Verkehrsprojekte

Extra-Hafen für den Weiterbau der U5

In Berlins historischer Mitte, am Marx-Engels-Forum, entsteht ein neuer Hafen - eigens für die Verlängerung der U-Bahnlinie U5 zwischen Alex und Brandenburger Tor. Schiffe sollen deshalb Schlamm und Steine der Tunnelbaustelle antransportieren.

Foto: David Heerde

Der Bau der U-Bahn beginnt nicht mit einem Bagger. Er beginnt mit einer Kettensäge. Vier alte Bäume sind in den vergangenen Tagen am westlichen Rand des Marx-Engels-Forums gefallen. Strauchwerk wurde gerodet. Am Spreeufer, wo an vielen Tagen Zehntausende Touristen flanieren, versperrt nun ein Bauzaun den Weg zwischen Rathausbrücke und Liebknechtbrücke. Über das kreisrunde Kopfsteinpflaster des Forums zieht sich eine provisorische Asphaltstraße. Inzwischen ist auch der Bagger da, um die Überreste der Gehölze zu beseitigen. Und damit Platz zu schaffen für Größeres.

Es ist unübersehbar in Berlins historischer Mitte: Nach mehreren Verzögerungen nimmt das größte Infrastruktur-Bauprojekt der kommenden sieben Jahre endlich Fahrt auf – der Lückenschluss der U-Bahn-Linie U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor.

Die Bäume und Sträucher mussten allerdings nicht einem künftigen U-Bahn-Schacht weichen. An der Spree, wo seit Jahren vor allem Ausflugsdampfer an den Sehenswürdigkeiten vorbeifahren, entsteht ein neuer Hafen, 80 Meter lang und neun Meter breit graben ihn die Bauarbeiter in den kommenden Monaten ins Ufer am Marx-Engels-Forum. Eine Million Euro kostet der Hafenbau nach Angaben der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Eine Investition, die sich rechnen soll – vor allem, weil dadurch Tausende Lkw-Fahrten durch die Berliner City mit dem entsprechenden Lärm und den Abgasen eingespart werden. Nach den Plänen der BVG wird der größte Teil der Baulogistik für das 433-Millionen-Euro-Projekt nämlich über das Wasser abgewickelt. Bis zu drei Lastkähne täglich sollen unter anderem die riesigen Betonfertigelemente liefern, aus denen die beiden 2,2 Kilometer langen U-Bahn-Tunnel mit einem Durchmesser von 6,70 Metern entstehen. Ebenso wichtig: Über das Wasser sollen auch die etwa 120000 Kubikmeter Sand, Schlamm und Steine abtransportiert werden, die beim Tunnelbau aus dem Berliner Untergrund gewühlt werden. Durch dicke Leitungen wird der verflüssigte Abraum zum Forum gepumpt. Dort wird dann eine Trennanlage stehen, die die festen Anteile aus dem Gemisch herauslöst. Was übrig bleibt, wird über Förderbänder auf die Frachtschiffe verladen.

Ursprünglich wollte die BVG nur einen einfachen Anleger bauen. Weil der Tourismusverkehr auf der Spree in den vergangenen Jahren aber stark zugenommen hat, entschloss man sich für ein Hafenbecken. „Sonst hätten unsere Schiffe zu oft den Ausflugsdampfern den Weg versperrt“, sagte Projektleiter Jörg Seegers.

Ein reibungsloser Schiffsverkehr wird wichtig sein. Denn das Marx-Engels-Forum gegenüber dem Schlossplatz wird zur Logistikzentrale für den gesamten U-Bahn-Bau. Schon im Herbst 2010 ließ die BVG deshalb das Denkmal für die beiden Vordenker des Kommunismus an einen Übergangsstandort im Nordwesten des Platzes hieven. An ihrem ursprünglichen Standort werden in den kommenden Jahren Baucontainer stehen und Maschinen rattern. In unmittelbarer Nähe entstehen zwei von insgesamt drei neuen Bahnhöfen, die Stationen „Berliner Rathaus“ und „Museumsinsel“. Baubeginn für letztere ist im Frühjahr 2012. Der Bahnhof vor dem Roten Rathaus wird von 2013 an gebaut. Genau auf dem Forum entsteht vom Frühjahr kommenden Jahres an der gewaltige Schacht, in den die Tunnelvortriebsmaschine herabgelassen wird. Unterirdisch wühlt sie sich von 2013 bis 2014 in bis zu 25 Meter Tiefe unter anderem unter dem Boulevard Unter den Linden hindurch, unterquert Spree und Spreekanal, kreuzt die U-Bahn-Linie U6 und den Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn.

Friedrichstraße wird zur Sackgasse

Bereits im kommenden Jahr sorgt das Riesenbauprojekt dann auch für erhebliche Einschränkungen im Straßen- und U-Bahn-Verkehr. Voraussichtlich im Juni oder Juli beginnen die Arbeiten am neuen Umsteigebahnhof „Unter den Linden“, wo die verlängerte U5 später die bestehende U6 (Alt Tegel–Alt Mariendorf) kreuzt. Für den Bau der Station wird der Verkehr auf der U6 unterbrochen. Und auch Autofahrer müssen leiden. Die Friedrichstraße wird an der Kreuzung Unter den Linden zur Sackgasse. Auf dem Boulevard steht nur eine der beiden Fahrbahnen zur Verfügung, die sich die Autofahrer in Richtung Osten und Westen dann teilen müssen. Die größten Einschränkungen werden voraussichtlich erst Ende 2013 aufgehoben.

Der Weiterbau der U5 hatte sich auch noch aus anderen Gründen verzögert: Bei Ausgrabungen vor dem Roten Rathaus hatten Archäologen spektakuläre Funde gemacht. Deshalb wurden die Pläne für den U-Bahnhof „Berliner Rathaus“ geändert. Inzwischen geht die BVG deshalb davon aus, dass auf der U-5-Neubaustrecke im Sommer 2019 die ersten Züge rollen werden – eineinhalb Jahre später als ursprünglich geplant.