Tatort Berlin

Einbrecher haben oft leichtes Spiel

Im Vergleich zum Vorjahr ist 2011 die Zahl der Einbrüche in Berlin um rund 25 Prozent gestiegen. Wie sicher können sich die Hauptstädter überhaupt noch fühlen? Morgenpost Online startet mit einer neuen Serie zum Thema Einbrüche. Heute: Woher die Täter kommen, was die Polizei unternimmt.

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Ihre Flucht endete brutal – an einem Laternenmast. Nach einer Verfolgungsjagd in Berlin-Britz hat die Polizei am Dienstagnachmittag vier Männer im Alter von 20 und 29 Jahren festgenommen. Weil der Fahrer des Fluchtwagens die Kontrolle verlor und an der Buschkrugallee gegen einen Laternenmast prallte, wurden die vier in ein Krankenhaus gebracht. Die Männer waren zuvor beobachtet worden, wie sie in eine Parterre-Wohnung an der Suderoder Straße eingestiegen waren. Offenbar verscheuchte der bellende Hund der Mieterin die Einbrecher. Als die Beamten eintrafen, flüchteten sie mit ihrem VW Golf. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um einen Deutschen und drei Osteuropäer. Zumindest einer von ihnen ist der Polizei als Intensivtäter bekannt. Mit den Festnahmen kann die Polizei zwar wieder einen Erfolg im Einsatz gegen Einbrecher vermelden, doch der Kampf gegen sie ist damit noch lange nicht gewonnen.

Das Phänomen „Einbruch“ beschäftigt die Polizei mehr und mehr, die statistischen Zahlen steigen alarmierend. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin einem vorläufigen Lagebild zufolge ungefähr 9000 Einbrüche in Wohnungen und etwa 1900 in Einfamilienhäuser erfasst. Das bedeutet einen Anstieg von 25 Prozent gegenüber 2010. In jenem Jahr waren es insgesamt 8713 erfasste Fälle. Zum Vergleich: 2008 zählte die Polizei 8228 Einbrüche in Wohnungen und Einfamilienhäuser.

Alarmierende Zahlen

2007 waren es 6933 und 2005 lediglich 6061. Allein von Januar bis Oktober wurden bei der Polizei mehr als 9000 Anzeigen wegen Einbruchs gestellt – ein Plus gegenüber 2010 von 37,1 Prozent. Allerdings sind die Zahlen nur bedingt vergleichbar, da es sich hier nur um eine vorläufige Statistik handelt. Denn nicht bei jeder Einbruchsanzeige wird von der Polizei auch tatsächlich ein Einbruch festgestellt. Ebenso verhält es sich, wenn mehrere Anzeigen für ein und denselben Einbruch bei der Polizei eingehen. Diese werden dann zu einem Fall zusammengefasst. Die offiziellen Daten, die im April in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) vorgestellt werden sollen, werden daher darunter liegen. Eines steht dennoch fest: Die Steigerung ist alarmierend. Und: Den Tätern kommt oft die schlechte Sicherung vieler Wohnungen, vor allem in Altbauten, entgegen – manche Mieter schließen nicht einmal die Wohnungstür ab, wenn sie aus dem Haus gehen.

Bei Einbrüchen in Einfamilienhäuser schwanken die Zahlen in einzelnen Bezirken und Stadtteilen von Jahr zu Jahr, mitunter auch von Monat zu Monat deutlich. Werden die Diebesbanden, überwiegend kommen sie aus Ost- und Südosteuropa, in einer gutbürgerlichen Wohngegend in Stadtrandnähe mehrfach aktiv, geschieht das oft innerhalb weniger Tage. Dann ziehen sie weiter.

Aufmerksame Nachbarn

Berlins amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers hatte bereits Ende des vergangenen Jahres auf die dramatische Entwicklung hingewiesen. Durch die steigenden Einbruchs- aber auch Diebstahlszahlen hatte erstmals seit Jahren die Kriminalität in der Hauptstadt 2011 insgesamt wieder zugenommen. Margarete Koppers sprach von einem Aufwärtstrend, der „zum Teil besorgniserregend“ sei. Innensenator Frank Henkel (CDU) kritisierte in dem Zusammenhang den Personalabbau der vergangenen Jahre bei der Polizei. Auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) kam zum Ergebnis, dass die geringe Polizeipräsenz für die Zunahme der Kriminalität verantwortlich ist. „Das Risiko, entdeckt zu werden, ist wegen der Personaleinsparungen der vergangenen Jahre gesunken. Das gilt insbesondere für die steigenden Fälle von Einbrüchen in Wohnungen und Häuser“, so Landesgeschäftsführer Klaus Eisenreich.

