Morgenpost-Serie

„Wahre Werte“: Familie

| Lesedauer: 14 Minuten
Nicole Dolif und Reto Klar (Foto)

Foto: Reto Klar

Wir stellen Menschen vor, die für wahre Werte stehen.

Ob es sieben Kinder waren, acht oder vielleicht auch zehn, die in den vergangenen fünf Jahren bei ihr gelebt haben, weiß Angelika Dietrich gar nicht mehr genau. Das ist ihr aber auch nicht so wichtig. Für sie wiegt viel schwerer, dass sie den Kindern in dem Moment Geborgenheit geben konnte, als sie sie wirklich brauchten. Dass sie ihnen die Hand geben konnte. Und dass meistens schon nach ein paar Minuten ein erstes Lächeln über das bis dahin ernste Kindergesicht huschte. Erstes Vertrauen. Irgendwann ist dieser Moment immer da. Manchmal schon nach ein paar Stunden, manchmal erst nach Tagen – je nachdem, wie alt das Kind ist. Und was es schon erlebt hat. Ob es von überforderten Eltern allein in der Wohnung zurückgelassen wurde. Ob es misshandelt wurde. Oder sich einfach niemand gekümmert hat. Diese Kinder bekommen in Angelika Dietrichs Familie Geborgenheit, ein Zuhause auf Zeit.

„Krisenpflege“ nennt sich das im Behördendeutsch. Drei Monate lang kümmert sich Angelika Dietrich um das Kind, dann muss eine andere Lösung gefunden werden. Zurück in die Familie, in eine Einrichtung oder zu einer Dauerpflegefamilie.

Traumatische Erfahrungen, die sie niemals vergessen

Im vergangenen Jahr musste die Polizei in Berlin 580 Mal wegen der Verletzung der Fürsorge- und Aufsichtspflicht einschreiten – das sind 19 Fälle mehr als noch im Vorjahr. Sie befreiten Kinder aus verdreckten, verwahrlosten Wohnungen, übergaben sie dem Jugendamt. In weiteren 491 Fällen mussten die Beamten wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen ermitteln. Immerhin 122 Fälle weniger als noch ein Jahr zuvor. Die Zahlen schwanken jedes Jahr, da sie stark von der Anzeigebereitschaft der Nachbarn abhängen. Insgesamt gibt es aber nirgendwo in Deutschland so viele Fälle von verwahrlosten, misshandelten Kindern wie in Berlin. Das liege zum einen an der Großstadt „mit den vielen Problembezirken“, sagt Gina Graichen, Leiterin des zuständigen Kommissariats LKA 125, zuständig für Delikte an Schutzbefohlenen. Zum anderen aber auch daran, dass es nur in Berlin ein eigenes Kommissariat mit rund zwölf Mitarbeitern für dieses Fälle gibt. „Dadurch ist das Thema viel mehr in der Öffentlichkeit“, sagt Graichen, „wir werden öfter informiert und können eingreifen.“

Etwa zehn Jahre ist es her, dass sie mit ihren Kollegen alle paar Wochen wegen eines toten Kindes ermitteln musste. „Dabei stellten wir fest, dass in den meisten Fällen das Umfeld wusste, dass es Probleme in der Familie gab“, sagt Gina Graichen, „der Kinderarzt, die Erzieherin, auch Nachbarn. Aber trotzdem hat niemand etwas getan.“ Die Polizisten starteten eine Kampagne, machten Öffentlichkeitsarbeit und richteten eine Hotline ein, bei der man sich auch anonym melden kann (Tel: 4664/91 25 55). Dass ihr Kommissariat im vergangenen Jahr 19 Fälle mehr bearbeiten musste, sieht Gina Graichen positiv. „Jeder Fall, der ans Licht kommt“, sagt sie, „hat ein Kind aus dem Dunkel geholt.“

Sie lacht gern und viel

Angelika Dietrich erschüttert jedes einzelne Schicksal. „Diese Kinder machen schon ganz früh traumatische Erfahrungen, die sie wahrscheinlich nie wieder ganz vergessen werden“, sagt sie. Seit fünf Jahren nimmt die 58-Jährige Kinder auf, die ganz schnell aus ihren Familien müssen. Sie will ihnen zumindest für eine kurze Zeit ein bisschen Geborgenheit schenken. „Von dem Moment an, wenn das Kind vor meiner Tür steht, gehört es zu meiner Familie“, sagt Angelika Dietrich. „Es kommt mit zu Familienfeiern und lernt unsere Gewohnheiten und Rituale. Wir essen gemeinsam, schauen uns Bücher an, es gibt einen geregelten Tagesablauf.“ Die Kinder lernen Geborgenheit kennen, aber auch mal ein „Nein“. Sie erfahren Stabilität und Rückhalt. „Dafür ist eine Familie doch in erster Linie da“, sagt Angelika Dietrich, „und das will ich weitergeben, auch wenn es nur für ein paar Wochen ist.“

