Widerspruch

Wie Eltern um den Wunsch-Schulplatz kämpfen

Mehr als 1000 Kinder kommen in Berlin nicht auf eine ihrer drei Wunschschulen. Nun wollen viele Familien gegen das Losverfahren klagen.

Foto: David Heerde

Finja ist traurig aber auch wütend. Die Elfjährige hat den Platz an ihrer Wunschschule, der Sophie-Scholl-Sekundarschule, nicht bekommen, stattdessen soll sie jetzt laut Bescheid vom Bezirksamt an die Lina-Morgenstern-Schule in Kreuzberg. Das Mädchen kann die Entscheidung nicht verstehen. „Beim Vorstellungsgespräch war doch alles so gut gelaufen“, sagt sie.

Finja gehört zu mehr als 1000 Sechstklässlern, die keinen Platz an einer der drei Wunschoberschulen bekommen haben. Im Sekundarschulbereich haben in diesem Jahr 840 Schüler Lospech gehabt, im Gymnasialbereich sind es 255. Im Vergleich zum Vorjahr ist das eine leichte Steigerung.

Schule mit künstlerischem Zweig

Die Sophie-Scholl-Sekundarschule, an der sie sich für den kunstbetonten Zweig beworben hatte, war bei den diesjährigen Anmeldungen für die siebenten Klassen die beliebteste Oberschule in ganz Berlin. Insgesamt 274 Bewerber sind hier leer ausgegangen. Ähnlich stark nachgefragt war die Sekundarschule mit gymnasialer Oberstufe und verschiedenen Profilklassen schon in den vergangenen Jahren. Im Aufnahmeverfahren zählen nicht nur Noten sondern auch besondere Fähigkeiten. Finja wusste das. Ein Jahr lang hatte sie sich vorbereitet, um in die Kunstklasse der Wunschschule zu kommen.

„Ich habe mir viel für das Vorstellungsgespräch überlegt“, erzählt sie. Eine Bewerbungsmappe mit ihren Bildern hatte sie angefertigt, zusätzlich eine Fotomappe über sich selbst. In ihrer Freizeit besuchte sie künstlerische Workshops und Arbeitsgemeinschaften. Am Ende habe ihr zur Aufnahme an der Wunschschule ein Punkt gefehlt, weil auf dem Zeugnis in Kunst keine Eins sondern „nur“ eine Zwei-Plus stand, sagt die Mutter, Andrea Elnain. Finja sei deshalb im Losverfahren gelandet, wo sie schließlich als Einzige Pech hatte.

Die Mutter will die Entscheidung nicht so hinnehmen und Widerspruch einlegen. Notfalls erwägt sie auch eine Klage vor Gericht. Die vom Bezirk angebotene Gemeinschaftsschule komme für sie jedenfalls nicht in Frage. „Wir wollen nicht an einem Schulversuch teilnehmen“, sagt sie. Zudem wohne die Tochter in der Nähe der Sophie-Scholl-Schule und soll weiter in ihrem Friedenauer Kiez aufwachsen.

Es ist das zweite Mal, dass in diesem Jahr die neuen Aufnahmebedingungen für Oberschulen getestet wurden. Nicht mehr das Wohnortprinzip ist wie früher ausschlaggebend sondern die Leistungen zählen bei der Auswahl. Oberschulen, die mehr Bewerber als Plätze haben können nach selbst gewählten Kriterien 60 Prozent ihrer Schüler selbst auswählen. Die meisten richten sich dabei nach der Durchschnittnote auf der Förderprognose. Einige wählen, je nach Profil, wie die Sophie-Scholl-Schule auch nach besonderen Begabungen aus. Zehn Prozent der Plätze müssen für Härtefälle vorgehalten werden und 30 Prozent werden gelost.

Vor allem an dem Losprinzip und an der Tatsache, dass die Wohnortnähe gar kein Auswahlkriterium mehr ist, gab es von Anfang an Kritik.

Hoher Numerus clausus

Auch der alleinerziehende Vater Oliver G. prangert die Ungerechtigkeit dieses Systems an. Seine Tochter Fabienne sei trotz eines guten Notendurchschnitts von 1,7 nicht an ihrer Wunschschule, dem Heinz-Berggruen-Gymnasium in Westend angenommen worden. An dem beliebten Gymnasium hat es 96 Bewerber auf 64 Plätze gegeben. Nur Schüler, die mindestens einen Durchschnitt von 1,6 hatten wurden von der Schule ausgewählt worden. Im Losverfahren habe nun ein Mitschüler mit einem Schnitt von 2,6 einen Platz bekommen. Fabienne dagegen hatte kein Losglück. Dabei habe sie nicht nur die besseren Leistungen sondern wohne auch noch in unmittelbarer Nähe der Schule. Für die Tochter sei das kaum nachvollziehbar.

„Nach den alten Aufnahmebedingungen wäre ihr der Platz sicher gewesen“, sagt der Vater. Er findet, die Wohnortnähe müsse wieder eine stärkere Rolle bei der Auswahl der Schüler spielen. Der Vater will nun von einer Anwältin prüfen lassen, ob beim Auswahlverfahren des Berggruen-Gymnasiums alles korrekt gelaufen ist. Auch er hofft, dass seine Tochter auf dem Weg der Klage noch eine Chance auf einen Platz an der Wunschschule bekommt.

Die für die Schulen zuständige Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat angekündigt, dass eine Arbeitsgruppe das Aufnahmeverfahren auswerten soll. Insbesondere soll überprüft werden, ob künftig Wohnortnähe und bereits vorhandene Geschwister an der gewünschten Schule künftig wieder eine stärkere Rolle bei der Auswahl an stark nachgefragten Schulen spielen soll. Der Landeselternausschuss (Lea) will fordert vor allem, dass die weiterführenden Schulen nicht nur nach dem Notendurchschnitt auswählen. Auf diese Weise hätte sich an beliebten Schulen ein Numerus clausus herausgebildet, sagt Günter Peiritsch, Vorsitzender des Lea.

Insgesamt zeigte sich die Bildungsverwaltung jedoch zufrieden. Bei den knapp 22.000 Sechstklässlern sei es zu 95 Prozent gelungen, einen Platz an einer der drei Wunschschulen zuzuweisen.

Dennoch machen sich die Bezirke auf Widersprüche und Klagen gefasst. Vor allem Tempelhof-Schöneberg, Friedrichshain-Kreuzberg und Pankow aber auch Neukölln und Mitte werden von juristischen Auseinandersetzungen betroffen sein, denn hier gab es die meisten Ablehnungen an den Wunschschulen.