Nach Chaos-Donnerstag

S-Bahn zieht erste Konsequenzen aus Strom-GAU

Ein Stromtest hat nach Bahn-Angaben zur „bisher größten Panne" bei der Berliner S-Bahn geführt. Warum es dazu kam, ist immer noch nicht vollständig geklärt. Künftig soll es aber solche Checks der Notstromsysteme nur noch in der Nacht geben.

Foto: dpa / dpa/DPA

Nach dem folgenschweren Stromausfall im Stellwerk Halensee hat die Deutsche Bahn am Freitag erste Konsequenzen gezogen. Die in bestimmten Abständen vorgeschriebene Überprüfung des Notstromsystems werde künftig nur noch in den nächtlichen Betriebspausen stattfinden, sagte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage Morgenpost Online. Sollte dann erneut etwas schiefgehen, wären die Folgen zumindest nicht so gravierend wie am Donnerstag.

Ein solcher Testlauf – eigentlich vorgesehen, um die Zuverlässigkeit des wichtigen Stellwerks Halensee und damit des gesamten S-Bahn-Betriebs in Berlin zu sichern – hatte am Donnerstag für einen fast dreistündigen Totalausfall auf fast allen Linien gesorgt. Am Vormittag – immerhin bewusst erst nach dem Berufsverkehr – hatten Techniker der für die Infrastruktur zuständigen Bahntochter DBNetz die Routineüberprüfung gestartet. Bei ausgefallener Hauptstromversorgung sollten dabei zunächst Batterien die Energie für das Stellwerk und der angegliederten Betriebszentrale liefern – bis die Dieselgeneratoren des Notstromaggregats die Versorgung übernehmen können. Dabei kam es jedoch zu der folgenschweren Panne. Ein wichtiges Bauteil zwischen Generator und Stromnetz brannte durch. Dieser sogenannte Wechselrichter wandelt den Gleichstrom der Batterien in Wechselstrom um. Warum das Gerät versagte und auch der als Ersatz vorgesehene Wechselrichter nicht funktionierte, ist nach Angaben der Bahn immer noch unklar.

Die Folgen waren indes verheerend. Weil weder Haupt- noch der Notstrom flossen, fielen in der Betriebszentrale der S-Bahn, die auch für den Ost-West-Verkehr von Fern- und Regionalzügen zuständig ist, sämtliche Systeme aus. An insgesamt 30 Rechnern, dem Nervenzentrum der S-Bahn, gingen gleichzeitig die Lichter aus – mit fatalen Folgen. Aus Halensee werden Signale und Weichen von großen Teilen des Berliner S-Bahn-Netzes gesteuert. Zudem wird die Fahrt der Züge von dort aus überwacht. Als am Donnerstag plötzlich nichts mehr funktionierte, sprangen automatisch alle Signale auf Rot. Züge konnten nur im Schritttempo in den nächsten Bahnhof fahren – oder steckten teilweise für mehrere Stunden auf freier Strecke oder im Tunnel fest. Zehntausende Fahrgäste waren betroffen, mussten warten und frieren oder gar von Feuerwehr und Polizei evakuiert werden. Viele Reisende beklagten die schlechte Information. So habe es vielerorts keine verständlichen Durchsagen gegeben.

Anweisungen per Handy

Ein Problem war dabei auch, dass selbst die Triebfahrzeugführer zunächst keine verlässlichen Informationen über die Situation hatten. Durch den Kollaps in Halensee war auch der sogenannte Bündelfunk, über den die Lokführer mit der Leitstelle kommunizieren können, ausgefallen. Nur einzeln und per Handy sickerten die Anweisungen an das Fahrpersonal durch. Ein technischer Super-GAU, wie ihn selbst die seit zweieinhalb Jahren krisengebeutelte Berliner S-Bahn noch nicht erlebt hatte.

Diesmal war sie allerdings gar nicht selbst für das Desaster verantwortlich. Zuständig für die Stellwerke und ihre Technik ist die Bahn-Tochter DB Netz. Ein Bahnsprecher bezeichnete den Totalausfall vom Donnerstag als „bisher größte Panne“. Der Fehler und seine Folgen seien „in dieser massiven Form einmalig“. Es sei ein „schwarzer Tag für die S-Bahn“ gewesen. Nach seinen Angaben war der Testlauf der Notstromversorgung seit 1999 insgesamt 70 Mal durchgeführt worden – ohne dass jemals Probleme aufgetreten seien. Welche Konsequenzen aus der folgenschweren Panne gezogen werden müssen, werde nun ermittelt.

Einschränkungen auch am Freitag

Solange die Deutsche Bahn die Stromversorgung für die Betriebszentrale der S-Bahn nicht grundsätzlich umrüstet und weitere Sicherungsebenen etabliert, heißt das nach Ansicht von Bahnexperten: Eine Wiederholung des Vorfalls ist zwar unwahrscheinlich, aber möglich. Das hat offenbar auch die Bahn verstanden. „Wir müssen unsere Lehren daraus ziehen, um solche Pannen künftig zu vermeiden“, sagte der Unternehmenssprecher.

Die Folgen des Stromausfalls vom Vortag mussten die Fahrgäste auch am Freitagmorgen noch erleben. Auf mehreren Linien kam es zu Ausfällen und Verspätungen. Die S45 (Südkreuz–Flughafen Schönefeld) fuhr im Berufsverkehr nur im 40-Minuten-Takt, die S47 nur auf verkürzter Strecke zwischen Schöneweide und Spindlersfeld. Im Laufe des Tages normalisierte sich der Verkehr nach und nach. Ein Grund für die Einschränkungen: Wegen diverser Technikprobleme müssen die Züge häufig in die Werkstätten. Liegt der Verkehr – wie geschehen – fast drei Stunden lahm, müssen die Wartungsarbeiten nachgeholt werden, wodurch die Züge wiederum für den Linieneinsatz fehlen. Wartungs- und Fahrpläne geraten dadurch gleichermaßen durcheinander.

Gemessen daran zeigte sich die S-Bahn zufrieden mit dem Tag eins nach dem Chaos. „Gestern ging alles drunter und drüber. Heute lief es besser, als es sich zunächst angedeutet hatte“, sagte ein Sprecher. Insgesamt seien im Berufsverkehr immerhin 476 Doppelwagen einsatzbereit gewesen. Zuletzt hatte die S-Bahn sogar noch eine richtig gute Nachricht. „Sehr geehrte Damen und Herren, hiermit möchten wir Sie informieren, dass an diesem Wochenende vom 16.12 bis 19.12.2011 keine Verkehrseinschränkungen aufgrund von Bauarbeiten bei der S-Bahn Berlin geplant sind“, hieß es in einer Mitteilung. Allerdings wurden Fahrgäste danach am Freitagabend auf der S-Bahnlinie S3 erneut von Unregelmäßigkeiten getroffen. Dort stoppten eine halbe Stunde lang die Züge - wegen eines Stromausfalls.