind haltende Autos auf Radfahrwegen, das nervt ziemlich.

Morgenpost Online: Ist Berlin eine Fahrradstadt?

Eva-Maria Scheel: Der Anteil der Radfahrer am Verkehrsaufkommen nimmt stetig zu, wir liegen jetzt bei knapp 14 Prozent. Und wir gehen davon aus, dass das Volumen weiter steigen wird. Wir sind auf dem Weg zu einer Fahrradstadt, würde ich sagen. Was dafür allerdings noch fehlt, ist eine gesicherte Infrastruktur, sodass Radfahren endlich auch sicherer wird.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie Investitionsbedarf?

Eva-Maria Scheel: Es gibt eine ganze Reihe schlechter Radwege, die dringend saniert werden müssen. Es fehlen außerdem noch viele Markierungen für Radstreifen auf den Fahrbahnen, zum Beispiel an großen Kreuzungen für die Linksabbieger oder geradeaus fahrenden Radfahrern zwischen den Abbiegespuren der Autos. Das ist für die meisten Verkehrsteilnehmer zwar ungewohnt, wenn die Radler zwischen den Autos stehen, aber sie sind dort besser sichtbar und werden nicht mehr von rechts abbiegenden Autos übersehen. Dort entstehen sonst die meisten Unfälle. Es besteht außerdem ein großer Bedarf von Abstellanlagen zum Parken von Fahrrädern. Die schaffen Sicherheit für die Fahrräder und Ordnung im Stadtbild.

Morgenpost Online: Der ADFC würde den Fahrradanteil am Verkehr bis 2025 gern bei 25 Prozent sehen. Wie soll das gehen?

Eva-Maria Scheel: Das ist die Ziellinie. Um sie zu erreichen, braucht es eine ganze Reihe von Strategien. Marode Radwege zu sanieren allein reicht da nicht. Einige gute Ansätze stehen bereits in der Fahrradstrategie des Senats, die der „FahrRat“ erarbeitet hat. Dabei geht es darum, ein wirkliches Streckennetz in Berlin zu schaffen oder Fahrradschnellrouten mit grüner Welle. So etwas wäre eine Voraussetzung für eine Fahrradstadt. Die Strategie muss also endlich auf den Weg gebracht werden.

Morgenpost Online: Fahrradschnellrouten oder neue Radwege würden zulasten des anderen Verkehrs gehen, irgendwo müsste der Platz dafür ja herkommen. Ist das gerechtfertigt?

Eva-Maria Scheel: Es gibt noch Spielraum, um den vorhandenen Platz besser zu nutzen. Zum Beispiel indem man mehr Einbahnstraßen in Gegenrichtung für Radler frei gibt. Und auch der Ausbau der Radrouten muss nicht zu Lasten der anderen Verkehrsteilnehmer gehen, denn es wird für alle entspannter und sicherer, je mehr Fahrradinfrastruktur existiert.

Morgenpost Online: Müssen Sie auch neue Zielgruppen für das Radfahren erschließen, um den Anteil auf 25 Prozent zu erhöhen?

Eva-Maria Scheel: Das geht Hand in Hand mit Maßnahmen für mehr Sicherheit. Gerade Einsteigern muss die Angst genommen werden, sich auf Berlins Straßen mit dem Rad zu bewegen. Es gibt viele Menschen, die gern mehr Rad fahren würden, die aber daran scheitern, dass sie bei jedem Versuch Angst verspüren. An den Berliner Verkehr muss man sich gewöhnen. Und das ist einfacher, wenn es zum Beispiel überall gut sichtbare Radstreifen auf den Fahrbahnen gibt. Allerdings ist auch mehr Aufklärung nötig. Man muss den Leuten zum Beispiel deutlich machen, dass sie auf Radstreifen sicherer sind als wenn sie eine Kreuzung von einem für Autofahrer schlecht überschaubaren Radweg aus überqueren wollen.

Morgenpost Online: Im Abgeordnetenhaus wurde in den vergangenen Wochen um die Mittel für die Fahrradinfrastruktur gerungen. Der Haushaltsentwurf sah zuerst eine Halbierung des Etats vor, die wurde vor Ostern zurückgenommen. Investiert werden sollen nun wieder zwei Millionen Euro im Jahr. Das ist nur ein kleiner Posten im Berliner Haushalt. Was wäre nötig, um der Vision des ADFC für eine Fahrradstadt Berlin näherzukommen?

