Steigende Mietpreisentwicklung

Berlin braucht Tausende neue Wohnungen

Mit einem Neubauvolumen von 30.000 Wohnungen will der Senat in den kommenden fünf Jahren das Problem steigender Mieten bekämpfen. Laut IBB-Bericht wird die Nachfrage in Berlin dann aber mehr als doppelt so hoch sein.

Foto: Christian Hahn

"Jede Wohnung, die neu gebaut wird, hilft." Mit diesen Worten stellte Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) am Dienstag den Wohnungsmarktbericht 2011 der Investitionsbank Berlin (IBB) vor. Die Kernaussage des Berichts stellt ein Problem für die Mieterstadt Berlin dar: Die Nachfrage nach Wohnungen in Berlin wächst weiter deutlich stärker als das Angebot. Das wirkt sich auf die Mietpreise aus, die bereits seit einigen Jahren "sehr dynamisch" steigen, wie es in dem Bericht heißt. Die Situation auf dem Berliner Wohnungsmarkt sei zwar nicht dramatisch, so Müller weiter, "aber eben auch nicht mehr entspannt".

Anders als seine Amtsvorgängerin Ingeborg Junge-Reyer (SPD), die mit Verweis auf die hohe Zahl leer stehender Wohnungen in Berlin stets von einem entspannten Mietermarkt gesprochen hatte, räumt Müller damit ein, dass der Senat mehr unternehmen müsse, "um das soziale Auseinanderdriften in der Stadt zu verhindern". Denn wie der bereits am Montag auf Morgenpost Online vorgestellte GSW-Wohnungsmarktbericht kommt auch die IBB-Studie zu ganz ähnlichen Zahlen, was die Entwicklung der Mietpreise betrifft. Neumieter in Berlin müssen nach IBB-Angaben durchschnittlich 6,49 Euro pro Quadratmeter (kalt) zahlen. Der GSW-Report hat sogar 6,59 Euro errechnet. Beide Zahlen liegen damit deutlich über den Werten, die der offizielle Berliner Mietspiegel 2011 als "ortsübliche Vergleichsmiete" ausweist: 5,21 Euro pro Quadratmeter und Monat. Brisant sind die Zahlen auch deshalb, weil Wohnraum in den Innenstadtgebieten meist noch deutlich teurer ist. Die Neumiete liegt in Charlottenburg-Wilmersdorf und Friedrichshain-Kreuzberg mittlerweile bei rund acht Euro pro Quadratmeter.

30.000 Wohnungen reichen nicht

Das sind Mieten, die für Berliner mit geringem Einkommen kaum machbar sind. Ein Effekt, den auch Rahel Schweikert beobachtet hat. Die 42-Jährige wohnt im Kreuzberger Kiez südlich des Görlitzer Parks. "Die Wohnungen hier sind inzwischen ziemlich teuer geworden", sagt Rahel Schweikert, die sich in der Initiative "Kiezwandler" engagiert. Vor ein paar Monaten haben sie Obstbäume auf einer Wiese gepflanzt, im März sollen neue hinzukommen. Nun hätten die Nachbarn Angst, dass die Mieten bald so teuer werden, dass sie den Kiez verlassen müssen. "Die Ureinwohner werden vertrieben", sagt sie. Und Sarah Dudley, ebenfalls Mieterin im Kiez, sagt: "800 Euro Warmmiete für 70 Quadratmeter sind viel zu viel."

Senator Müller versprach, die steigende Mietpreisentwicklung "mit allen zur Verfügung stehenden Instrumenten" dämpfen zu wollen. Insbesondere solle dies über den Bau von neuen Wohnungen geschehen. "Ziel des Berliner Senats für die kommenden fünf Jahre ist deshalb ein Neubauvolumen von mindestens 30.000 Wohnungen", sagte Müller.

