Wahre Werte

Verantwortung tragen

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Christine Richter und Reto Klar (Foto)

Foto: Reto Klar

Wir stellen Menschen vor, die für wahre Werte stehen.

Verantwortung - ein großes Wort, ein wichtiger Wert. Jeder Mensch, vor allem aber ein Politiker, übernimmt Verantwortung – für sich, für seine Familienangehörigen, für andere Menschen. Wie Rudolf Seiters, der ehemalige Bundesminister für besondere Aufgaben und Chef des Bundeskanzleramts, der von 1991 bis 1993 auch Bundesinnenminister war, später dann vier Jahre lang Vizepräsident des Deutschen Bundestages und nach seinem Ausscheiden aus der Politik nun seit 2003 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist. Ein Gespräch mit dem 74 Jahre alten CDU-Politiker über Verantwortung.

Morgenpost Online: Herr Seiters, was bedeutet Verantwortung für Sie?

Rudolf Seiters: Das kommt auf die Lebenssituation an. Übernimmt man Verantwortung für sich selbst oder für jemand anderen? In meinem beruflichen Leben war ich zunächst für mich selbst verantwortlich – dann für meinen Wahlkreis und für Menschen, die Hilfe brauchten und in meine Sprechstunde kamen. Als Parlamentarischer Geschäftsführer war ich später verantwortlich für meine Kollegen, aber besonders für die Arbeit in der CDU/CSU-Fraktion. Das Ausmaß der Verantwortung wurde natürlich größer, als ich dann Minister war. In den Jahren der Wiedervereinigung mussten wir sehr viele Entscheidungen treffen, uns immer wieder selber prüfen, ob das, was wir tun, richtig ist für die Menschen. Die einfache, aber doch auch schwierige Frage lautete: Können wir das, was wir tun, verantworten?

Morgenpost Online: Was hat Sie gereizt, so viel Verantwortung in Ihrem beruflichen Leben zu übernehmen?

Rudolf Seiters: Meine Kindheit und meine Jugend haben mich stark geprägt. Ich war am Ende des Zweiten Weltkriegs sieben Jahre alt, mein Vater war mit schweren Verletzungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen. Er war Alleinverdiener, wie es heute heißt. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt und die vier Kinder. Wir Kinder, ich war der Jüngste, mussten also schon früh Verantwortung übernehmen. Wir mussten nach dem Krieg unser Haus für ein Jahr britischen Soldaten überlassen und haben dann in zwei Zimmern gelebt. Ich habe damals und später im Studium gelernt, mit Einschränkungen umzugehen und Pflichten zu übernehmen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: zu erkennen, dass die Übernahme von Pflichten auch Freude machen kann. Verantwortung und Pflichten gehören für mich zusammen. Da ich mich immer für Politik und Geschichte interessiert habe, war für mich der Weg in politische Jugendorganisationen und in die Politik vorgezeichnet.

Morgenpost Online: Was war für Sie die spannendste Zeit, in der Sie Verantwortung übernommen und Entscheidungen getroffen haben?

Rudolf Seiters: Es wird ja viel über den Abgeordneten-Beruf gesprochen, nicht immer positiv. Ich sage: Der Beruf des Abgeordneten ist einer der schönsten, den ich kenne. Weil man viele Dinge erfährt und weil man tatsächlich Menschen helfen kann. Darüber hinaus kann man die eigenen Überzeugungen in die Gesetzgebung einfließen lassen.

Morgenpost Online: War die Gestaltung der deutschen Einheit für Sie die größte Herausforderung? Sie hatten damals ja faktisch auch die Verantwortung für die DDR-Bürger, beispielsweise diejenigen, die in die Prager Botschaft geflohen waren.

Rudolf Seiters: Die Jahre 1989/1990 sind sicherlich für mich die prägendsten gewesen. Ich bin im April 1989 ins Kanzleramt gekommen, niemand hat damals gewusst, dass wir eineinhalb Jahre später die deutsche Einheit haben würden. Ich ahnte auch nicht, dass ich eine so verantwortungsvolle Position bekommen würde. Ich habe als Chef des Kanzleramtes die Verhandlungen mit der DDR-Regierung geführt. Wir mussten damals jede Woche, manchmal jeden Tag eine Entscheidung treffen – und mit dieser richtig umgehen. Wir wollten ja keine Eskalation der Ereignisse. Das ist uns, rückblickend, gut gelungen.