Für die allermeisten Kinder, die Angelika Dietrich bis jetzt aufgenommen hat, war Familienleben etwas vollkommen Neues. „Ich hatte schon eine Vierjährige, der die Mutter einen Fernseher ins Zimmer gestellt hat, damit das Kind sich beschäftigen kann, wenn es nachts aufwacht“, sagt Angelika Dietrich. Leise fügt sie hinzu: „Was die Kleine sich da wohl manchmal angeschaut hat …“ Wut empfindet die Pflegemutter aber nicht, wenn sie diese Geschichten erzählt. „Kaum eine Mutter meint es böse“, sagt Angelika Dietrich. „Meistens kommen sie mit ihrem Leben nicht klar.“

Angelika Dietrich ist eine fröhliche Frau. Sie lacht gern und viel, ihre halblangen roten Haare fallen ihr dabei ins Gesicht. Sie ist keine, die so schnell aus der Bahn geworfen wird. Sie will Stabilität geben in einer Zeit, in der jede zweite Ehe geschieden wird. In der Familie längst nicht mehr Vater-Mutter-Kind heißt, sondern Alleinerziehende und Patchwork-Familien nicht mehr zu einer Minderheit gehören. „Aber das kann alles funktionieren“, sagt sie. Drei leibliche Kinder hat sie großgezogen, zwei Söhne und eine Tochter. Sie sind mittlerweile erwachsen. Bei ihr lebt noch ihr 15-jähriger Pflegesohn Markus*. Als er zu ihr kam, war er gerade zwei Jahre alt. Kurz darauf starb seine Mutter an einer Überdosis Heroin – und Markus blieb.

„Als meine Kinder nach und nach auszogen und auch Markus aus dem Gröbsten raus war, habe ich gemerkt, dass es in meinem Leben noch Platz für Kinder gibt, die Hilfe brauchen“, sagt die gelernte Kinderkrankenschwester und Erzieherin aus Kreuzberg. Allerdings nur noch begrenzt. Ein kleines Kind bis zum Erwachsenenalter zu begleiten, das konnte sich die damals 53-Jährige nicht mehr vorstellen. „Ein kleines Kind gehört in eine junge Familie“, sagt sie.

Jeder Abschied fällt schwer

Aber im richtigen Moment helfen, das fand Angelika Dietrich eine gute Idee. Ganz bewusst hat sie die Entscheidung getroffen, eine Anlaufstelle für Krisenkinder zu werden. Auch wenn das meistens „so richtig hoppla hopp von jetzt auf gleich“ ist. Nämlich immer dann, wenn Jugendamt oder Polizei der Meinung sind, dass in der eigenen Familie das Kindeswohl gefährdet sein könnte. Dann bringen sie das Kind zu Angelika Dietrich. Das kann mitten in der Nacht sein. Oder im Morgengrauen. Mal ist es ein Säugling, ein andermal ein Schulkind. Deshalb ist das Kinderzimmer in ihrer Kreuzberger Wohnung immer einsatzbereit. Das Bett ist bezogen, es gibt Eisenbahnen für kleine Jungs, Püppchen für die Mädchen, eine Notgarnitur Kleidung. „Oft genug stehen die Leute vom Jugendamt mit einem Kind vor der Tür, das nur einen Schlüpfer trägt und sonst auch nichts dabei hat“, sagt Angelika Dietrich. „Entweder hatte das Kind zu Hause gar nichts zum Anziehen, oder es musste alles ganz schnell gehen.“

Am Anfang hat sich Angelika Dietrich Sorgen gemacht, ob sie das überhaupt kann. Ein Kind für eine begrenzte Zeit in ihr Herz schließen, es umsorgen und fördern – um es dann, nach maximal drei Monaten, wieder gehen zu lassen. Manchmal in eine vollkommen ungewisse Zukunft. Zurück zu drogensüchtigen oder psychisch kranken Eltern, in eine überforderte Familie. „Es ist es schwer zu sagen, was für das Kind das Beste ist“, sagt sie, „wenn eine Bindung zu den leiblichen Eltern da ist, darf man nichts unversucht lassen, die Familie zusammenzulassen.“ Aber es gebe da eben auch Familien, in denen Eltern und Kind gar kein Verhältnis zueinander haben. Oder in denen schon kleine Kinder einfach viel zu viel Verantwortung für ein überfordertes Elternteil übernehmen müssen. „Da habe ich dann ein besseres Gefühl, wenn das Kind in eine Pflegefamilie kommt“, sagt sie. Aber der Abschied, „der ist trotzdem jedes Mal furchtbar“.

