Von Fashion Week bis Marathon

Am Brandenburger Tor droht 2012 der Dauerstau

Die Straße des 17. Juni wird immer schwerer passierbar: In 2012 hatten Berlins Autofahrer erst drei Tage freie Fahrt. Bis Ende Januar ist die Straße wegen der Fashion Week gesperrt. Dann kommen Marathon und Fanmeile. Die Sperrungen ärgern nicht nur Taxifahrer.

Foto: Massimo Rodari

Seit dem Beginn des neuen Jahres hatten Berliner Autofahrer drei Tage freie Fahrt auf der Straße des 17. Juni. Zwischen dem Abbau der Partymeile für die Silvesterfeier und dem Aufbau für die Fashion Week lagen nur 72 Stunden. Seit dem 6. Januar ist die Ost-West-Magistrale erneut gesperrt. Diesmal zwischen der Yitzhak-Rabin-Straße und dem Pariser Platz. Dauer der Sperrung: bis zum 26. Januar. Im Sommer wird dieser Straßenabschnitt wiederum für drei Wochen für die Modeveranstaltung geschlossen. Doch dabei wird es nicht bleiben. Ungefähr 24 Groß- und Einzelveranstaltungen sollen bis Ende des Jahres auf der Hauptverkehrsstraße durch den Tiergarten stattfinden.

Ob Berlin-Marathon, Fest zur deutschen Einheit, Fanmeile anlässlich der Fußball-Europameisterschaft oder Christopher Street Day: Werden alle Veranstaltungen, die in diesem Jahr auf der Straße des 17. Juni stattfinden, zusammengerechnet, dann dürfen sich die Autofahrer an rund 100 Tagen auf Vollsperrungen, Umleitungen und Stau einstellen.

Entsetzen bei den Taxifahrern

„Die Berliner Taxifahrer sind entsetzt über die ständigen Sperrungen des 17. Juni“, sagt Uwe Gawehn, Vorsitzender der Berliner Taxiinnung. „Wir sind zum Nachteil unserer Fahrgäste gezwungen, mehr Zeit für die Fahrten in die Innenstadt in Kauf zu nehmen und Umwege zu fahren. Bei jeder Veranstaltung vor dem Brandenburger Tor müssen wir uns durch die Umgehungsstraße quälen.“

Nach Angaben des Taxichefs würden 30 Prozent aller Fahrten vom Flughafen Tegel in den östlichen Teil der Innenstadt führen. „Wir fordern, dass die Straße des 17. Juni nur noch für wirklich wichtige Veranstaltungen gesperrt wird“, sagt Gawehn. „Es gibt so viele andere attraktive Orte in Berlin, wo Veranstaltungen stattfinden könnten.“

Rund 40 Anträge für Veranstaltern

Die zuständige Senatsverwaltung für Stadtentwicklung prüft jährlich rund 40 Anträge von Veranstaltern, denen das Brandenburger Tor als Kulisse dienen soll. „Als Obergrenze haben wir uns ungefähr 20 Veranstaltungen pro Jahr gesetzt“, sagt die Sprecherin der Behörde, Petra Roland. „Bei den Anträgen prüfen wir gemeinsam mit dem Bezirksamt Mitte, ob die Veranstaltung von nationaler oder internationaler Bedeutung ist und ob es einen Imagegewinn für Berlin darstellt.“ Man würde sich bei dem Genehmigungsverfahren immer bewusst sein, dass der Autoverkehr auf dieser wichtigen Verbindung aufrechterhalten werden muss, die Straße des 17. Juni aber auch ein attraktiver Standort für Veranstaltung sei, heißt es.

„Zwischen diesen beiden Standpunkten bewegen wir uns“, sagt Roland. „Wir müssen immer ein verträgliches Maß für alle Beteiligten finden.“ Betroffen ist auch die BVG mit der Buslinie M 85. Bei Sperrungen fahren die Busse dann durch den Tiergartentunnel. Fünf Stationen – Ebertstraße, Reichstag, Platz der Republik, Bundeskanzleramt, Washingtonplatz/Hauptbahnhof – können dann nicht angefahren werden. „Jede Veranstaltung ist ein Eingriff in unseren Fahrplan“, sagt BVG-Sprecherin Petra Reetz. „Den Fahrgast interessiert zu diesem Zeitpunkt nicht die Feier auf der Straße des 17. Juni. Für ihn sind wir in diesem Moment unzuverlässig.“ Bei jeder Streckenänderung müssen an den Haltestellen Hinweistafeln angebracht und die elektronischen Fahrtanzeigetafeln zum Beispiel am Hauptbahnhof geändert werden. Auch würden die Busse auf den Umgehungsstraßen im Stau stehen, wie die anderen Verkehrsteilnehmer auch. „Die Fahrgäste zu informieren kostet jedes Mal Geld“, sagt Reetz. Besonders ärgerlich ist es nach Angaben der BVG für Fahrgäste, die am Hauptbahnhof ankommen und sich auf die Streckenführung des Metrobusses der Linie 85 verlassen würden. Diese Linie führt vom Hauptbahnhof quer durch die Stadt zum S-Bahnhof Lichterfelde-Süd.

Freie Fahrt nur bis April

Der ADAC hat Verständnis für die Straße des 17. Juni als Veranstaltungsort, sucht aber zeitnah das Gespräch zum neuen Senat. „Berlin braucht diese Straße für Veranstaltungen in der Innenstadt. Er ist für Massenveranstaltungen sicher und auch gut mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar“, sagt ADAC-Sprecher Carsten Zorger. „Wir wollen ein vernünftiges Minimum an Veranstaltungen.“ Ältere Pläne, Abschnitte der Verbindnung dauerhaft für den Autoverkehr zu sperren, lehnt der Interessenverband der Autofahrer komplett ab. „Wir werden immer für die Offenhaltung dieser Straße kämpfen“, sagt Zorger. „Der 17. Juni muss immer eine Autostraße bleiben.“

Wenn am 27. Januar nach der Fashion Week die Straße wieder freigegeben wird, können die Autofahrer vorläufig durchatmen. Bis voraussichtlich April wird es aufgrund von Veranstaltungen keine Sperrungen geben. Dann aber drängen verschiedene Veranstalter wieder auf die Hauptverkehrsstraße. „Uns liegen einige Anträge vor“, sagt die Sprecherin der Senatsverwaltung. „Diese sind aber noch nicht bearbeitet worden. Die Entscheidungen stehen noch aus.“ Und es sei auch nicht sicher, ob alle Anträge im Sinne des Veranstalters positiv beantwortet werden. Mit sehr großer Sicherheit wird es eine Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft geben. Unklar ist noch, ob es zur gesamten EM eine Fanmeile geben wird oder erst ab dem Viertel- oder Halbfinale. Fest steht auch noch nicht, welcher Streckenabschnitt dann abgesperrt wird.