Wohnungsmarkt

Neumieten steigen vor allem in Kreuzberg

Die Wohnkosten in Berlin sind 2011 erneut deutlich gestiegen. Kaltmieten wurden in der Haupstadt durchschnittlich um rund acht Prozent erhöht. Friedrichshain-Kreuzberg hat sich für Neumieter zum teuersten Pflaster der Stadt entwickelt.

Foto: David Heerde

Es ist ein trotziger Spruch, der auf der Jalousie des Ladenlokals prangt: "Wir bleiben alle!", steht dort in roten Buchstaben geschrieben. Und: "Verdrängung stoppen." Es ist das wohl letzte leer stehende Lokal in der Reichenberger Straße, das sich ein wütender Graffiti-Sprayer für seinen Protest ausgesucht hat. Darum herum haben Dutzende neue Cafés aufgemacht, zwischen schmuddeligen Fassaden erstrahlt frischer Putz in Lindgrün und Sonnengelb. Die Verdrängung hat in dem Kiez zwischen Paul-Lincke-Ufer und Wiener Straße längst eingesetzt.

Durchschnittliche Änderung der Kaltmieten nach Postleitzahlgebieten

"Unsere Lieblingsvideothek hat schon dichtgemacht, und ein alter Mann, dem hier in der Nähe ein Farbenladen gehörte, ist auch weggezogen", erzählt John Müller, der mit Freundin, Baby und Hund Podolski die Nachmittagssonne im Görlitzer Park genießt. Das Paar hat Glück, es wohnt schon seit sieben Jahren in der Gegend. Seitdem seien zahlreiche neue Mieter hinzugekommen, so Kristin Findeisen. Und mit ihnen steigende Preise: "Wir beobachten, dass die Mieten hier jedes Jahr teurer werden."

Der aktuelle Wohnmarkt-Report, den die GSW Immobilien GmbH in Zusammenarbeit mit dem Maklerhaus CB Richard Ellis am Montag vorgelegt hat, bestätigt diesen Eindruck. Die Mietenspirale rund um den "Görli" weist steil nach oben. Innerhalb eines Jahres sind die Kaltmieten um 1,64 Euro pro Quadratmeter gestiegen – also um 27,8 Prozent. Sie liegen jetzt bei durchschnittlich 7,54 Euro pro Quadratmeter.

Stärkster Anstieg in Mitte

Doch nicht nur am Görlitzer Park müssen Wohnungssuchende mittlerweile tief in die Tasche greifen: Im Durchschnitt zahlen Neumieter 26 Prozent mehr als die im aktuellen Berliner Mietspiegel ausgewiesene Bestandsmiete. Während der offizielle Mietspiegel als Durchschnittswert 5,21 Euro pro Quadratmeter und Monat (kalt) ausweist, liegen die Angebotsmieten jetzt bei durchschnittlich 6,59 Euro. Im Vergleich zum Vorjahr mussten bei neu abgeschlossenen Mietverträgen im Jahr 2011 damit rund acht Prozent mehr gezahlt werden (2010 waren es 6,11 Euro pro Quadratmeter).

Der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg, in dem der Görlitzer Park liegt, hat sich für Neumieter jedoch zum teuersten Pflaster der Stadt entwickelt. 8,02 Euro pro Quadratmeter müssen Neumieter im Monat an Kaltmiete zahlen. Damit verweist der Bezirk erstmals den langjährigen Spitzenreiter bei den Mieten, Charlottenburg-Wilmersdorf, auf den zweiten Platz (8 Euro), gefolgt von 7,41 Euro in Pankow. Den stärksten Anstieg innerhalb eines Bezirks gibt es in Mitte. Die durchschnittliche Angebotsmiete liegt im Bezirk mittlerweile bei 7,07 Euro pro Quadratmeter und damit um 13,1 Prozent höher als 2010.

