Eigene vier Wände

Wie rund 70 Kreuzberger Mieter ihr Haus kauften

Das Gründerzeithaus in der Fidicinstraße im Kreuzberger Chamissokiez ist ein Novum: Es gehört den rund 70 Menschen, die dort wohnen. 2004 kauften sie ihr Haus, bevor ihnen ein Investor vor die Nase gesetzt wurde.

Foto: Reto Klar

Ein kurzes „Hallo“ auf dem Hausflur, dazu auf beiden Seiten die unausgesprochene Frage: „Wer ist das eigentlich?“ Eines steht fest: Ein Nachbar. Jemand, der im gleichen Haus wohnt. Und dennoch ist der Nachbar, gerade in einer Großstadt wie Berlin mit einer hohen Fluktuation, für viele ein unbekanntes Wesen. Eine Umfrage ergab Ende letzten Jahres, dass fast jeder fünfte Deutsche seine Nachbarn so gut wie gar nicht kennt. In der Fidicinstraße 18 in Kreuzberg ist das anders. Hier herrschen Verhältnisse wie bei den „Waltons“: „Gute Nacht, John-Boy!“ Jeder kennt jeden – und erstaunlicherweise mag jeder jeden. Bei insgesamt rund 70 Nachbarn mit Kind und Kegel eine Kunst für sich. Das Motto des Hauses: „Bei uns hat das Zusammenleben eine andere Bedeutung als nur das Wohnen unter der selben Adresse.“

Nägel mit Köpfen

Im Frühjahr 2004 rollte im Kreuzberger Chamissokiez die Umwandlungswelle. Das heiß begehrte Gründerzeitquartier war im Jahr zuvor aus der Sanierung entlassen worden und seitdem wurden immer mehr Häuser an Einzeleigentümer oder Kapitalanleger verkauft. Die Folge: Alteingesessene Anwohner wurden verdrängt. Auch dem Gründerzeithaus in der Fidicinstraße 18 drohte dieses Schicksal. Doch dann handelten die Mieter: Sie kauften ihr Haus, bevor ihnen ein Investor vor die Nase gesetzt wurde.

Barbara Rolfes-Poneß war es, die im Jahr 2003 Nägel mit Köpfen machte, und „ihr“ Haus wirklich zu ihrem machte. Seit 1978 wohnt sie dort. Der Straßenzug mit seinem Kopfsteinpflaster ist die perfekte Filmkulisse und ein für die Geschichte des Berliner Mietshauses typisches Wohngebiet. Oft hängen an den Haustüren kleine Zettel, die darüber informieren, dass wieder einmal Dreharbeiten anstehen. Barbara Rolfes-Poneß (63) und ihr Mann Klaus Poneß (66) haben vier Kinder. Für sie hatte „ihr Haus“ schon immer etwas Besonderes: „Eine Neigung zu guten Bekanntschaften zwischen den Hausbewohnern und darum auch eine gute Vernetzung untereinander“, sagt Klaus Poneß.

Umso größer war damals die Unruhe unter den Mietern, als sie von ihrem Vermieter ein Kaufangebot erhielten: Die Gewobag musste im Rahmen der Privatisierungsvorgaben des Senats mehrere Altbauten veräußern. Im Hinterhaus, dort, wo auch die Familie Rolfes-Poneß seit Ewigkeiten wohnt, gab es bereits früher Überlegungen, das Haus zu kaufen. Etliche Mieterversammlungen später stand fest: Wir werden eine Genossenschaft. „Seitdem wird hier, mehr denn je, gemeinsam diskutiert, entschieden und gefeiert“, sagt Klaus Poneß. Er sagt über seinen jetzige „Traumwohnsituation“: „Das, was wir hier haben, kriegt man nicht wieder.“

So sieht das auch Kirsten Lenk (50). Sie wohnt seit Sommer 2004 im Haus Nummer 18, zog direkt nach dem Umbau ein. Einige der früheren Mieter, die nicht Mitglied werden wollten, wurden mit Ersatzwohnungen im Kiez versorgt. Kirsten Lenk aber wollte unbedingt dort einziehen. „Es ist wie eine große WG nur vielfältiger und weniger kompliziert, weil alle ihre eigenen vier Wände haben“, sagt die Veranstaltungsorganisatorin. Sie wohnt im Vorderhaus, direkt unterm Dach. „Ich habe viel in WGs gewohnt und lebe jetzt alleine in der Genossenschaft, deswegen sind für mich die Nachbarn im Haus ganz wichtig. Ich finde es toll, alle zu kennen und zu mögen, und ich liebe das Gefühl, das ich überall klopfen oder klingeln kann.“ Kirsten Lenk schwärmt. Wie alle, mit denen man hier spricht. Wenn einer was sagt, nicken die anderen. So geht das reihum, egal, wer etwas aus dem Haus erzählt. Ihrem Haus. Ob Martin Hermes, einer der Mitbegründer der Genossenschaft. Oder Katja Flieger. Oder die Familie Baumgartner – Michael und Claudia mit ihrer Tochter Lucy. Oder Renate Oetter mit ihrer Tochter Nora. Ein Blick in die Runde zeigt zum einen: Die Mischung stimmt. Mehr noch: Die mögen sich wirklich alle.

