Loveparade-Tragödie

Duisburg zwingt Sauerland zur Verantwortung

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Kristian Frigelj

Foto: dpa

Eineinhalb Jahre nach dem Unglück stimmt Duisburg über seinen Oberbürgermeister ab. Soll er bleiben oder gehen? Die Wahlberechtigten urteilen damit über die Verantwortung von Adolf Sauerland für die Loveparade-Katastrophe.

Adolf Sauerland spricht über Verantwortung. Er hat dieses Wort schon so oft gedacht, erforscht, ausgesprochen, und er hat erklärt, dass er moralische Verantwortung übernehme. Es verfolgt ihn. Es ist sein zweiter Schatten geworden.

Eines Abends in der Duisburger Cubus-Kunsthalle wird der Oberbürgermeister wieder einmal darüber reden. Sauerland eilt von Gast zu Gast, schüttelt Hände, hält ein Schwätzchen. Sein linker Arm ist geschient, Sehnenentzündung. Aber er bleibt im Dienst, gern sogar, und den Neujahrsempfang des CDU-Stadtbezirks Duisburg-Mitte sagt man nicht einfach ab. Schon gar nicht in dieser Situation.

Auf den Tischen liegen Faltblätter mit der Aufschrift „Keine Experimente! Zukunft gestalten. Nein zur Abwahl von Oberbürgermeister Adolf Sauerland“. Sie sehen anders aus als jene Faltblätter, die eine Bürgerinitiative tagsüber in der Fußgängerzone der Stadt verteilt und auf denen gedruckt ist: „Ja! Abwahl von Oberbürgermeister Sauerland“.

Soll Sauerland bleiben oder soll er gehen: Vor dieser Gretchenfrage steht Duisburg am kommenden Sonntag. Die Wahlberechtigten urteilen damit über die Verantwortung des Oberbürgermeisters, über die seit eineinhalb Jahren öffentlich gestritten wird. Seit dem 24.Juli 2010. Dem Tag der letzten Loveparade, bei der 21 junge Menschen starben und 500 verletzt wurden, weil Fehler gemacht wurden. Es geht damit auch um die Frage, ab wann Politiker einstehen müssen, für Fehler, die während ihrer Amtszeit gemacht werden.

In Berlin groß und populär geworden

Die bunte Massenveranstaltung war in Berlin groß und populär geworden. Sie sollte ab 2007 dem Ruhrgebiet, das gern so hip und schick wäre wie die Hauptstadt, Glanz verleihen. Die Freude war groß, in der Landesregierung, in der Opposition. Die Events in Essen und Dortmund verliefen scheinbar gut. Manche sagen heute über Dortmund, man sei schon damals nur um Haaresbreite einem Unglück entkommen. Dann kam die Loveparade 2010 nach Duisburg – es war ihr Ende.

Rainer Schaller von der Veranstalterunternehmen „Lopavent“ verkündete nach dem Chaos mit Todesopfern, dass es keine Loveparade mehr geben werde. „Das besonders Tragische an diesem Unglück ist, dass es Menschen getroffen hat, die gerade dabei waren, ihr eigenes Leben zu finden. Es trifft das Lebensgefühl, das Herz einer ganzen Generation“, sagt der evangelische Notfallseelsorger Uwe Rieske, der weiter in Kontakt steht mit Hinterbliebenen und Überlebenden.

Beim CDU-Neujahrsempfang in der Kunsthalle geht es erst einmal nicht um die Katastrophe. Sauerland hält zunächst eine Wahlkampfrede. Er beschreibt die Erfolge der vergangenen Jahre und wie er mit der CDU 2004 die jahrzehntelange Übermacht der SPD gebrochen habe. Er klagt über die Sozialdemokraten als „Statthalter des Sozialismus“, die Karrieren nur jener beförderten, die das richtige Parteibuch besäßen. Dann, nach einer halben Stunde, kommt er auf die Loveparade zu sprechen. „Es war die politische Verantwortung aller 75 Mitglieder des Rates.“ Er sei einer von ihnen, und der Stadtrat habe sich schließlich einstimmig für die Veranstaltung ausgesprochen.

Die Frage nach der Verantwortung ist an ihm hängen geblieben, schon am Tag der Tragödie, als er abends erklärte, die Menschen seien wegen individueller Fehler gestorben, auch weil sie versucht hätten, über die Sicherheitszäune zu klettern. Das waren Informationen, die er bekam. Sie waren falsch, denn die Opfer wurden in der Masse niedergetrampelt, erdrückt. Einen Tag später wirkte der Oberbürgermeister in der Pressekonferenz mit Zuständigen und Verantwortlichen besonders hilflos, verlor sich in Floskeln.

Die Antreiber der Initiative „Neuanfang für Duisburg“, Werner Hüsken und Theo Steegmann, betonen, dass der OB formal der Chef der Stadtverwaltung sei, die an den Vorbereitungen der Loveparade beteiligt war und sie genehmigt hat. „Wir sprechen nicht von einer persönlichen Schuld von Herrn Sauerland. Aber es geht um die Verantwortung kraft seines Amtes“, sagt Hüsken. Sauerland habe dem Amt „die Würde genommen“, steht in dem Faltblatt des Abwahlbündnisses, das von SPD, Grünen und Linken unterstützt wird. „Wir meinen, er kann Duisburg nicht mehr vertreten, weder nach innen noch nach außen.“ Sie verurteilen sein „peinliches Agieren“ seit der Katastrophe, seine „mangelnde Sensibilität“ und seine „Unfähigkeit, politische und moralische Verantwortung zu übernehmen“. Sie forderten vergeblich seinen Rücktritt und leiteten dann das Abwahlverfahren ein.

