Berliner Heizkraftwerk

Staatsoper setzt auf ungewöhnlichen Spielort

Techno meets Oper: Im Berliner Heizkraftwerk prallen zwei Musikkulturen aufeinander. Um 9 Uhr morgens werden die Bässe heruntergefahren und die Opernleute beginnen mit ihren Proben. Gewagt - doch der ungewöhnliche Spielort kommt beim Publikum gut an.

Das ist eine Begegnung der unheimlichen Art und irgendwie typisch Berlin: Während die letzten Technofans nach einer durchtanzten Nacht aus dem „Tresor“ kommen, beginnen die Opernleute nebenan bereits mit ihren Proben. Um neun Uhr vormittags, so war es vereinbart, wechselt der Musikstil im Heizkraftwerk Mitte. Aber Opernregisseurin Katie Mitchell musste auch schon mal beim Club anklopfen und darum bitten, die Musik leiser zu machen. Das passiert, wenn die Staatsoper mit allem Drum und Dran in eine alte Industriehalle umzieht, um Luigi Nonos „Al Gran Sole Carico d'Amore“ aufzuführen. Donnerstagabend fand die Premiere unter Leitung von Stardirigent Ingo Metzmacher statt. Es war die größte, aufwändigste Premiere des Opernhauses in dieser Saison. Man hat schon viel Aufwand betrieben für die insgesamt fünf Vorstellungen, die überraschenderweise aber bereits fast ausverkauft sind. Am Stück kann es kaum liegen, wohl eher am morbiden Aufführungsort. Es gibt sie also, die Lust auf Oper an ungewöhnlichen Orten.

Ein Stück der eigenen Geschichte

Nebenan im „Tresor“ sei er noch nicht gewesen, sagt Staatsopernchef Jürgen Flimm: „Da komme ich doch gar nicht mehr rein mit 70plus.“ Der Intendant trägt gut gelaunten Stolz vor sich her. Das ganze Opernprojekt ist sein Baby. Flimm selbst hatte die Revolutionsoper von Luigi Nono erstmals in Deutschland inszeniert, das war 1978 in Frankfurt am Main und nur drei Jahre nach der Uraufführung. Es war zugleich das Operndebüt des Theatermachers. Inszenierungen von Nonos Stück gab es 1998 in Stuttgart und 2004 in Hannover. Während Flimms Intendantenzeit bei den Salzburger Festspielen entstand vor drei Jahren jene Regie, die jetzt ins Heizkraftwerk übertragen wird. „Das Schiller-Theater war dafür zu klein“, meint Flimm, „dann hätten wir anbauen müssen. Aber das machen wir jetzt nicht mehr.“ Quer durch die Stadt war er mit seinem Team gefahren, sie hatten sich dieses und jenes Objekt angeschaut. Der Flughafen Tempelhof war ein Favorit. Das klappte nicht. Irgendwann fiel die Entscheidung für das 1997 stillgelegte Heizkraftwerk Mitte.

Das Kraftwerk an der Köpenicker Straße war Anfang der Sechzigerjahre gebaut worden. In den letzten zehn Jahren wurde es wieder entkernt und von Turbinen und anderen Maschinen befreit. 2007 zog in den quasi unteren Teil des Gebäudes der Technoclub ein, und „Tresor“-Gründer Dimitri Hegemann bastelt seither an einem gehobenen Kulturkonzept für die große graue Trafohalle. Es geht um 8200 Quadratmeter. Eigentlich wolle man in die 1. Liga der Berliner Kunsthallen aufsteigen, heißt es aus der Betreibergesellschaft. Eine Gerhard-Richter-Ausstellung, wie sie jetzt in der Neuen Nationalgalerie stattfindet, sagt Elmar Bassen, gehöre etwa in diese Räumlichkeiten. Für großflächige Installationen seien sie ideal. Kunst, Mode und Chorprojekte gehören in diese Halle, die Oper dagegen nur, weil sie „ihre eigene Akustik geschaffen“ hat. Da waren Profis, Akustiker, am Werke.

Flimm steht derweil wie ein Fabrikdirektor in diesen heiligen Hallen. Zu sehen gibt es eine große Bühne, einen riesige Videoleinwand, einen Orchestergraben für 100 Musiker und eine Tribüne mit 970 Klappsitzen. Das sind so viele Plätze wie im Schiller-Theater. Am Eingang zeigt Flimm auf den eleganten roten Vorhang, der aus dem alten Opernhaus Unter den Linden gerettet wurde. Mit ungewöhnlichen Aufführungsorten ist Flimm schon lange vertraut. Nicht erst als Chef der Ruhrtriennale, wo er vertragsgemäß Industriedenkmäler zu bespielen hatte. Dort hat er einiges gelernt. Zum Beispiel, dass es sich „dabei um keine Kathedralen“ handelt. „Wir versöhnen mit der Kunst die Ausbeutung, die früher in diesen Hallen stattgefunden hat“, sagt Flimm. „Und durch die Räume entwickelt sich natürlich eine andere Ästhetik als in einer Guckkastenbühne“, fügt er hinzu.

Für Flimm ist Ariane Mnouchkine die eigentliche „Mutter aller Hallen“, sie hatte in den frühen Sechzigerjahren ihr Theatre du Soleil in einer alten Munitionsfabrik vor den Toren von Paris angesiedelt. In Deutschland ging zuerst die Rockszene an solche Orte, dann folgten freie Theatergruppen, Ende der Siebziger schließlich die schwerfälligere Oper.

In Berlin begann die Industrieruinen-Kultivierung so richtig erst nach der Wiedervereinigung. Die Begegnung von Techno und Hochkultur ist etwas ganz Typisches für die Stadt. Im früheren Technoclub im E-Werk inszenierte in den Neunzigern schon Katharina Thalbach Mozarts „Don Giovanni“, im angesagten Technoclub Berghain, einem früheren Heizkraftwerk, war bereits Vladimir Malakhovs Staatsballett zugange.

Rollrasen vom 1. FC Union

Berlins größter Opern-Aufreißer ist der Dirigent Christoph Hagel, der mit seinen Projekten im E-Werk, einem Zirkuszelt in Mitte oder einer U-Bahnstation verführte. Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Hagels Produktionsfirma mit der Staatsoper die Bühne im Heizkraftwerk teilt. Hagel zeigt anschließend wieder seine Erfolgsproduktion „Red Bull Flying Bach“.

Ein Abenteuer bleiben solche Umzugsproduktionen allemal, auch für die Macher. Vor allem dann, wenn Improvisationen gefragt sind. Ausgerechnet bei Frostgraden brauchte man für die Bühne einen Rollrasen. Wer weiß was? Unter den Technikern gibt es traditionell viele Union-Fans. Jetzt gibt es ein schnelles Hilfeabkommen zwischen dem Fußball-Verein und der Staatsoper. Das wäre im Opernhaus wohl nie passiert.

Kraftwerk Mitte, Köpenicker Str. 70. Tel:20354555. Termine: 3., 5., 9., 11. März