Tatort Berlin

Einbrecherbanden ziehen von Stadt zu Stadt

Tatort Berlin: Gut organisierte Einbrecherbanden aus anderen Ländern fahren in die Hauptstadt und steigen bevorzugt in Wohnungen ein. Die Täter sind oft sehr jung und weiblich.

Foto: Christof Rieken/nicht-bei-mir.de

Es war in den frühen Morgenstunden im Juli 2011, als die Berliner Polizei zuschlug. Insgesamt 120 Polizeibeamte mit sechs Spürhunden durchsuchten zeitgleich zehn Wohnungen und drei Geschäfte in Spandau, Mitte, Neukölln und Charlottenburg-Wilmersdorf. Die Razzien richteten sich gegen eine straff organisierte Einbrecherbande. Die Aktion verlief erfolgreich. Insgesamt wurden fünf Männer, die als Köpfe der Organisation galten, festgenommen.

Bei ihren Durchsuchungen staunten die Ermittler nicht schlecht: Sie beschlagnahmten neben Laptops, Uhren und Handys auch einen Porsche 911 und einen Mercedes S 500. Gegen die Bande, zu der Deutsche, Libanesen Türken, Jordanier und Franzosen gehörten, wurde seit Monaten ermittelt. Knapp 40 Einbrüche in Berlin und Brandenburg konnten die Fahnder den Männern damals nachweisen. Ein so großer Erfolg gegen Einbrecher stellt im Alltag der Berliner Polizei eher die Ausnahme als die Regel dar. Allein im vergangenen Jahr ist einem vorläufigen Lagebild zufolge die Zahl der Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser um rund 25 Prozent auf etwa 10.900 gestiegen.

Kriminaloberrat Markus Henninger von der Direktion 3 in Mitte macht dafür vor allem „reisende Täter“ verantwortlich. „Dabei handelt es sich meistens um reisende Familien aus Süd- und Osteuropa“, sagt Henninger. Die Familien kämen zumeist aus Kroatien, Serbien, Bosnien, Bulgarien und Rumänien. Bei vielen ist die Nationalität allerdings nicht geklärt.

Die Banden fallen nicht nur in Berlin in die Städte ein, sondern bundesweit. Besteht die Gefahr, dass die Täter, die insbesondere in Wohnungen einbrechen, gefasst werden könnten, ziehen sie weiter in die nächste Stadt. Für die Polizei erschwert das die Arbeit. „Sie sind sehr flexibel, mieten sich in Hotels ein oder übernachten in Pensionen und können die Stadt schnell wieder verlassen“, sagt Henninger. Nach seinen Erfahrungen sind die Täter meist junge Frauen, teilweise sogar erst 14 oder 16 Jahre alt. Und werden junge erwachsene Täter gefasst, geben diese sich trotzdem häufig als Kinder als. „Wir hatten schon einmal einen Fall, in dem eine 22-jährige Frau versucht hatte, sich als 13-Jährige auszugeben“, sagt Henninger.

Viele von ihnen können sich nicht ausweisen oder zeigen den Beamten „Fantasie-Ausweise“, die sie jünger machten. Die Polizei muss dann unter Umständen erst aufwendige Altersgutachten in Auftrag geben. Dabei wird etwa die Entwicklung der Zähne oder der Knochen untersucht. Doch das kostet Zeit und Geld. Allein im vergangenen Jahr nahm die Polizei 39 reisende Täter fest, denen 26 Einbrüche nachgewiesen werden konnten. Fast alle von ihnen waren junge Frauen zwischen 14 und 25 Jahren.

Bargeld ist die bevorzugte Beute

Die Täterinnen schlagen in der Regel tagsüber zu, wenn die Bewohner unterwegs oder bei der Arbeit sind. Sie ziehen dabei meist zu zweit oder zu dritt durch die Straßen und spähen die potenziellen Ziele aus. „Häufig fallen sie gar nicht auf, weil sie als junge Frauen nicht in das typische Täterprofil passen“, sagt Henninger.

Die Einbrüche würden häufig in Wohnvierteln mit hohem Migrantenanteil verübt. Ausgerüstet sind die Täter meist nur mit einem Schraubenzieher und einem sogenannten „Flipper“, einem Stück Plastik, mit denen sich zugezogene, aber nicht abgeschlossene Türen leicht öffnen lassen. Der eigentliche Einbruch geht dann schnell vonstatten. Während andere Täter Heimkinos stehlen, konzentrieren sich diese Einbrecher nur auf Schmuck und Bargeld. „Also alles, was sich problemlos am Körper verstecken lässt“, sagt Henninger. Laptops oder Fernseher wären dagegen viel zu auffällig und sind leicht zurückzuverfolgen.

Die Täterbanden sind straff organisiert. Gesteuert werden die Gruppen meist von wenigen Personen im Hintergrund. „Aus Ermittlungsverfahren wissen wir, dass die jungen Frauen von Hintermännern auch unter Druck gesetzt und dazu gezwungen werden“, sagt Henninger. Schmuck und Bargeld werden dann an einen Mittelsmann übergeben. Dieser versetzt den Schmuck unter anderem bei Pfandleihhäusern. Das Geschäft ist lukrativ. Je mehr Personen für eine Bande arbeiten, desto größer ist ihr Gewinn.