Die Polizeiführung will der steigenden Zahl von Einbrüchen mit Schwerpunkteinsätzen sowie einer verstärkten und gezielten Öffentlichkeitsarbeit für die verbesserte Sicherung von Wohnungen begegnen. Außerdem setzt sie auf die Nachbarn. „Einer guten Nachbarschaft kommt eine Schlüsselrolle zu. Die Wahrnehmung zu verdächtigen Personen, die Bereitschaft, bei ungewöhnlichen Geräuschen nachzusehen und gegebenenfalls die Polizei zu alarmieren, sind wichtige Hilfen bei der Aufklärung von Wohnungseinbrüchen“, heißt es im Präsidium. Der Polizei gelingen aber auch regelmäßig Ermittlungs- und Fahndungserfolge. „Einbrecher auf frischer Tat geschnappt“, hieß es zum Beispiel im Protokoll vom 20. Februar 2012. „Einbrecher festgenommen“ am 18. Februar für die Festnahme dreier mutmaßlicher Serieneinbrecher in Prenzlauer Berg, die in eine Wohnung an der Hagenauer Straße eingedrungen waren. „Beim Einbrechen ertappt“ hieß es am 12. Februar über zwei Männer, die an der Albrechtstraße in Mitte beim Hantieren mit Schraubenziehern an einer Wohnungstür gefasst worden waren.

In den seltensten Fällen, so berichtet ein Ermittler, würde man allerdings die Mitglieder der organisierten Einbrecherbanden aus dem osteuropäischen Ausland fassen. „Diese Gruppen sind zu professionell, als dass sie sich von einem Nachbarn beim Knacken einer Wohnungstür beobachten ließen. Vielmehr spionieren sie zunächst Häuser von Personen aus, die sich längere Zeit über im Urlaub befinden.“ Indizien dafür seien nicht bewegte Fahrzeuge auf Parkplätzen, überfüllte Briefkästen oder vertrocknende Blumen im Fenster sowie fehlendes Licht in den Abendstunden. „Es gibt regelrechte Aufklärer im gesamten Stadtgebiet und auch im Speckgürtel, die speziell auf diese Umstände achten, sie der Gruppierung melden und dann selbst zuschlagen oder andere Komplizen dafür anfordern“, so der Ermittler. In diesen Banden gebe es strenge Hierarchien, die Beute geht an die Führung der kriminellen Vereinigung, die ausführenden Täter erhielten ein gewisses Gehalt. „Letztlich handelt es sich um Firmen mit klaren Regeln.“

So absurd es zunächst klingen mag: Von diesen Tätern geht nach Ansicht der Ermittler eine geringere Gefahr für die Wohnungs- oder Hauseigentümer aus als von Menschen, die beispielsweise zur Finanzierung ihres Drogenkonsums Einbrüche begehen. „Die professionellen Banden vermeiden jeden Kontakt mit Mietern, um Eskalationen zu verhindern, die möglicherweise in gewalttätige Auseinandersetzungen enden und Verletzte fordern. Bei einem Junkie kann man da weniger sicher sein.“

Die Gewerkschaft der Polizei hat sich mit ihren Experten intensiv mit dem Phänomen Einbruch beschäftigt.

Geringes Risiko, entdeckt zu werden

„Es ist ganz deutlich ein Verdrängungseffekt zu erkennen“, so Berlins Landesvorsitzender Michael Purper. „Die Raubzahlen gehen nach unten, die Einbruchszahlen nach oben. Das liegt daran, dass das Entdeckungsrisiko bei einer Raubtat wesentlich höher ist als bei einem Wohnungseinbruch in der Nacht. Zudem ist auch die Strafandrohung höher. Deswegen haben viele Räuber ein neues Betätigungsfeld für sich entdeckt. Zumal die zu erwartende Beute bei einem Einbruch oft weitaus größer ausfällt als bei einem Straßenraub.“ Ein Mittel zur Bekämpfung der Einbruchstaten wäre nach Purpers Einschätzung die Rückkehr zum früheren Zustand der Berliner Polizei, obwohl er sich der Vorurteile, dass die Gewerkschaften stets nach mehr Personal rufen, bewusst ist. „Aber in diesem Zusammenhang ist eine Aufstockung des Personals dringend erforderlich. Wir brauchen mehr Ermittlungskapazitäten, um die Delikte bearbeiten zu können.“ Zudem müsse die Polizei mehr für ihre Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle am Platz der Luftbrücke werben, bei der sich Bürger bis zu 30 Minuten kostenlos über Sicherheitsvorkehrungen und Risiken informieren könnten, so Purper. „Dann würde dieses Angebot auch viel öfter angenommen werden.“

Dass die Auswertung der Spuren in Berlin besonders viel Zeit in Anspruch nimmt, hält Purper für ein weiteres Problem. „Nicht selten werden in Einbruchswohnungen DNA-Spuren entdeckt und sichergestellt. Doch leider vergehen zum Teil bis zu anderthalb Jahre, bis diese Beweise untersucht worden sind und die Ergebnisse der Kriminalpolizei zugänglich gemacht werden können.“ Der Grund sei auch hier: Personalmangel.

Nächster Teil: So können Sie sich gegen Einbrecher schützen.

Die Berliner Morgenpost veranstaltet am Sonntag, 4. März 2012, exklusiv für ihre Leser eine Telefon-Aktion zum Thema Einbrüche. Dort beantworten von 10 bis 12.30 Uhr Experten der Berliner Polizei Fragen zur Kriminalitätslage und geben Tipps, wie Sie Ihr Eigentum sinnvoll schützen. Zudem steht ein Experte des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft Rede und Antwort. Ein Psychologe des Weißen Rings erläutert, wie Betroffene mit den seelischen Folgen nach einem Einbruchsdelikt fertig werden. Alle Details und Telefonnummern erhalten Sie am Sonntag.