Verbeamtungsstopp

Berlins junge Lehrer drohen mit Abwanderung

Berlin ist das einzige Bundesland, in dem Lehrer nicht mehr verbeamtet werden. Das wird auch unter der neuen rot-schwarzen Koalition so bleiben. Die angestellten Lehrer reagieren: Jeder Dritte will Berlin verlassen.

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Berlins angestellte Lehrer sind mit ihrer Geduld am Ende. Sie wollen nicht länger hinnehmen, dass sie gegenüber ihren verbeamteten Kollegen finanziell deutlich im Nachteil sind. Lange haben sie stillgehalten und auf eine Veränderung ihrer Situation gehofft. Doch seit SPD und CDU in den Koalitionsgesprächen festgelegt haben, dass Berlin nicht zur Verbeamtung von Lehrern zurückkehren wird, hat sich die Lage dramatisch zugespitzt. Ärger ist in Wut umgeschlagen.

Sind bisher einzelne Pädagogen in andere Bundesländer abgewandert, um der Ungleichbehandlung zu entgehen, haben nun viele angekündigt, die Stadt zu verlassen. Da ein großer Teil der Schulen schon jetzt Personalprobleme hat, ist im kommenden Schuljahr ein dramatischer Fachkräftemangel zu erwarten.

Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren des Landes Berlin (VOB), warnt bereits vor einer massenhaften Abwanderung von Lehrkräften. Allein von den rund 1400 angestellten Pädagogen, die an den etwa 100 Berliner Schulen arbeiten, die im VOB organisiert sind, würden 530 gehen wollen. „Das ist mehr als jeder Dritte.“

Eine Umfrage seines Verbandes habe gezeigt, dass es Gymnasien gebe, an denen bereits mehr als 80 Prozent der angestellten Lehrkräfte einen Antrag auf Freistellung von dem mit Berlin geschlossenen Vertrag auf Beschäftigung gestellt haben, so Treptow weiter. Größtenteils seien es die jüngsten Lehrkräfte der Schulen, die Berlin verlassen wollten. Wie berichtet, wollen etwa am Steglitzer Beethoven-Gymnasium 17 der 22 angestellten Kollegen einen Feistellungsantrag stellen.

Torsten Ulrich von der Initiative „Verbeamtung jetzt“, spricht sogar von mindestens 600 Lehrern, die wegwollen. „Viele haben die Entscheidung der Koalition abgewartet und dann ihre Entscheidung getroffen“, sagte er. Selbst wenn nicht alle am Ende des Schuljahres gehen würden, sei das für die Schulen nicht zu verkraften. „Es gibt einfach keine Lehrer mehr, der Markt ist leer.“ Nicht nur in Mathematik oder Physik, auch in Deutsch würden inzwischen Lehrer fehlen.

Bitter enttäuscht darüber, dass die neue Landesregierung an ihrer Situation nichts ändern will, haben sich die angestellten Pädagogen jetzt in einem Netzwerk zusammengeschlossen. Geplant sind Streiks, unter anderem während der Prüfungszeit für den mittleren Schulabschluss. Bei ihren Aktionen werden sie von der Initiative „Verbeamtung jetzt“ unterstützt, die sich bereits seit 2007 für eine Gleichstellung aller Lehrer starkmacht und inzwischen etwa 500 Mitstreiter hat.

Der Protest der angestellten Lehrkräfte richtet sich auch dagegen, dass Berlin in anderen Bundesländern um Lehrer wirbt und damit durch die Hintertür verbeamtet. Man werde geradezu dazu gezwungen, die Hauptstadt zu verlassen, um nach einigen Jahren als Beamter zurückzukehren, heißt es. Viele Schulleiter unterstützen ihre angestellten Lehrer. Sie befürchten, dass ihre ohnehin überlasteten Kollegien nicht mehr arbeitsfähig sein werden, wenn mehrere Lehrer kündigen. Michael Wüstenberg, Leiter des Lessing-Gymnasiums in Wedding, sagt, dass bereits jetzt kaum noch Fachkräfte zu finden sind. „Als Vertretungslehrer stehen uns nur noch Leute ohne zweites Staatsexamen oder Quereinsteiger zur Verfügung.“ Die Schulleiter befürchten, dass Fächer wie Informatik oder Latein nicht mehr gegeben werden können.