Die Kinder brauchen Offenheit – sie selbst braucht sie auch

Angelika Dietrich spricht von Anfang an offen mit den Kindern. Sie sagt ihnen, dass sie hier nur für eine Weile bleiben. Sie glaubt, dass die Kinder Offenheit brauchen – und sie selbst braucht sie auch. „Es muss einfach für alle klar sein“, sagt sie, „sonst geht das nicht.“

Eines der ersten Kinder, die zu Angelika Dietrich kamen, war Svenja. „Wir brauchen einen Platz für ein zweijähriges Mädchen“, sagte eine Frau am Telefon damals, „und zwar ganz schnell.“ Polizei und Jugendamt hatten die Kleine gerade aus einer vollkommen verdreckten Wohnung befreit, das Mädchen war dort ganz allein. Zwei Stunden später stand Svenja mit einer Sozialarbeiterin vor der Tür von Angelika Dietrich. „Sie trug eine Art Schlafanzug, war total schmutzig, die Haare verfilzt“, sagt sie, „ihr Gesicht war ernst, erstarrt. Sie ließ alles einfach so über sich ergehen.“ Ganz still saß sie auf dem Sofa, beachtete das Spielzeug nicht, wollte weder essen noch trinken.

Nach ein paar Stunden kam Svenja langsam zu sich. Zaghaft lächelte sie ihre große Pflegeschwester an. Angelika Dietrich badete das Mädchen, zog ihr neue Sachen an, machte ihr etwas zu essen. „Das mache ich immer so“, sagt sie, „zum einen, weil die Kinder es meistens nötig haben, zum anderen auch, weil es ein Ritual ist, um irgendwo anzukommen, es sich gemütlich zu machen.“ Svenja kannte das alles nicht. Die Zuneigung, die Fürsorge. Angelika Dietrichs Stimme klingt noch heute betroffen. „Sie konnte nicht allein aus einem Becher trinken, aß nur mit den Fingern und weinte viel.“

Das sind dann die Momente, die eine Belastungsprobe für die eigene Familie darstellen. „Die macht ja alles kaputt“, sagte Angelika Dietrichs Pflegesohn entsetzt, als Svenja, statt zu spielen, einfach alles zerstörte. „Es ist nicht so einfach mit einem Pflegekind“, sagt Angelika Dietrich, „darüber muss sich die ganze Familie klar sein, das müssen wirklich alle wollen.“ Von einem Tag auf den anderen kommt plötzlich ein Kind dazu. Eines, das sich ganz und gar nicht so verhält wie die anderen. Das mit Sachen schmeißt, tobt und schreit. Das klammert und Angst hat, wieder verlassen zu werden. „Das ist anstrengend“, sagt Angelika Dietrich, „manchmal ein 24-Stunden-Job.“ Rund 1000 Euro bekommt sie vom Jugendamt dafür. „Das Geld kann man natürlich brauchen, weil die Kinder sehr aufwendig zu betreuen sind“, sagt sie, „aber sie haben auch so viel zu geben. Wenn sie sich plötzlich entwickeln, Fortschritte machen, das ist ganz toll.“

Svenja hat sich schnell gut entwickelt. Sie lernte spielen und lachen, sprechen und am Tisch essen. Ihre leibliche Mutter meldete sich in den drei Monaten, die das Mädchen bei Angelika Dietrich verbrachte, kein einziges Mal. Sie interessierte sich nicht für ihr Kind, hatte auch keinen Begriff davon, was sie ihm angetan hatte. Das Amt entschied, dass Svenja in einer Dauerpflegestelle besser aufgehoben sei als bei ihrer Mutter. „Der Abschied war schwer“, sagt Angelika Dietrich. Obwohl sie sich bemüht hat, eine professionelle Distanz zu dem Kind zu halten. „Ganz kurz habe ich überlegt, ob sie nicht bei uns bleiben kann“, sagt sie, „und meine Kinder auch.“ Doch dann hat sie die Gefühle beiseitegeschoben und angefangen, die Kindersachen zusammenzupacken und Fotos in ein Erinnerungsbüchlein zu kleben. Das macht sie für alle Kinder zum Abschied. „Damit sie später wissen, wo sie mal ein paar Monate verbracht haben.“ Dann hat sie Svenja in ihr neues Zuhause gebracht. „Es geht ihr gut dort“, sagt sie, „sehr gut.“ Wenn Svenja zurück zu ihrer Mutter gekommen wäre, hätte sie sich immer Sorgen gemacht. „Ich hätte mich gefragt, ob sich jemand gut um sie kümmert.“

Die meisten ihrer Krisenkinder halten den Kontakt zu Angelika Dietrich nicht. „Das ist auch in Ordnung so“, sagt sie, „meine Familie ist für sie eine Zwischenstation, aus der sie hoffentlich etwas für ihr späteres Leben mitnehmen können.“ Manchmal hört sie noch etwas über das Jugendamt oder Bekannte. „Ein Mädchen ruft mich auch manchmal noch an“, sagt Angelika Dietrich, „Sie ist jetzt sechs und war im vergangenen Jahr bei mir.“ Neulich klingelte mal wieder das Telefon. „Hallo, Angelika“, sagt das Mädchen atemlos in den Hörer, „ich hab eigentlich gar keine Zeit. Denn ich gehe jetzt zu einer Pyjamaparty.“ Angelika Dietrich lacht, während sie das erzählt. „Da wusste ich, wir haben alles richtig gemacht.“

*alle Kindernamen sind geändert