Jahrgangsübergreifendes Lernen

Alle in einem Klassenzimmer - geht das gut?

Das Jahrgangsübergreifendes Lernen (Jül) ist einer der Streitpunkte des neuen Berliner Senats. Ziel dabei ist es, den Frontalunterricht abzuschaffen und jedes einzelne Kind besser zu fördern. Freiwillig oder nicht?

Foto: Marion Hunger

Mischen oder nicht? Diese Frage sorgt in Berlin seit Jahren für Streit unter Lehren, Eltern und Politikern. Und ganz sicher wird sie auch in den laufenden Koalitionsgesprächen zu harten Auseinandersetzungen führen. Es geht darum, ob Grundschulkinder unterschiedlichen Alters in einer Klasse gemeinsam lernen oder ob man die Jahrgänge trennt, wie das bis vor Kurzem noch der Regelfall war. Jahrgangsübergreifendes Lernen, kurz Jül, wird die Reform genannt, die den Diskurs um die richtige Unterrichtsmethode geradezu emotionalisiert.

Jül - drei Berliner Beispiele:

>>> Wedding: "Jül ist nur sinnvoll, wenn Eltern und Lehrer es wollen"

>>> Neukölln: Wenn die Lehrerin für Schulanfänger einziges Sprachvorbild ist

>>> Kreuzberg: "Kinder können anderen KIndern sehr gut etwas erklären"

Die Fronten verhärteten sich, als 2004 mit der Grundschulreform eine verbindliche Einführung der Jahrgangsmischung in der Schulanfangsphase (1. und 2. Klasse) festgelegt wurde. Während die Befürworter betonen, dass diese Unterrichtsform besonders geeignet ist, mit heterogenen Lerngruppen umzugehen und unterschiedlich weit entwickelte Kinder zu fördern, führen die Gegner ins Feld, dass vielen Schulen gut ausgebildete Lehrer und Erzieher fehlen. Auch würden Kinder mit dermaßen großen Entwicklungsunterschieden eingeschult, dass es schon in Jahrgangsklassen schwer sei, auf jeden Schüler individuell einzugehen. Jül würde diese Unterschiede noch vergrößern, warnen sie. Viele Eltern stört zudem, dass es bei der Jahrgangsmischung keinen festen Klassenverband mehr gibt. Stattdessen würden die Lerngruppen jedes Schuljahr neu zusammengesetzt werden, kritisieren sie.

Die Positionen in der Regierungskoalition sind folgendermaßen: Die SPD will an der Verbindlichkeit von Jül festhalten, während die CDU es den Schulen überlassen möchte, welche Unterrichtsmethode sie anbieten.

Modern statt frontal

Pädagogen von Brennpunktschulen betonen, dass das Konzept des gemeinsamen Lernens nur mit Kindern funktioniert, die sprachgewandt und wissbegierig sind. Nicht aber in sozial schwachen Kiezen, wo Lehrer fehlen und in den Klassen viele verhaltensauffällige Kinder mit großen Sprachdefiziten sitzen. So ist es nur folgerichtig, dass in Neukölln besonders viele Grundschulen eine Abkehr von Jül beantragt haben.

Laut Schulgesetz sollten alle Grundschulen vom Schuljahr 2007/08 an in der Schulanfangsphase jahrgangsgemischte Klassen einrichten. Ziel war es, moderne Unterrichtsformen durchzusetzen. Der Frontalunterricht sollte abgeschafft werden. Für die Lehrer bedeutet das, dass sie mit differenzierten Aufgaben auf sehr unterschiedlich entwickelte Schüler eingehen müssen. Statt vor der Klasse zu stehen und allen Kindern die gleiche Anweisung zu geben, sollen sie einen offenen Unterricht machen und stark differenzieren. Das kostet sehr viel Kraft und bedarf einer anderen Ausbildung.

Nicht zuletzt deshalb war der Widerstand vieler Pädagogen gegen diese Form des Unterrichts groß. Bildungssenator Jürgen Zöllner gewährte den Schulen immer wieder Aufschub. Ende 2010 zog er dann die Notbremse und ermöglichte einen Ausstieg aus Jül. Die Reform, die viele Lehrer und Eltern auf die Barrikaden trieb, war damit rechtzeitig vor dem Wahlkampf entschärft worden.

Die Schulen, die raus wollten, konnten ein Alternativ-Konzept vorlegen, dass von der Bildungsverwaltung genehmigt werden musste. Daraus musste hervorgehen, wie jeder Schüler auch ohne Jül bestmöglich gefördert wird.

Bisher haben 71 Grundschulen die Abkehr von der Jahrgangsmischung beantragt. Darunter 30 Einrichtungen, die sich beharrlich geweigert und die Jahrgangsmischung gar nicht erst eingeführt haben. Die anderen 41 Schulen wollen Jül wieder abschaffen. Die Verwaltung hat kürzlich 67 dieser Anträge positiv beschieden. Die restlichen vier Schulen dürfen ihre Alternativkonzepte noch einmal überarbeiten.

Schulen fühlen sich allein gelassen

Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes und Schulleiterin der Heinrich-Zille-Grundschule in Kreuzberg, hält es für falsch, die Reform wieder in Frage zu stellen. An ihrer Schule werden seit sieben Jahren sogar Kinder der ersten bis dritten Klasse gemischt. Jül sei die richtige Reform, da sie die Pädagogen dazu zwinge, mit Heterogenität wirklich umzugehen, sagt Hirschmann. Gerade das sei dringend erforderlich, wenn bald das gemeinsame Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern umgesetzt werden soll. „Deutschland hat die UN-Konvention unterschrieben und sich damit verpflichtet, behinderte Kinder in die Regelschule zu integrieren.“ Alle Lehrer müssten sich daher mit Methoden auseinandersetzen, die geeignet sind, Kindern mit unterschiedlichem Leistungsvermögen gerecht zu werden.

Hirschmann räumt allerdings ein, dass es den Schulen nicht leicht gemacht worden ist, die Jahrgangsmischung einzuführen. Sie seien allein gelassen worden. Anders als die Integrierten Sekundarschulen hätten sie zum Beispiel kein Budget für Fortbildung bekommen und auch keine zusätzlichen Lehrerstunden für die Begleitung der Reform.

Andere Lehrer kritisieren, dass es kein verbindliches didaktisches Konzept für den Jahrgangsunterricht gibt. Jede Schule muss selbst eine Methode entwickeln. Das führt dazu, dass es Einrichtungen gibt, an denen Jül tatsächlich gut gelingt und andere, mit denen die Eltern höchst unzufrieden sind. Einige dieser Eltern haben bereits vor sechs Jahren eine Initiative gegen Jül gegründet. Deren Sprecherin Jaqueline Lucke sagt, dass Jül nur dann funktionieren kann, wenn die Schulen mit ausreichend qualifiziertem Personal ausgestattet sind. Auch müsse es genügend Räume für Teilungsunterricht geben. Beides sei in Berlin nicht gewährleistet. „Deshalb muss die Jahrgangsmischung freiwillig werden“, fordert Lucke.

Jül - drei Berliner Beispiele:

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