Nach dem Tod der knapp drei Jahre alten Zoe in Weißensee richten sich die Ermittlungen nun auch gegen den Lebensgefährten der Mutter. Matthieu K. soll „erheblichen Druck und Einfluss“ auf die 25 Jahre alte Mutter ausgeübt haben. „Offenbar hat Melanie S. sehr auf ihn gehört, was den Umgang mit den Kindern und deren Betreuung angeht“, sagte ein Polizeibeamter. Er habe es auch nicht „so ernst mit Arztbesuchen“ der Kinder genommen. Dadurch könnten Zoe und ihre beiden Geschwister, die ebenfalls in der Wohnung an der Indira-Gandhi-Straße wohnten, vernachlässigt worden sein – was letztendlich zum Tod von Zoe geführt haben könnte.
Wie berichtet, hatte sich das Kind in der Nacht zu Dienstag infolge einer Darmverletzung übergeben und war an seinem Erbrochenen erstickt. Die Mutter und ihr Lebensgefährte sollen zu diesem Zeitpunkt nicht in der Wohnung gewesen sein. Gegen Melanie S. wurden Ermittlungen wegen des Verdachts der fahrlässigen Körperverletzung mit Todesfolge und des Verdachts der Verletzung der Fürsorgepflicht eingeleitet.
Die Staatsanwaltschaft bestätigt, dass nicht mehr nur Melanie S. im Fokus steht. „Die Ermittlungen erstrecken sich nun auch auf den Lebensgefährten“, sagte deren Sprecherin Simone Herbeth. Es bestehe ein Anfangsverdacht wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Die Mutter und ihr Lebensgefährte befinden sich dennoch auf freiem Fuß, da der Stand der Ermittlungen einen Haftbefehl derzeit nicht rechtfertige.
Unterdessen werten die Gerichtsmediziner die Ergebnisse der noch am Dienstag vorgenommenen Obduktion aus. So muss etwa durch Proben der Bakterien im Körper geklärt werden, wann die Entzündung im Darmbereich ausbrach. Dadurch könnte der Zeitpunkt der dafür verantwortlichen ursprünglichen Verletzung errechnet werden.
Jugendamt sah „keine Gefährdung“
Während Matthieu K. anfangs nur als Zeuge galt, wird nach Informationen von Morgenpost Online nun auch geprüft, ob er in der Vergangenheit das kleine Mädchen möglicherweise sogar geschlagen hat. Nach Angaben eines Polizeibeamten sollen sich die zuständigen Betreuer des freien Trägers, der sich mit der Familie seit Monaten beschäftigt hat, bereits gewundert haben, dass sich die Ermittlungen zunächst nur auf Melanie S. konzentrierten.
Beim Jugendamt klingt das allerdings anders: Dort versichert man, dass es zu keinem Zeitpunkt Hinweise auf eine Gefährdung des Kindes gegeben habe. Zu Informationen, nach denen Zoe einen Darmriss erlitten hatte und zudem am Körper frische und ältere Hämatome gefunden wurden, äußert man sich nicht. Auch nicht dazu, dass der Zwillingsbruder des toten Mädchens bereits in einer Pflegefamilie lebt. Man werde alle Akten überprüfen, heißt es.
Zehn Stunden pro Woche wurde die Familie im Auftrag des Jugendamtes betreut. „Im Normalfall sind es sechs Stunden pro Woche“, sagte Christine Keil (Linke), Jugendstadträtin in Pankow. Mitarbeiter eines freien Trägers waren also nahezu täglich vor Ort. „Wir beauftragen grundsätzlich freie Träger, die Jugendämter in Berlin sind keine Leistungserbringer“, betonte Keil. Die beiden weiteren Kinder seien jetzt in einer stationären Einrichtung untergebracht. In den kommenden Tagen entscheide das Jugendamt über eine längerfristige Unterbringung außerhalb der Wohnung. Die Mutter habe dem „zugestimmt.“
Senat schaltet sich ein
Wie es trotz intensiver Betreuung durch das Jugendamt zu dem Todesfall kommen konnte, will nun auch der Senat wissen. Am Mittwochmorgen traf sich die Pankower Stadträtin zu einem Krisengespräch mit der Staatssekretärin für Jugend und Familie, Sigrid Klebba (SPD). Sie sagte im Anschluss: „Jetzt muss sehr schnell geklärt werden, ob es bei dieser Betreuung oder auch ansonsten Hinweise gegeben hat oder hätte geben müssen, dass es zu so einem schrecklichen Todesfall kommen kann.“ Die Pankower Stadträtin hat zudem für Donnerstag die Leitung des freien Trägers, dessen Mitarbeiter die Familie betreuten, zu einem Gespräch einberufen.
Die Berliner Jugendämter gelten als überlastet. Wo die Ämter einer Familie vor einigen Jahren noch zwölf bis 15 Stunden Hilfe pro Woche gewähren konnten, seien es heute nur noch sechs bis acht, sagte eine erfahrene Sozialarbeiterin aus Pankow. „Für alle ist es der Horror, wenn so etwas wie in Weißensee passiert.“





