Berlin-Weißensee

Zoes Tod - schwere Vorwürfe gegen Jugendamt

Eigentlich wollte das Jugendamt Pankow die Familie intensiv betreuen, doch in den Tagen vor dem Tod suchte offenbar niemand die Wohnung in Berlin-Weißensee auf. Die Staatsanwaltschaft bestätigte mittlerweile, dass das Mädchen an den Folgen äußerer Gewalteinwirkung starb.

Foto: Steffen Pletl

Nach dem Tod der zweijährigen Zoe in Berlin-Weißensee muss sich das Jugendamt Pankow unangenehme Fragen gefallen lassen. Noch immer ist nicht geklärt, ob der Tod des Mädchens hätte verhindert werden können. Schließlich wurde die Familie seit Monaten im Auftrag des Jugendamtes von einem freien Träger betreut . Nach Angaben von Pankows Jugendstadträtin Christine Keil (Linke) hätten sich ausgebildete Helfer zehn Stunden pro Woche um die Familie gekümmert. Doch möglicherweise versagte die Unterstützung ausgerechnet wenige Tage vor dem Tod des Mädchens.

Gegenüber Morgenpost Online räumte Keil ein, dass in den Tagen vor dem Tod des Mädchens kein Betreuer die Familie in ihrer Wohnung an der Indira-Gandhi-Straße besucht haben könnte. Sie bestätigte auch, dass nicht nur die zweijährige Zoe Verletzungen am Körper aufwies, sondern auch ihr Zwillingsbruder. Ärzte stellten bei dem Jungen einen gebrochenen Arm fest sowie ebenfalls Hämatome am Körper. Die Polizei geht derzeit davon aus, dass nicht nur Zoe, sondern auch ihr Zwillingsbruder misshandelt wurden.

Zwillingsbruder mit Hämatomen

„Es ist nicht das Hilfsziel, jeden Tag da zu sein“, sagte Keil. Denkbar sei auch, dass die zwei Mitarbeiterinnen, die der Familie helfen sollten, außerhalb der Wohnung im Einsatz waren. „Unterstützung bei Behördengängen“ gehöre zu den festgelegten Aufgaben. Am Donnerstag habe der freie Träger, der die Familie in Weißensee betreute, der Jugendstadträtin eine „komplette Falldokumentation“ übergeben. Im Anschluss erklärte das Jugendamt erneut, es habe keine Hinweise auf eine Gefährdung des Kindes gegeben, auch nicht vom Gesundheitsdienst oder dem Kinderarzt.

Das Jugendamt hatte diese Verletzungen nach eigenen Angaben erst entdeckt, als es die Kinder am Dienstagmorgen, unmittelbar nach dem Todesfall, in Obhut nahm. Wie die Berliner Morgenpost aus Polizeikreisen erfuhr, waren die Hämatome nicht nur am Körper, sondern vor allem im Gesicht deutlich sichtbar. „Diese waren erst wenige Tage alt und müssen kurz vor dem Tod von Zoe entstanden sein“, sagte ein Ermittler. Und: „Die Schläge müssen heftig gewesen sein, ansonsten würde man sie nicht noch Tage später sehen.“

Aus Sicht der Polizei sei es schwer verständlich, dass diese offensichtlichen Anzeichen unbemerkt geblieben sind. Die Kritik am Jugendamt wird deshalb umso lauter. „Die Frage ist, ob absichtlich weggesehen wurde“, sagte der Ermittler. „Die Tatsache, dass das Kind Verletzungen im Gesicht sowie einen gebrochenen Arm hatte und zudem in schwierigen Verhältnissen aufwächst, hätte die Mitarbeiter stutzig machen müssen“, hieß es.

Natürlich hätten sich die Kinder auch beim Toben oder Spielen verletzen können. Wahrscheinlich sei dies aber nicht, so der Ermittler. Er und seine Kollegen glauben, dass entweder die Mutter Melanie S. oder ihr Lebensgefährte Matthieu K. die Kinder misshandelten. Sie vermuten allerdings, dass der 24-Jährige die Verletzungen den Kindern zufügte. Denn Melanie S. soll unter dem „dominanten 24-Jährigen“ gelitten und sich untergeordnet haben.

Die Staatsanwaltschaft bestätigte mittlerweile, dass Zoe an den Folgen äußerer Gewalteinwirkung starb. „In diesem Punkt sind wir uns inzwischen sehr sicher“, sagte die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Simone Herbeth, am Donnerstag. Die Obduktion der Leiche habe ergeben, dass das Kind an einem Darmriss mit anschließender Bauchfellentzündung gestorben sei. Eine vorsätzliche Tötung könne ausgeschlossen werden. Für die Ermittler ist die schwere Verletzung nur durch einen Schlag in den Bauch zu erklären und nicht etwa dadurch, dass das Kind unglücklich gegen eine Tischkante gefallen sein könnte.

Die Verantwortlichen des freien Trägers und Jugendstadträtin Keil zeichneten am Donnerstag ein anderes Bild von der Familie: Matthieu K. sei den zwei Betreuerinnen, die für die Familie zuständig waren, bekannt gewesen. Er sei ihrer Ansicht nach gut in die Familie integriert gewesen und habe die Kinder auch bei Arztbesuchen begleitet. „Der Mann hat sich nicht so verhalten, als lebe er außerhalb der Familie“, sagte Jugendstadträtin Keil.

Zudem habe die Familie in den vergangenen Monaten „große Fortschritte“ gemacht: Spielzeug sei angeschafft und das Kinderzimmer besser ausgestattet worden. Auch habe die Familie die Hilfe angenommen. Die Kinder seien nach Einschätzung der Betreuer sicher gewesen. Auch der gebrochene Arm des Jungen sei nicht bemerkt worden. Sie wiesen Darstellungen zurück, nach denen einige Nachbarn in den vergangenen Wochen häufiger das Jugendamt auf die Situation in der Familie aufmerksam gemacht hätten. Zumal die Lage von außen schwer zu berurteilen sei. „Jedes Kind ist mal krank oder hat eine Beule“, sagte Keil.

Mutter sollte Verantwortung übernehmen

Bei Arztbesuchen begleiteten die Betreuer die Familie allerdings nicht, sondern regten nur dazu an. „Die Mutter ist nicht entmündigt, sondern soll Verantwortung für ihre Kinder übernehmen.“

Melanie S. und Matthieu K. stehen weiterhin im Fokus von Polizei und Staatsanwaltschaft. Diese ermitteln gegen beide wegen Verdachtes auf Körperverletzung mit Todesfolge. Melanie S. wird darüber hinaus eine Verletzung der Fürsorgepflicht vorgeworfen. Weil jedoch die bisherigen Erkenntnisse nicht für einen Haftbefehl ausreichten, blieben sie weiterhin auf freiem Fuß, so die Staatsanwaltschaft.

Die beiden zwei und vier Jahre alten Geschwister von Zoe sind in einer Hilfeeinrichtung untergebracht worden. Sie werden dort auch psychologisch betreut. Das dritte Kind, ein zwei Monate altes Baby, wurde auf Wunsch der Mutter bereits vor einiger Zeit an eine Hilfeeinrichtung abgegeben. Wie lange die Kinder in der Obhut des Jugendamtes bleiben, ist unklar.

Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigte an, dass die Arbeit des Jugendämtes nun intensiv überprüft werde.