Sandra Scheeres

Die neue Senatorin hat noch keinen Ruf

In der Berliner Wissenschaftsszene ist die neue Senatorin Sandra Scheeres (SPD) ein unbeschriebenes Blatt. Nach dem Schwergewicht Jürgen Zöllner fürchten Professoren und Präsidenten nun, künftig mit einer deutlich schwächeren Lobby leben zu müssen.

Foto: SPD

„Sandra wer?“ In den Führungsetagen der Berliner Hochschulen war am Dienstag Recherche angesagt. Denn die neue Senatorin für Wissenschaft und Bildung, die Pankower SPD-Abgeordnete Sandra Scheeres, ist in der Berliner Wissenschaft bisher ein völlig unbeschriebenes Blatt.

Nach dem wissenschaftspolitischen Schwergewicht Jürgen Zöllner, der in Berlin und darüber hinaus für die Hochschulen eine Menge erreicht hat, fürchten Professoren und Präsidenten nun, künftig mit einer deutlich schwächeren Lobby leben zu müssen. Zumal sie ohnehin vergrätzt sind, weil SPD und CDU die Forschung aus dem Ressort Wissenschaft herausgelöst haben , was nach Ansicht von Praktikern zu mehr Bürokratie und Abstimmungsbedarf führen werde.

„Sie versteht nicht viel vom Wissenschaftsbereich“, sagt jemand, der Sandra Scheeres länger kennt. Das könne ein Problem werden, denn selbstbewusste Professoren und Rektoren seien nur begrenzt bereit, sich auf eine junge Frau als Senatorin einzulassen. Wenn sie dann inhaltlich nicht sehr fit sei, würden sie eine Senatorin schnell nicht ernst nehmen, warnte eine Frau aus dem Wissenschaftsbetrieb.

Offiziell drang jedoch kein kritisches Wort über die rot-schwarzen Personalentscheidungen aus den Präsidialämtern. „Ich bin ein grenzenloser Optimist. Und es ist ein Gebot der Fairness, dass man jemanden, der pfiffig ist, zubilligt, sich schnell einzuarbeiten“, sagte TU-Präsident Jörg Steinbach. FU-Präsident Peter-André Alt sieht dies ähnlich. „Frau Scheeres steht bisher vor allem für Bildung und Jugend. Bei der Wissenschaft darf man noch einiges Entwicklungspotenzial erwarten. Wir werden die neue Senatorin dabei nach Kräften unterstützen.“

HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz betonte: „Ich bin sicher, dass wir das konstruktive Miteinander in den Bereichen Lehre, Wissenschaft und Forschung fortführen.“

Die designierte Senatorin selbst gab sich am Tag nach ihrer Vorstellung selbstbewusst. Von Kita- und Jugendpolitik versteht sie ohnehin eine Menge, als fachpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion habe sie in diesem Bereich schon „viel bewegt“; sagte Sandra Scheeres Morgenpost Online. Auch in der Fach-Arbeitsgemeinschaft Schule habe sie mitgewirkt. Dass sie mit dem Thema Wissenschaft noch nicht so vertraut sei, räumte die 41-Jährige ein, obwohl sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgemeinschaft für Kinder und Jugendhilfe durchaus „Berührungspunkte mit der Wissenschaft“ gehabt habe. „Aber bei keinem Senator ist es so, dass er alle Felder intus hat“, sagte Scheeres und versicherte, sich rasch einarbeiten zu wollen. Sie sei dialogorientiert, eine Teamspielerin und lege Wert darauf, die Kompetenzen aus ihrer Verwaltung anzuzapfen und einzubinden. Dass sie sich von anderen Senatoren an die Wand drücken ließe, sei nicht zu erwarten, sagt sie. Langjährige Bekannte beschreiben die Diplom-Pädagogin aus Pankow denn auch als „durchsetzungsstark“. „Ich habe keine Angst, mich in Auseinandersetzungen zu begeben“, sagte Scheeres.

