Inklusion

Lernkonzept kostet Berlin Millionen Euro

Deutschland will das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern fördern. Berlin könnte das 61,3 Millionen Euro pro Jahr kosten.

Foto: Marion Hunger

Um das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern in der Regelschule möglich zu machen, benötigt Berlin in den kommenden Jahren 864 Lehrer zusätzlich. Das geht aus einer am Freitag veröffentlichten Studie der Bertelsmann Stiftung hervor. Hintergrund ist das Inkrafttreten einer UN-Konvention, nach der sich Deutschland vor drei Jahren zur Aufnahme von Kindern mit hohem Förderbedarf an normalen Schulen – von Fachleuten Inklusion genannt – verpflichtet hat.

Pro Jahr kämen somit 61,3 Millionen Euro Mehrkosten auf die Hauptstadt zu. Bundesweit werden fast 10.000 Lehrer gebraucht, um die Inklusion an den Schulen umzusetzen. Die zusätzlichen Kosten belaufen sich laut Studie auf rund 660 Millionen Euro jährlich. Diese Summe bezieht sich nur auf die zusätzlichen Personalkosten, nicht etwa auf Umbaumaßnahmen wie den barrierefreien Zugang der Schulen. Dazu kämen Kosten für rund 85.000 besonders schwer in Regelschulen integrierbare Schüler, die zunächst herausgerechnet worden sind.

Konzept wird überarbeitet

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) gibt zu bedenken, dass die genaue Zahl der Lehrer sowie die Summe der zusätzlich benötigten Mittel davon abhängen werden, welches Inklusionskonzept umgesetzt werden soll. Das stehe für Berlin noch nicht fest. Mit dem von ihrem Vorgänger Jürgen Zöllner (SPD) vorgelegten Konzept ist Scheeres nicht zufrieden. „Wir werden es überarbeiten“, sagt sie. Demnächst werde ein Beirat, dem Vertreter aller Betroffenen angehören sollen, die Arbeit aufnehmen. Und Scheeres stellt klar: „Mit mir wird es keine kostenneutrale Umsetzung eines Inklusionskonzepts geben.“ Sie beruft sich dabei auf den Koalitionsvertrag, in dem festgelegt ist, dass die erforderlichen Ressourcen sowohl personeller als auch materieller Art bereitgestellt werden sollen.

Das Konzept von Jürgen Zöllner sah indes vor, Inklusion kostenneutral umzusetzen. Die durch die Auflösung der Förderschulen frei werdenden Lehrer sollten an die Regelschulen versetzt werden. Zusätzliches Personal war nicht geplant. Alle Fraktionen waren sich im Sommer vergangenen Jahres jedoch einig, dass diese Umverteilung nicht ausreichen würde und lehnten Zöllners Konzept deshalb ab.

Auch in der Bertelsmann-Studie heißt es nun, dass das Geld und die Stellen, die durch die Umstellung an bisherigen Förderschulen frei werden, nicht ausreichend seien, wenn der Umfang der Förderung nicht reduziert werden soll.

Auch die Vorsitzende des Berliner Grundschulverbandes, Inge Hirschmann, hat große Bedenken, was die personelle Ausstattung der Schulen angeht. Sie habe Informationen, nach denen im kommenden Schuljahr etwa 185 Lehrerstellen für die integrative Schule eingespart werden sollen. Das sei katastrophal, zumal die Zahl der besonders förderbedürftigen Kinder zunehme. „Berlin ist eine Metropole, in der viele arme Menschen leben“, sagt Hirschmann. In diesen Familien gebe es besonders viele Kinder, die Probleme mit Lernen, Verhalten oder Sprache hätten. Diese Kinder bräuchten eine intensive pädagogische Betreuung.

Keine Einigung mit Finanzsenator

Nach Informationen von Morgenpost Online liegt ein Entwurf der Zumessungsrichtlinien – diese legen den Personalbestand der Schulen fest – bei der Finanzverwaltung. Offenbar konnte bisher darüber keine Einigung zwischen Bildungs- und Finanzverwaltung erzielt werden. Besonderen Förderbedarf haben in Deutschland rund eine halbe Million verhaltensauffällige, lern- oder körperbehinderte Schüler. Im Schuljahr 2010/11 betrug die Förderquote 6,4 Prozent.

Der Anteil der besonders zu fördernden Kinder, die bereits an einer Regelschule lernen, lag 2011 bei 22,3 Prozent. Besonders weit ist dabei Schleswig-Holstein, wo 49,9 Prozent dieser Kinder gemeinsam mit anderen Schülern lernen. In Berlin sind es 43,9 Prozent.

Philologenverband warnt

Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbandes, warnt dennoch angesichts dieser Zahlen: „Die Höhe der Inklusionsquote sagt für sich noch überhaupt nichts aus über die Qualität der inklusiven Beschulung. Italien hat beispielsweise ein hohe Inklusionsquote, aber eine nachweislich schlechtere Förderung behinderter Kinder als Deutschland.“

Sorgfalt, Gründlichkeit und Nachhaltigkeit müssten Vorrang vor Schnelligkeit haben. Meidinger mahnt auch an, dass die Umsetzung des Inklusionsgedankens nicht dazu führen dürfe, dass für alle anderen dringend notwendigen Schulreformen kein Geld mehr da sei. „Nötig sind zusätzliche Mittel, diese Herausforderung ist nicht durch bloße Umschichtungen innerhalb der Schuletats zu stemmen“, betont er.

Der Vorsitzende des Philologenverbandes kritisiert auch die Behauptung des Auftragsgebers der Studie, Jörg Dräger, die Förderschulen in Deutschland hätten versagt. „Dies ist eine Negierung des Willens zahlreicher Eltern, die ihre Kinder bewusst an diese Schulen schickten, und eine Missachtung der mühsamen Arbeit enorm engagierter Lehrkräfte an Förderschulen.“

In Berlin soll mindestens eine Förderschule pro Bezirk bestehen bleiben, das bekräftigte auch Senatorin Scheeres bei ihrem jüngsten Besuch der Helene-Haeusler-Schule in Prenzlauer Berg.