Nach Einschätzung der IBB-Studie werden jedoch mindestens doppelt so viele Wohnungen benötigt. Pro Jahr müssten mindestens 10.000 Wohnungen, besser noch 12.000 gebaut werden. Aber selbst das vom Senat verfolgte Ziel werde verfehlt, wenn der Bau neuer Wohnungen nicht deutlich zunehme. "Die seit 2010 steigende Neubautätigkeit reicht nicht aus", sagte der IBB-Vorstandsvorsitzende Ulrich Kissling. 2010 wurden 3650 Wohnungen fertig, 2009 waren es 2950. Deutlich schneller als die Anzahl der Wohnungen steigt dagegen die der Berliner. Ende 2010 wohnten 3,46 Millionen Menschen in der Stadt, das sind 18.000 Personen mehr als im Vorjahr und 72.300 mehr als vor zehn Jahren. Noch schneller als die Zahl der Einwohner steigt die Zahl der Haushalte, weil immer mehr Menschen allein in einer Wohnung leben. Die Single-Quote in Berlin beträgt rund 54 Prozent. Seit 2001 kamen 6,9 Prozent Haushalte hinzu, mittlerweile gibt es in Berlin 1,99 Millionen Haushalte. Das entspricht einer Wachstumsrate von jährlich 14.200.

Mietobergrenzen gefordert

Abhilfe könnte geschaffen werden, wenn die immer noch rund 90.000 leer stehenden Wohnungen in Berlin wieder marktfähig gemacht würden, schlägt Kissling vor. Sonst müsse mittelfristig mit weiteren Preissteigerungen besonders in der Innenstadt gerechnet werden.

"Der Wohnungsmarktbericht macht schonungslos deutlich, dass die Wohnungspolitik der neuen Landesregierung nachgebessert werden muss. Der Handlungsbedarf ist deutlich höher als in der Koalitionsvereinbarung von SPD und CDU angenommen", sagte der Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, Reiner Wild. Für Haushalte mit geringen Einkommen sei der teure Neubau keine Lösung. Auch die Opposition fordert Mietobergrenzen bei der Neuvermietung. "Es reicht nicht, Mieterhöhungen der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften zu stoppen", sagte die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Ramona Pop.

Senator Müller betonte, dass der Senat bereits viele Maßnahmen angeschoben habe, die Mieter entlasten würden. Unter anderem sei ein "soziales Bündnis" mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften in Vorbereitung, das die Mieter der 270.000 kommunalen Wohnungen von weiteren Preissteigerungen entlasten würde. Zudem habe Berlin eine Bundesrats-Initiative zur Begrenzung der Modernisierungsumlage angeschoben. In der Prüfphase befinde sich auch eine weitere Bundesrats-Initiative, die die Zweckentfremdung von Wohnraum etwa durch Ferienwohnungen oder Büronutzungen verbieten soll. Über die Änderung der Berliner Liegenschaftspolitik versuche man zudem, soziale Wohnungsbauprojekte zu fördern. "Der landeseigene Liegenschaftsfonds soll angewiesen werden, Baugrundstücke nicht mehr automatisch an den Meistbietenden zu vergeben." Müller warb um Verständnis, dass diese Prozesse Zeit bräuchten: "Wir müssen alle diese Initiativen so sorgfältig absichern, dass daraus keine neuen finanziellen Risiken für das Land Berlin entstehen", sagte der Senator. Berlin habe nicht vor, zur Wohnungsfördersystematik der Vergangenheit zurückzukehren. Diese habe Milliardenschulden produziert.

Die Ergebnisse des IBB-Wohnungsmarktberichts werden bis 31. März in einer Ausstellung in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Württembergische Str. 6 (Wilmersdorf) präsentiert, Mo.-Fr.,10-17 Uhr

Durchschnittliche Änderung der Kaltmieten nach Postleitzahlgebieten

>>> Mieterhöhungen: Die interaktive Tabelle mit allen Postleitzahlbezirken

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