Mit ihrem künftigen Senatskollegen Ulrich Nußbaum , dessen Job als Finanzsenator auch darin besteht, bisweilen in die Ressorts seiner Fachkollegen hineinzuregieren, hat sie schon als Abgeordnete die Klingen gekreuzt. Sie blockierte Nußbaum mit seiner Idee, die Anwesenheit von Kindern in Berlins Kitas mittels eines detaillierten Kontrollsystems zu überwachen. Der Finanzsenator wollte so verhindern, dass freie Kita-Träger Betreuungsbedarf erfinden, um höhere Zuschüsse zu erhalten. Fachfrau Scheeres fand ein solches System lebensfremd, zudem widerspreche es der SPD-Politik, mehr Kinder möglichste lange an die Kitas zu holen.

Mit Nußbaum wird sie sich auseinandersetzen müssen, wenn es um die Zukunft des Universitätsklinikums Charité geht. Zuletzt war es ihr trotz aller Konflikte mit den Universitäten in der Wissenschaft angesehener Vorgänger Jürgen Zöllner, der an der Seite von Charité-Vorstand Karl Max Einhäupl gegen Nußbaum stand. Der Finanzsenator fand die Sparanstrengungen des Vorstandes unzureichend und drohte damit, die Investitionsmittel für die Sanierung des Bettenhochhauses nicht frei zu geben. Zöllners Part gegen den selbstbewussten Finanzer muss künftig Sandra Scheeres übernehmen.

Hoffen auf den Staatssekretär

Erschwerend wirkt jedoch, dass sie in ihrem Haus über kaum noch Fachwissen zum Thema Charité verfügen wird. Denn die Abteilung Forschung, zu der auch die Hochschulmedizin gehört, wird gemäß den Beschlüssen aus den Koalitionsverhandlungen ans Wirtschaftsressort bei der neuen Senatorin Sybille von Obernitz angedockt. „Alle, die mit der Charité zu tun haben, sind weg“, heißt es im Uni-Klinikum über die Verwaltung, mit der sie es künftig zu tun haben werden. Deswegen müsse die neue Senatorin unbedingt Wissenschafts-Staatssekretär Knut Nevermann behalten. Zöllner hatte den habilitierten Juristen 2010 aus Sachsen nach Berlin geholt. Vorher war der 67-Jährige dort ebenfalls Wissenschafts-Staatssekretär, davor zu Zeiten von Rot-Grün Abteilungsleiter für Kultur im Bundeskanzleramt. „Der genießt hohes Ansehen an den Hochschulen“, heißt es aus einem Uni-Präsidium über Nevermann, „der ist ein Problemlöser“.

Scheeres hat jedoch noch nicht entschieden, wer ihre drei Staatssekretäre werden sollen. Sie werde nicht alles neu machen, sagte die designierte Senatorin.

Während die Universitäten jedoch die Hoffnung hegen, der neuen Senatorin mit der notwendigen Fachkenntnis aushelfen und auch das Problem Charité regeln zu können, machen sie sich aber Sorgen, wie sich das Gewicht der Hauptstadt in der bundesweiten Wissenschaftsszene entwickeln wird. Dabei müsse der Aufbau von Studienplätzen weiter gehen. Es gehe auch darum, dass Berlin in der anstehenden neuen Runde der Exzellenzinitiative im Juni 2012 eher scheitern könne, wenn es in den Augen der anderen Vertreter in den Entscheidungsgremien dem Vertreter Berlins an Autorität mangele. Insgeheim wissen die Professoren, dass es auch bei der Kür der Eliteunis, zu deren Kreis die FU als einzige Berliner Hochschule gehört, nicht nur um Qualität, sondern auch um Politik geht. 2006, als noch der überregional unbekannte Linken-Politiker Thomas Flierl Wissenschaftssenator war, habe man verloren. In der nächsten Runde mit dem angesehenen Jürgen Zöllner habe man gesiegt. Die Jurys ließen sich auch von Kleinigkeiten beeinflussen. Das gehe schon bei den vorgeschriebenen Begehungen los. Da mache es einen schlechten Eindruck, wenn ein Senator nicht ordentlich Englisch spreche, hieß es.

Eine Hoffnung macht die Besetzung der Ressorts für Wissenschaft und Wirtschaft/Forschung den Professoren, bei allem Ärger über die unsinnige Zweiteilung: Die beiden Frauen, Sandra Scheeres und Sybille von Obernitz, seien wohl eher in der Lage, eine pragmatische Zusammenarbeit zu entwickeln als Politiker, die zu stark mit der Materie verwachsen und zu sehr von sich eingenommen seien.