Im Görlitzer Park sieht man zwar immer noch Dealer, die hier auf Kundschaft warten, doch immer öfter auch junge Mütter, die ihre Kinderwagen über die Kieswege schieben. Ein paar Straßen weiter parken teure Autos am Paul-Lincke-Ufer, schicke Bars locken Gäste mit Blick auf den Landwehrkanal. Sarah Dudley hat hier ihr Atelier im zweiten Hinterhof eines Altbaus. Vor drei Jahren ist die kanadische Künstlerin in den Kiez gekommen, der kreativen Szene wegen. "Doch die wird sich wohl bald auflösen", prophezeit Dudley. "Viele Künstler können sich die Mieten nicht mehr leisten." Sie selbst habe zwar eine "sehr kulante Vermieterin", die bisher auf Erhöhungen verzichtet habe. "Doch die meisten Wohnungseigentümer verlangen inzwischen hohe Provisionen und Staffelmieten."

Der starke Zuzug von Neuberlinern – allein im vergangenen Jahr kamen fast 30000 Menschen neu nach Berlin – sorgt auch dafür, dass in Wohngegenden, die bislang nicht im Fokus der Zuzügler lagen, mittlerweile erhebliche Preissprünge zu verzeichnen sind. Die Postleitzahl 10825 etwa umfasst die Gegend um das Rathaus Schöneberg, in der sich hochherrschaftliche Gründerzeithäuser genauso finden wie Wohnstraßen mit schmucklosen 60er-Jahre-Bauten. Auch hier müssen neue Mieter mittlerweile durchschnittlich 20,2 Prozent mehr bezahlen als noch im Jahr 2010, nämlich 8,73 Euro (plus 1,47 Euro).

Diesen Anstieg hat Samy Mornagui schon zu spüren bekommen. Der 28-Jährige ist vor fünf Jahren in die Freiherr-vom-Stein-Straße gezogen. Wie die meisten neuen Mieter im Kiez wohnte auch er vorher schon in Berlin, Mornagui ist von Rudow nach Schöneberg umgesiedelt. 400 Euro warm zahlt er mittlerweile für seine Einzimmerwohnung. Als er einzog waren es noch 300 Euro. "Es ist eben eine gut-bürgerliche Schicht hier", sagt der Student. Doch er mag das. "Ich geh in Neukölln, Kreuzberg oder Mitte gerne feiern, aber dort, wo ich wohne, will ich lieber meine Ruhe haben."

Und Ruhe haben die Mieter hier. Auch der kommende Bundespräsident Joachim Gauck wohnt in der Gegend, am Rande des Volksparks. "Das hier ist halt das gehobene Schöneberg", sagt Mornagui, der die steigenden Mieten nicht allzu schlimm findet: "Man kann ja auch umziehen, aber da ist es dann nicht mehr so schön."

So einfach ist es aber nicht immer, Christina Menzler beispielsweise leidet unter den steigenden Mieten in ganz Berlin. 43 Jahre ist sie alt, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die ein paar hundert Meter weiter nördlich als Mornagui wohnt, in der Eisenacher Straße. Noch hat sie eine günstige Altmiete, knapp 700 Euro warm für 92 Quadratmeter. Aber eigentlich bräuchte sie einen Raum mehr, drei Zimmer reiche nicht aus. "Doch die Neumieten kann ich nicht bezahlen", sagt sie. 1000 Euro kalt müsste sie ausgeben. "Das kann sich vielleicht noch ein Ärzte-Ehepaar leisten, aber keine Verkäuferin mehr", sagt Menzler. Die gelernte Pädagogin ist sich sicher: "Die hohen Mieten bedrohen die Existenz von jungen Müttern, Vätern und ganz allgemein von Geringverdienern."