„Unser Ziel ist es, durch Festnahmen ihren Kostenfaktor zu erhöhen und so die Taten einzudämmen“, so Henninger. Wenn die Einbrecher dann auch noch rechtskräftig verurteilt werden, verlieren die Banden eine Einnahmequelle und damit Geld. Neben den reisenden Tätern, die grob geschätzt ein Drittel der Wohnungseinbrecher ausmachen, unterscheidet er noch zwischen den Gelegenheits-, Mehrfach- und Serientätern.

Der Gelegenheitstäter, auch „Beziehungstäter“ genannt, kennt das Opfer entweder persönlich oder wohnt in dessen unmittelbarer Nähe und erfährt zufällig, dass in einer bestimmten Wohnung etwas zu holen ist. Die Täter brechen dann mit Gewalt ein. Solche Täter begehen schätzungsweise bis zu 20 Prozent der Wohnungseinbrüche in Berlin. „Der überwiegende Teil der Einbrüche wird jedoch von Mehrfach- und Serientätern begangen“, so Henninger.

Meist sind es Jugendliche oder junge Erwachsene, die zum Teil bandenmäßig organisiert sind. Viele von ihnen sind bei der Polizei bereits als Intensivtäter oder „kiezorientierte Mehrfachtäter“ bekannt. Seltener geworden ist dagegen die sogenannte „Beschaffungskriminalität“ durch Drogenabhängige.

Viele Möglichkeiten für Kriminelle

Jens Tangenberg von der Direktion 1 haben die Einbrüche besonders im Dezember 2011 beschäftigt. Denn besonders in diesem Monat seien die Zahlen dramatisch gestiegen. In seiner Direktion, zu der die Bezirke Reinickendorf und Pankow gehören, gibt es besonders viele Villen und Einfamilienhäuser, die in der Vergangenheit vermehrt von Einbrechern heimgesucht wurden.

„Die Täter nutzten dabei die Dämmerung aus und brachen häufig zwischen 16 und 20 Uhr ein“, sagt Tangenberg. Für den massiven Zuwachs der Einbrüche macht Tangenberg auch einen Wandel innerhalb der kriminellen Szene verantwortlich. „Die Tendenz geht weg von der Gewaltkriminalität und hin zum Eigentumsdelikt wie etwa Einbruch“, sagt er. Schließlich hätten die Täter dabei selten zu befürchten, auf Gegenwehr zu stoßen. Auf der anderen Seite sind die Gewinne zu verlockend und das Risiko entdeckt zu werden, zu gering. Und Großstädte wie Berlin sind attraktiv: Auf relativ kleinem Raum bieten sich Tausende Einbruchsmöglichkeiten. Tangenbergs Erfahrung zeigt, dass die Täter, die in seiner Direktion zuschlagen, eher Deutsche sind. „Die haben meist schon eine kriminelle Karriere hinter sich“, sagt er.

Bei der Beute sind die Täter im Gegensatz zu jenen, die in Wohnungen einbrechen, nicht ganz so wählerisch. Egal ob Fernseher, Spielekonsole oder Laptop: Mitgenommen wird, was Geld bringt. „Die wissen genau, was sich gut verkaufen lässt und was sie lieber liegen lassen“, sagt Tangenberg. Die Täter gehen sehr professionell vor. Am Tatort selbst hinterlassen sie selten Spuren – abgesehen von aufgehebelten Türen und Fenstern.

Auch Tangenberg kennt das Phänomen der reisenden Täter. „Während der eine Teil der Bande das Objekt ausspäht, bricht der andere Teil in die Häuser ein“, sagt Tangenberg. Anschließend wird die Beute ins Ausland gebracht und von dort verkauft, meist über Pfandleihhäuser oder Verkaufsplattformen im Internet. Hier bieten sich für die Polizei Ansatzpunkte für Ermittlungen – wenn auch begrenzt. Während bei Schmuck die Herkunft oft ungewiss ist und die Opfer selten Fotografien der Stücke besitzen, besteht beispielsweise bei gestohlenen technischen Geräten eher die Wahrscheinlichkeit, die Täter zu fassen.

Mittlerweile schützen sich die Hausbewohner jedoch besser, glaubt Tangenberg. Denn immerhin mussten die Täter bei fast jedem dritten Einbruch aufgeben. Der Grund: Sie kamen nicht schnell genug ins Haus.

Nächster Teil: Einbruchsopfer berichten über ihre traumatischen Erlebnisse.

Die Berliner Morgenpost veranstaltet am Sonntag, 4. März 2012, exklusiv für ihre Leser eine Telefon-Aktion zum Thema Einbrüche. Dort beantworten von 10 bis 12.30 Uhr Experten der Berliner Polizei Fragen zur Kriminalitätslage und geben Tipps, wie Sie Ihr Eigentum sinnvoll schützen. Zudem steht ein Experte des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft Rede und Antwort. Ein Psychologe des Weißen Rings erläutert, wie Betroffene mit den seelischen Folgen nach einem Einbruchsdelikt fertig werden. Alle Details und Telefonnummern erhalten Sie am Sonntag.