Bildung in Berlin

Jede fünfte Schule steigt aus der Reform aus

Das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) ist an 67 der 374 öffentlichen Grundschulen in Berlin endgültig gescheitert. Dabei galt JüL als Kernstück der rot-roten Schulreform. Das Thema dürfte nun in den Koalitionsgesprächen zwischen SPD und CDU für Sprengstoff sorgen.

Foto: Reto Klar

Immer mehr Berliner Grundschulen steigen aus der Bildungsreform des rot-roten Senats aus. Inzwischen haben sich 67 der 374 öffentlichen Grundschulen gegen das jahrgangsübergreifende Lernen (Jül) entschieden. Sie werden vom kommenden Schuljahr an die Schulanfangsphase ohne Jül einrichten. Knapp ein Fünftel der Grundschulen lehnt damit das Kernstück der 2004 beschlossenen Grundschulreform ab.

In Neukölln will sogar jede zweite Grundschule die Erst- und Zweitklässler wieder in Jahrgangsklassen unterrichten. Dort haben sich 19 von 39 Schulen gegen Jül entschieden. Sie argumentieren damit, dass bereits die Kinder innerhalb eines Jahrgangs große Entwicklungsunterschiede haben. Bei einer Jahrgangsmischung würden diese Unterschiede so zunehmen, dass es nicht mehr möglich sei, allen Kindern gerecht zu werden. Vielen Schulen fehlt zudem Personal.

30 der 67 Schulen, die Jül ablehnen, hatten die Jahrgangsmischung gar nicht erst angeboten. Alle 67 Schulen mussten ein Konzept vorlegen, aus dem hervorgeht, wie sie die Schüler auch ohne Jül individuell fördern und sicherstellen wollen, dass Kinder die Schulanfangsphase je nach Begabung durchlaufen können.

Insgesamt hatten 71 Grundschulen beantragt, Jahrgangsklassen einrichten zu wollen, statt die Mischung zu praktizieren. Vier Schulen haben bisher keine Genehmigung erhalten, können ihr Konzept jedoch überarbeiten und Jül möglicherweise zum Schuljahr 2013/14 abschaffen.

Dabei haben noch längst nicht alle Grundschulen, die Jül abwählen wollen, dies bereits beantragt. Das liegt daran, dass die Schulen nur wenig Zeit hatten, ein Alternativkonzept zu erarbeiten. Ob künftig weitere Konzepte eingereicht werden können, dazu wollte sich die Bildungsverwaltung nicht äußern.

Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hatte Jül vom Schuljahr 2007/08 an für alle Grundschulen verbindlich gemacht. Die Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (CDU), Beate Stoffers, sagte nun, die Konzepte der Schulen würden zeigen, dass Lehrkräfte und Erzieher professionell daran arbeiten, die individuelle Förderung in heterogenen Lerngruppen weiterzuentwickeln. Gleichzeitig betonte sie, dass Jül Regelform bleibt.

Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin in Neukölln, begrüßte es, dass die Schulen die Möglichkeit haben, zu entscheiden, welcher Weg der richtige für sie ist. „Die Praxis wird zeigen, welche Angebote die Eltern wählen werden“, sagte sie. In Neukölln haben sich sowohl Brennpunktschulen wie die Hermann-Sander-Grundschule als auch Schulen mit einem geringen Anteil von Kindern nicht deutscher Herkunft wie die Bruno-Taut-Schule in Britz gegen Jül entschieden. Bildungsstadträtin Giffey sagte dazu, dass die Bereitschaft des Kollegiums für den einen oder den anderen Weg ausschlaggebend sein sollte. „Stehen die Lehrkräfte nicht hinter Jül, ist es besser, bei dem Konzept zu bleiben, mit dem man bislang erfolgreich war.“

Diese Haltung entspricht allerdings nicht der Linie ihrer Partei, die sich dafür starkmacht, dass Jül der Regelfall bleibt. Anders die CDU. Thomas Heilmann, stellvertretender Landesvorsitzender, sagte: „Wir sind für die Freiwilligkeit von Jül.“ Das Thema dürfte in den Koalitionsgesprächen für Sprengstoff sorgen