Sauerland gibt zu, dass er sich aus juristischer Vorsicht nicht früher zur moralischen Verantwortung bekannt habe. Es sei schwierig gewesen, richtig zu reagieren, erklärt er vor Parteifreunden: „Dass ich Fehler gemacht habe, gestehe ich gern zu.“ Er habe „reagiert wie ein armes Schwein“, und das tue ihm leid.

Es sind die ersten Tage nach der Katastrophe, die das öffentliche Bild von ihm geprägt haben – es lässt sich wohl kaum mehr ändern, so sehr Sauerland das auch versucht.

Er war einmal beliebt, man beschrieb ihn nach dem Wahlsieg als „volkstümlich“ mit seinem Ruhrpott-Dialekt. Von dieser Popularität ist wenig übriggeblieben. Erst bekommt er Morddrohungen und zieht mit seiner Familie zeitweise weg aus Duisburg. Fortan fährt er täglich 160 Kilometer ins Rathaus und zurück. Er macht weiter, geht zu Terminen, unermüdlich, lässt sich mitunter ausbuhen und behält die Fassung, als ihm jemand Ketchup ins Gesicht schüttet. Er hält sich fern, als am ersten Jahrestag der Tragödie eine Trauerfeier im Fußballstadion ausgerichtet wird. Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen – die ihn nicht dabei haben wollen. Dann sammeln Bürger mehr als 70000 Stimmen für das Abwahlverfahren gegen ihn. Zuletzt gerät er wegen Korruptionsverdachts ins Visier der Staatsanwaltschaft, was Sauerland jedoch als „völligen Quatsch“ zurückweist. Man fragt sich, was der Mensch und sein Amt noch aushalten können. Noch aushalten sollten. Nur manchmal fährt er aus der Haut, schimpft über den „Scheiß-Journalismus“ und weigert sich, bestimmte Zeitungen noch zu lesen.

"Erleichterung für ihn und die Stadt“

Sein Image ist dahin, doch der 56-jährige frühere Lehrer sieht sich in der Pflicht, gerade jetzt im Amt zu bleiben. Er sagt, dass er sich schützend vor die Verwaltung stellen wolle. Er betont, dass es ihm nicht um die Versorgungsansprüche gehe. So sieht er es. Sauerland gehört nicht zu den 16 Beschuldigten der Staatsanwaltschaft. Freilich sind elf seiner Mitarbeiter betroffen. „Wenn ein Fehler im Aufgabenbereich der Verwaltung begangen wurde, dann muss ich mir den Schuh anziehen“, sagt er auf CDU-Veranstaltungen. Aber das müssten erst die Gerichte klären. Vor einigen Wochen hat er auf dem Kreisparteitag betont: „Ich bleibe im Amt, solange man mir nicht als Chef der Verwaltung nachweist, dass in meinem politisch zu verantwortenden Bereich Fehler passiert sind.“ Die CDU, die um den Verlust des wichtigen Postens im Ruhrgebiet fürchtet, bestärkt ihn in dieser Haltung.

Ein anderer Grund mag auch sein, dass Sauerland eine parteipolitische Kampagne hinter der vermeintlichen Bürger-Initiative wittert. Wer Initiator Hüsken erreichen will, findet auf der Homepage vom „Duisburger Bündnis Abwahl“ eine Rufnummer, die einen zunächst zur hiesigen SPD führt. Die freundliche Dame gibt dann Hüskens Nummer weiter. Er selbst gibt sich darüber verwundert, will er doch nach eigenem Bekunden ausdrücklich nicht parteipolitisch verstanden werden.

Niemand vermag einzuschätzen, wie das Abwahlverfahren ausgeht. Ein Viertel aller Wahlberechtigten, also 92000 Personen, müsste das Ja ankreuzen, um Sauerland des Amtes zu entheben. Es ist ein beachtliches Quorum, und die Meinungen gehen bei den Bürgern auseinander, sogar in der Union. Eine langjährige Christdemokratin beklagt eine „persönliche Hatz“; eine andere sagt mitleidig, ein Abgang Sauerlands wäre eine „Erleichterung für ihn selbst und für die Stadt“.

Es gab eine kurze Zeit, da hat Sauerland über Rücktritt nachgedacht. Das war kurz nach der Unglück. Dann hat er sich anders entschieden. „Ich stehe mit dem Gedanken an die Loverparade auf und schlafe damit abends wieder ein. Es hat sich alles geändert“, hat er vor einiger Zeit gesagt und macht doch weiter wie bisher. Adolf Sauerland wirkt innerlich zerrissen wie jemand, der nichts und alles zu verlieren hat. Kurz vor Weihnachten sagte in ruhigen Worten: „Als Oberbürgermeister hat man keine Angst vor dem Votum seiner Bürger. Es gibt viele, von denen ich weiß dass sie mich nicht mögen. Aber es gibt auch viele, von denen ich weiß, dass es umgekehrt ist.“