Morgenpost Online: Später, im Jahr 1993, da waren Sie gerade seit knapp zwei Jahren Bundesinnenminister, haben Sie wieder Verantwortung übernommen. Bei dem Einsatz der GSG 9 in Bad Kleinen am 27. Juni 1993 sollten die RAF-Mitglieder Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams festgenommen werden. Grams wurde erschossen, auch der GSG-9-Mann Michael Newrzella verlor das Leben. Sie haben die politische Verantwortung übernommen und sind zurückgetreten. Sie waren für den Einsatz aber nicht persönlich verantwortlich. Woher weiß man, dass man dann dennoch die Verantwortung übernehmen muss?

Rudolf Seiters: In den Medien und im Bewusstsein sehr vieler Menschen galt und gilt bis heute die Meinung, dass dieser Rücktritt nicht nötig war. Ich hatte mir persönlich ja auch nichts vorzuwerfen. Mein Rücktritt wurde nicht gefordert, der Bundeskanzler drängte mich, im Amt zu bleiben. Es gab aber in Bad Kleinen zwei Tote, es gab schwere Fehler der Einsatzleitung sowie gravierende Fehler bei der Spurensicherung und der Tatortarbeit. Über Nacht wurden die Waffen, die Hände und Gesichter der Toten gereinigt. Die öffentliche Diskussion wurde immer aufgeregter. Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und das Fernsehmagazin „Monitor“ berichteten, Grams sei hingerichtet worden. Von Tag zu Tag gab es immer wildere Spekulationen, Medien fragten, ob etwas vertuscht werden sollte. Durch die falsche Tatort- und Spurensicherung war es unmöglich, das aufzuklären. Wir mussten die Universitätsinstitute in Zürich und Münster einschalten. Prüfdauer: sechs Monate. Ich hätte ein halbes Jahr nichts aufklären und keine Konsequenzen bei den Beamten ziehen können. Das war für mich ein nicht akzeptables Szenario. Mein Rücktritt war deshalb ein doppelter Akt der Schadensbegrenzung: Er sollte das Vertrauen der Bevölkerung stärken, dass der Staat nichts vertuscht. Und er sollte die Bundesregierung vor einem langen, unwürdigen Prozess der gegenseitigen Schuldzuweisung zwischen Ministerien und Behörden bewahren.

Morgenpost Online: Es gab noch mehrere Rücktritte, der Generalbundesanwalt Alexander von Stahl, der für den Einsatz verantwortlich war, wurde später entlassen, der Leiter des Bundeskriminalamts trat zurück. Der Polizeidirektor im Innenministerium wurde in den einstweiligen Ruhestand geschickt. Der Vizechef im BKA wurde versetzt, ebenso der Einsatzleiter in Bad Kleinen. Darüber hinaus wurden noch mehr Personalentscheidungen getroffen. Hätte das nicht ausgereicht?

Rudolf Seiters: Die Frage, die man sich in einer solchen Situation stellt, lautet: Was nutzt der Sache, was schadet der Sache? Ich habe neben dem Signal, das ich in die Öffentlichkeit geben wollte, gesehen, dass wir in eine Situation mit Schuldzuweisungen innerhalb der Bundesregierung hineinkommen. An dem Tag der Beerdigung des GSG-9-Manns Newrzella fand später eine gemeinsame Sitzung des Innen- und Rechtsausschusses des Bundestag statt. Mir wurde persönlich nichts vorgeworfen, aber es gab eine massive Kritik am Generalbundesanwalt. Er hatte die Einsatzleitung in Bad Kleinen, und er hatte auch falsche, unzureichende Informationen an die Öffentlichkeit gegeben. Ich war dagegen immer der Auffassung, alle Fakten sollten sofort auf den Tisch gelegt werden.

Morgenpost Online: Haben Sie den Rücktritt bereut?

Rudolf Seiters: Nein, bis heute nicht. Es war aber eine schmerzhafte Entscheidung. Ich habe sie in Abstimmung mit meiner Frau getroffen. Die ersten Wochen waren nicht einfach, man sitzt plötzlich nicht mehr am Kabinettstisch. Aber meinem Einfluss in der Politik hat der Rücktritt letztlich nicht geschadet. Ich bin danach mit Höchststimmenzahl in das CDU-Präsidium gewählt worden, ebenso in meinem Wahlkreis. Ich war später stellvertretender Fraktionsvorsitzender und Vizepräsident des Bundestags.

