Gewalt an Berliner Schulen

Täter und Opfer – meistens sind es Jungen

Die Berliner Bildungssenatorin hat die Statistik für das vergangene Jahr an Schulen vorgelegt. Die Zahl der gemeldeten Taten ist zurückgegangen.

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Es war im März 2011, als das Zehlendorfer Schadow-Gymnasium wegen einer Amok-Drohung für zwei Tage den Unterricht ausfallen lassen musste. Auf der unter Schülern zu der Zeit beliebten Internet-Seite isharegossip.de hatte zuvor eine Schülerin einen eindeutigen Eintrag entdeckt.

Jemand hatte dort geschrieben, dass sein Hass der Schule gelte und hinzugefügt, dass er niemanden umbringen wolle – die Schüler sollten sich deshalb in Sicherheit bringen. Besorgte Eltern meldeten sich bei der Polizei und schickten ihre Kinder zur Sicherheit in den nächsten Tagen nicht zur Schule. Das Zehlendorfer Gymnasium war nicht die erste Schule, die mit einer Internet-Amokdrohung konfrontiert war. Bereits in den vorangegangenen Monaten hatte es verschiedene Ankündigungen von Gewalttaten in Schulen gegeben, so etwa auch an der Alfred-Nobel-Sekundarschule in Neukölln.

Der Fall ist ein krasses Beispiel dafür, wie diese Internetseite – mittlerweile ist sie offline – in der aktuellen Statistik zu „Gewaltprävention und Krisenintervention für das Schuljahr 2010/11“ der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Niederschlag findet. Denn Vorfälle wie am Schadow-Gymnasium wurden auch der Senatsbildungsverwaltung gemeldet.

Mobbingplattform auf dem Index

Die Internetplattform erlangte im vergangenen Jahr bundesweite Aufmerksamkeit. Denn auf der Website konnte in der Anonymität des World Wide Web hemmungslos gedroht und gemobbt werden. Die Seite war nach Bundesländern und Schulen gegliedert, sodass Schüler problemlos ihre Klassenkameraden an den Pranger stellen konnten. Die Gemobbten wurden häufig mit Klarnamen genannt, teilweise wurden sogar Fotos von ihnen veröffentlicht. Kurze Zeit später wurde die Mobbing-Plattform von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt.

Besonders unter Gymnasiasten war die Klatsch-Seite beliebt und vor allem aus Steglitz-Zehlendorf meldeten die Schulen Vorfälle im Zusammenhang mit Cyber-Mobbing, was den Bezirk in der Gewalt-Statistik der Bildungsverwaltung auf einen der vorderen Plätze katapultierte.

Die Drohungen und Beschimpfungen von Schülern im Internet seien in ganz Berlin teilweise so heftig gewesen, dass Schüler psychologisch betreut werden mussten, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung, am Montag. „Schüler, Lehrer und Eltern sind aber gerade in der Frage von Cyber-Mobbing sehr aktiv geworden und haben aufgeklärt und Präventionsarbeit gemacht“, so die Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) weiter. „In diesem Bereich war man vergangenes Schuljahr besonders sensibel.“

So eine Sensibilisierung schlägt sich in der Statistik nieder – denn die Meldung der Gewaltvorfälle durch die Schulen ist freiwillig. Die Tatsache, dass 62 Prozent der Schulen gar keine Vorfälle gemeldet haben, sei indes kein Zeichen dafür, dass an diesen Schulen das Thema Gewalt einfach verschwiegen werde, ist der Vorsitzende der Berliner Schulleiter, Paul Schuknecht, überzeugt.

„Als 2005 die Notfallpläne für Berliner Schulen herauskamen, die erstmals ganz konkrete verbindliche Handlungsanleitungen enthielten, schnellte die Zahl der Meldungen hoch“, so Schuknecht. „Es wurde vorsichtshalber alles weitergegeben, was nur irgendwie nach Gewaltvorfällen aussah.“

Inzwischen würden viele Schulen wesentlich gelassener damit umgehen, wenn etwa zwei Jungen auf dem Schulhof rauften. „Doch ganz abgesehen davon ist es an den Schulen tatsächlich ruhiger geworden, auch an meiner“, sagte Schuknecht, der Direktor der Friedensburg-Oberschule in Charlottenburg ist. Insbesondere die Anzahl der schweren Fälle sei zurückgegangen. „Eine von Schulfremden angezettelte Schlägerei haben wir schon seit zwei Jahren nicht mehr gehabt.“ Früher sei dies ein echtes Problem gewesen. Die professionelle Hilfe, die Kooperation mit Schulpsychologen, Präventions- und Opferschutzbeauftragten hätte wesentlich dazu beigetragen, das Schulklima zu verbessern.

Krisenteams eingerichtet

Auf Amokprävention, Notfallplan und Krisenteams weist auch der Bericht der Bildungsverwaltung hin. Dort nutzt man die Statistik nach eigenen Angaben als Überblick und zur Steuerung geeigneter Maßnahmen. Die Zahlen dürften nicht als Stigmatisierung von Bezirken oder einzelnen Schulen missverstanden werden, so Sprecherin Beate Stoffers.

Mit 17 Prozent der gemeldeten Gewalttaten liegt Mitte an der Spitze der Statistik. Der Wert entspricht bei einer Gesamtzahl von 1468 Meldungen in ganz Berlin 250 Vorfälle in Mitte. Im Gegensatz dazu wurden in Pankow nur 59 Vorfälle von den Schulen gemeldet, der Bezirk rangiert damit am unteren Ende der Tabelle.

Die Mehrzahl der Meldungen kam aus den Grundschulen, 40 Prozent aller Grundschulen meldeten Vorfälle – zusammen 41 Prozent aller Meldungen, die bei der Verwaltung eingegangen sind. Weil jedoch nur 15 Prozent aller Integrierten Gesamtschulen fast genau so viele Gewaltvorfälle meldeten (35 Prozent), kommen heruntergerechnet auf die einzelne Schule die meisten gemeldeten Vorfälle aus den Gesamtschulen. 3,3 Fälle gab es hier demnach pro Schule im abgelaufenen Schuljahr 2010/11.

Opfer und Täter sind nach der Statistik meistens männlich. So waren 46 Prozent aller Opfer und Betroffenen Jungen, 36 Prozent Mädchen, in übrigen Fällen fehlte eine entsprechende Angabe. Von den Tätern waren sogar 86 Prozent männlich.