Kirsten Lenk: „Es ist hier anders, als ich es von früher kenne: Alte, Junge – die drei Jungs in der Wohnung unter mir sind alle nach dem Umbau geboren, der Kleinste ist Drei oder Vier –, Heteros, ein paar homosexuelle Frauen und Männer, allein Lebende, allein Erziehende,…“ Viele verschiedene Lebenswirklichkeiten. Gibt es da tatsächlich nie Streit? „Es gibt schon ein paar Auseinandersetzungen“, erzählt Kirsten Lenk, „es wollte mal jemand für die Kinder Hasen in dem einen Hof großziehen. Das kam nicht bei allen gut an.“ Aber gelöst werden die Probleme immer. Gemeinsam und ohne große Reibereien.

Auch Martina Gaffron (57), Mitarbeiterin beim Filmverleih DCM Productions, liebt ihre Wohnsituation „in der goldenen Mitte“, wie sie es nennt. Sie lebt im Quergebäude. Die Alleinerziehende, deren inzwischen 24-jähriger Sohn im vergangenen Jahr auszog, sagt: „Ich wollte ein Nest – und das habe ich jetzt. Zwei meiner Nachbarinnen sind inzwischen richtig gute Freundinnen von mir. Wir haben die Schlüssel voneinander und wissen, dass wir gegenseitig füreinander da sind. Das ist toll, denn ich wollte als Single nicht isoliert wohnen.“

Kino im Hinterhof

Isolation ist in dem Haus kaum möglich: Es gibt das jährliche Sommerfest, das Weihnachts- oder Neujahrsfest, die Monatstreffen in der benachbarten Kneipe, die Genossenschaftstreffen, das „Kino unter’m Sternenhimmel“ im Hinterhof, gemeinsames Public Viewing bei Großereignissen wie EM oder WM und gemeinschaftliches „Großreinemachen“ im Frühjahr in den Höfen. Dazu kommen Aktionen wie der jährliche Staffellauf. Fünf mal fünf Kilometer. Das Haus stellt drei Mannschaften. Und in kleineren Interessengruppen treffen sich die Hausbewohner zu Motorradfahrten, Chorkreisen, Steinmetzwochenenden und vieles mehr. Dazu kommt die Remise im einen der zwei Höfe, die ein „Kinderhaus“ ist, mit Kletterwand und bestens geeignet für Geburtstags- und Übernachtungsfeiern.

Und noch eine Besonderheit gibt es im Haus. Die darf eigentlich kaum laut ausgesprochen werden: In der Fidicinstraße 18 wohnt der Nikolaus! Und der ist 1998 mit seiner Frau Kristina von New York nach Berlin gezogen. Sein „Deckname“: Werner Koep-Kerstin, mit seinen 67 Jahren wird der ehemalige Journalist auch liebevoll „Alterspräsident“ genannt. Nach der Rückkehr aus Amerika haben er und seine Frau zunächst in Charlottenburg gewohnt. „Als das italienische Restaurant gegenüber öfter Ferraris für seine Kundschaft mit laufendem Motor auf dem Trottoir präsentierte, war es Zeit für eine Veränderung“, sagt Koep-Kerstin. Der Chamissokiez hat für ihn „mehr mit dem wirklichen Leben zu tun.“ Dazu kommt im Haus das „Gefühl von Gemeinsamkeit.“ Zu dem auch er einen großen Beitrag leistet – „ich bin der Nikolaus der WG. Anfangs waren es ein Dutzend, jetzt sind es weniger kleine Kinder“, sagt Werner Koep-Kerstin. Die Großen, die früher noch mit glänzenden Augen staunten, wissen natürlich längst, wer der Nikolaus ist, „aber sie verraten mich nicht bei den Kleinen.“

Die Geschichte mit dem hauseigenen Nikolaus ist nur eine der schönen Anekdoten, die ein wichtiger Teil der Genossenschaft ist und sie so besonders macht. Ein Sprichwort besagt: „Wer gute Nachbarn hat, bekommt einen guten Morgen.“ So gesehen muss es eine tägliche Freude sein, in der Fidicinstraße 18 aufwachen zu dürfen.