Morgenpost Online: Sie unterscheiden sich sehr von Politikern, die Fehler gemacht haben und dann lange am Amt klammern, bevor sie die politische Verantwortung übernehmen und zurücktreten. Siehe Karl-Theodor zu Guttenberg, siehe Christian Wulff. Ist das nur eine Frage des Charakters, oder weiß man, wann man für sich und andere politische Verantwortung übernehmen muss?

Rudolf Seiters: Die Geschichte zeigt, dass politisch erzwungene und von der Öffentlichkeit erzwungene Rücktritte selten etwas mit dem Ursprungsereignis zu tun haben, sondern damit, wie man mit Fehlern umging. Ob man sich dazu bekennt oder ob man stückchenweise etwas zugibt. Ich beziehe das jetzt auf keinen konkreten Fall. Die Offenheit, wie man mit eigenen Fehlern umgeht, ist immer noch die beste Garantie dafür, dass man glaubwürdig bleibt. Niemand ist fehlerfrei. Gerade im politischen Leben darf man nicht erwarten, dass alles immer fehlerfrei verläuft. Aber man muss damit offen umgehen.

Morgenpost Online: Nach Ihrem politischen Leben haben Sie Verantwortung für das Deutsche Rote Kreuz übernommen, anstatt zu sagen: Jetzt kümmere ich mich um meine Frau und Familie. Sie können gar nicht anders?

Rudolf Seiters: Ich wollte nach 33 Jahren im Bundestag meine Erfahrung in die ehrenamtliche Arbeit einbringen. Ich habe deshalb keine Angebote aus der Wirtschaft angenommen, sondern bin nun seit 2003 Präsident des DRK. Mit meinen guten Kontakten in alle politischen Lager kann ich sehr hilfreich sein für eine solche humanitäre Organisation. Mich verbinden mit dem DRK zwei emotionale Ereignisse: In der Prager Botschaft 1989 hat das DRK hervorragende Arbeit geleistet. Und 1990 haben wir 300 Millionen D-Mark für die Kliniken in der DDR zur Verfügung gestellt. Das DRK hat das umgesetzt und sehr gut gemacht. Deshalb war das Deutsche Rote Kreuz für mich ein sehr interessanter Partner. Mir geht es auch darum, anderen Menschen helfen zu können. Man kann außerdem nicht von 100 Prozent auf null runter. Jetzt bin ich bei 80 Prozent.

Morgenpost Online: In einer Hinsicht jedoch haben Sie in Ihrem Leben weniger Verantwortung übernommen: um die Familie, um Ihre drei Töchter hat sich Ihre Frau gekümmert.

Rudolf Seiters: Auch das ist richtig. Meine Frau war meine beste Beraterin und hat sich um die Familie gekümmert. Meine jüngste Tochter hat kürzlich erzählt, dass sie montags oftmals geweint hat, wenn ich von unserem Zuhause in Papenburg nach Bonn gefahren bin. Sie hätte einmal, als sie noch klein war, im Fernsehen gesehen, dass es einen Brand in Bonn gegeben hatte. Darauf hätte sie dann ganz glücklich gesagt: „Vati, Bonn ist abgebrannt, da musst du nicht mehr hin.“ Nun, bei einem solchen Beruf ist es wohl nicht anders machbar, als dass die Frau sich um die Familie kümmert.

Morgenpost Online: Verantwortung ist nur einer von vielen Werten. Was ist für Sie der wichtigste unter den bürgerlichen Werten?

Rudolf Seiters: Im politischen Handeln sind ein innerer Kompass, ein Wertefundament und Verlässlichkeit sehr wichtig. Haltlose Versprechungen, Gefangenheit in Ideologien, Geschichtslosigkeit führen dagegen in die Irre. Unehrlichkeit und Untreue, das ist das Gegenteilspaar. Das hat mit Verantwortung nichts zu tun. Umso mehr: Ehrlichkeit und Treue.

Ein Leben in Verantwortung Der ehemalige Bundesinnenminister Rudolf Seiters ist seit dem Jahr 2003 Präsident des Deutschen Roten Kreuzes