Die jetzt vorgelegte Studie liefert nach Ansicht des GSW-Sprechers Thomas Rücker jedoch nur bedingt den Beleg für die These, dass einkommensschwache Berliner verdrängt werden. "Die Mieten stiegen in der gesamten Stadt, jedoch nicht in allen Preisklassen in gleichem Maß", so Rücker. Besonders stark hätten sich mit einem Plus von 9,9 Prozent die hochwertigen Wohnungen auf durchschnittlich 12,04 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter und Monat verteuert. Am wenigsten betroffen von den Preisanstiegen seien dagegen die günstigen Wohnungen gewesen. Sie stiegen um 4,6 Prozent auf 4,50 Euro. "Damit gibt es in Berlin weiterhin ein Angebot an günstigen Wohnungen, jedoch mit einer Verknappung in den Stadtteillagen innerhalb des S-Bahn-Rings", sagt Rücker.

Mieterverein fordert Begrenzung

Genau das jedoch verdeutliche das Problem einkommensschwacher Berliner am Markt, so Reiner Wild, Chef des Berliner Mietervereins. "Wenn selbst für nicht so attraktive Wohngegenden wie etwa am Ostbahnhof in Friedrichshain im Durchschnitt 8,13 Euro verlangt werden, weist das doch eindeutig auf einen angespannten Wohnungsmarkt hin", sagt Wild. Der Mieterverein bleibe deshalb bei seiner Forderung, dass die Neumieten begrenzt werden müssen. Denn dadurch, dass die Neumieten in den kommenden Mietspiegel 2013 einfließen, würden auch die Bestandsmieten wie schon im Vorjahr überdurchschnittlich steigen, so der Mieterchef weiter. "Leider hat der rot-schwarze Senat genau diese Bundesratsinitiative aus dem Koalitionsvertrag gestrichen." Die Mietenspirale werde sich deshalb ungebremst weiter hochschrauben. "Wir müssen davon ausgehen, dass im nächsten Mietspiegel die 5,50 Euro-Grenze gerissen wird", schätzt Reiner Wild.

Der Eindruck, dass die Belastung der Berliner Haushalte durch die gestiegenen Mieten zugenommen habe, sei jedoch falsch, betont GSW-Sprecher Rücker. Die durchschnittliche Wohnkostenquote lag 2011 nach GSW-Angaben in Berlin bei 24,2 Prozent. Die Quote bezeichnet den Anteil der Haushaltskaufkraft, den die Mieter für die Warmmiete ausgeben müssen. Gegenüber dem Jahr 2009 (25,4 Prozent) sei die Wohnkostenbelastung leicht zurückgegangen und im Vergleich zu 2010 (24,4 Prozent) nahezu gleich geblieben.

Am meisten müssen die Menschen in Friedrichshain-Kreuzberg mit durchschnittlich 29,3 Prozent für das Wohnen ausgeben. Gebiete mit hohen Wohnkostenquoten von mehr als 30 Prozent liegen zudem vor allem in den gefragten Lagen der Bezirke Mitte, Pankow und Tempelhof-Schöneberg. In der Gegend um das Rathaus am John-F.-Kennedy-Platz etwa müssen Mieter mit 32 Prozent rund ein Drittel ihres Einkommens nur für das Wohnen ausgeben. Das hat Konsequenzen: "Ich habe schon of überlegt wegzuziehen", sagt die Schönebergerin Menzler. Sie zahlt gar die Hälfte ihres Einkommens für Miete. Im Kiez findet sie nichts, was sie sich leisten kann. "Hier zu bleiben ist ein finanzieller Balanceakt", sagt sie.

Doch dorthin, wo die Mieter Berlinweit die geringsten Wohnkosten zahlen müssen, wollen die meisten Berliner nicht. In Marzahn-Hellersdorf geben die Menschen laut GSW-Studie lediglich 19,2 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Miete aus. Doch dort würde Menzler vieles fehlen: Der Vater ihrer Kinder wohnt genauso in in Schöneberg wie ihre Freunde und ihre Eltern. Außerdem würde sie den schönen Volkspark ebenso vermissen wie die zwei Büchereien, in denen ihre Kinder so gerne Bücher ausleihen.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.