Eva-Maria Scheel: Mit der Zurücknahme der Haushaltskürzung wurde eine wichtige Forderung des ADFC umgesetzt. Diese Mittel sind ein Minimum dessen, was gebraucht wird. Mittelfristig muss die Radverkehrsstrategie vom Senat beschlossen werden, damit die notwendigen Investitionen für den steigenden Radverkehr langfristig sicher sind. Wir fordern die Summe, die auch in der Fahrradstrategie des Senats genannt wird – pro Einwohner fünf Euro im Jahr. Das wären knapp 18 Millionen Euro.

Morgenpost Online: Eine solche Steigerung klingt utopisch.

Eva-Maria Scheel: Die Steigerung wäre ordentlich. Aber wer eine Fahrradstadt haben möchte und den gesunden Trend der Berliner, Rad zu fahren, gut begleiten möchte, muss Geld in die Hand nehmen. Und so groß ist die Summe auch nicht, wenn man zum Beispiel bedenkt, dass jedes Frühjahr 25 Millionen Euro zum Stopfen der Schlaglöcher auf den Straßen investiert werden.

Morgenpost Online: Früher waren die Radler immer die Guten: gesundheitsbewusst, umweltschonend, leise. In den letzten Monaten geraten sie immer mehr auch als Verkehrsrowdies ins Visier. Verkehrsminister Ramsauer etwa rügte, es gebe zu viele Regel brechende Radfahrer. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Eva-Maria Scheel: Für mich sind Menschen als Verkehrsteilnehmer immer noch Menschen. Wer aggressiv Fahrrad fährt, der fährt so auch Auto. Ich bin dagegen, die Menschen als Verkehrsteilnehmer gegeneinander auszuspielen. Das bringt uns nicht weiter.

Morgenpost Online: Durch den zunehmenden Radverkehr wird die Lage auf den Straßen auch in Berlin angespannter. Das kann man täglich beobachten. Muss mehr für die Einhaltung von Regeln geworben werden?

Eva-Maria Scheel: Die Straßenverkehrsordnung ist für alle gültig.

Morgenpost Online: Die Polizei beklagt aber oft einen schlechten Kenntnisstand über die StVO bei den Radfahrern.

Eva-Maria Scheel: Das kann ich eigentlich nicht unterschreiben. Hier gilt, was ich gerade schon über die Verkehrsteilnehmer sagte – da gib es keine Besonderheiten, die nur für Radfahrer gelten.

Morgenpost Online: Es wird über allerhand Regelverschärfungen für Radfahrer diskutiert. Eine strengere Promillegrenze etwa, Nummernschilder, ein Führerschein, Pflichtversicherungen…

Eva-Maria Scheel: Ich halte so etwas nicht für sinnvoll. Wichtig ist es, auf die Vernunft und das Verantwortungsgefühl der Menschen zu setzen. Auch bei der Frage nach der Helmpflicht. Wir setzen da auf die Eigenverantwortlichkeit und lehnen so etwas ab.

Morgenpost Online: Tragen Sie selbst einen Helm?

Eva-Maria Scheel: Ja. Ich habe für mich beschlossen, dass ich einen Helm sinnvoll finde. Aber das muss jeder selbst entscheiden.

Morgenpost Online: Sie selbst sind auch Radtourenleiterin beim ADFC. Welche Trends beobachten Sie?

Eva-Maria Scheel: Der Trend ist eigentlich, dass es nicht den einen Trend gibt. Radfahren ist sehr breitschichtig geworden und mit über 700 geführten Radtouren bietet der ADFC in seinem Rad&Touren-Programm für jeden Radfahrtypen etwas an. Was neu dazukommt, sind Pedelecs. Das sind Räder mit Elektromotor bis zu 25 km/h. Das ist nicht mehr nur für ältere Leute interessant, sondern etwa auch für Berufstätige, die auf dem Weg zur Arbeit nicht so ins Schwitzen kommen wollen. Wir bieten jetzt extra Pedelec-Touren zum Kennenlernen an, mit Rädern zum Leihen.

Morgenpost Online: Welche Routen gefallen Ihnen als passionierter Radfahrerin am besten?

Eva-Maria Scheel: Mein Steckenpferd ist Charlottenburg-Wilmersdorf. Ich biete für den ADFC Streifzüge durch den Bezirk an, Sehenswürdigkeiten werden angeradelt und erläutert. Und so lerne ich ständig etwas über meinen Kiez. Das Schöne am Radfahren ist doch, dass es jeden Tag wieder spannend ist, neue Strecken zu finden und neue Dinge zu sehen.