Berliner Bombenleger gefasst

Verdächtiger hortete Bomben-Bausätze zu Hause

Die Berliner Polizei hat den mutmaßlichen Rohrbomber vom Schillerpark gefasst. Bei einer Wohnungsdurchsuchung in Wedding wurden mehrere Hundert Bauteile für Sprengvorrichtungen entdeckt.

Im Kiez nordöstlich der Müllerstraße in Berlin-Wedding ist nach der Festnahme des mutmaßlichen Rohrbombenlegers die Erleichterung groß. Nach dem Fund eines Sprengsatzes am Nordufer im Mai und besonders nach einer Explosion im August 2011 ging im Weddinger Norden die Angst um. Der Schillerpark als grüne Lunge südlich der Reinickendorfer Bezirksgrenze war plötzlich nicht mehr so beliebt. Die Detonation einer Rohrbombe, die an einem Sonntag in einer Aldi-Tüte verborgen war, verunsicherte die Menschen extrem.

Nun haben die Ermittlungen des Polizeilichen Staatsschutzes und der Staatsanwaltschaft ergeben, dass der am Donnerstag festgenommene 44-jährige Deutsch-Afghane bereits im Juni 2007 für die Explosion einer Rohrbombe in Wedding verantwortlich sein soll. Am 27. Juni 2007 fanden Mitarbeiter des Grünflächenamtes Reste einer bereits gezündeten Rohrbombe in einem Park an der Seestraße Ecke Dohnagestell. Durch die Detonation war damals jedoch niemand verletzt worden.

Bombenteile in Wohnung entdeckt

Nach Angaben der Polizei wurde der Tatverdächtige am Donnerstag von einem Spezialeinsatzkommando (SEK) an seiner Arbeitsstelle in Hohenschönhausen festgenommen. Bei dem Verdächtigen soll es sich nach Informationen von Morgenpost Online um Stephan S. handeln. Gegen ihn wurde am Freitag Haftbefehl erlassen. Wie die Polizei mitteilte, waren die Fahnder im Zuge von Ermittlungen bei infrage kommenden Handelsfirmen dem Verdächtigen auf die Spur gekommen. „Er muss über einen längeren Zeitraum mehrere Hundert elektronische Bauteile erworben haben“, sagte der Leiter des Polizeilichen Staatsschutzes, Oliver Stepien. Denn nach seiner Festnahme am Donnerstag fanden Polizeibeamte in der Wohnung von S. an der Triftstraße in Wedding zahlreiche elektronische Bauteile und Schwarzpulver, die zum Bau einer Bombe verwendet werden können. Es sollen insgesamt mehrere Hundert Bauteile gewesen sein. „Bei dem Verdächtigen handelt es sich offenbar um einen sehr interessierten Bastler“, so Stepien.

Am Freitag setzten die Beamten die Durchsuchung dann fort. Dabei wurde auch ein Luftdruckgewehr entdeckt. Die Mieter des Wohnhauses seien zu keiner Zeit in Gefahr gewesen, so Stepien. Die drei Bomben, die S. hergestellt haben soll, seien in ihren Bestandteilen nahezu identisch. Auch die gefundenen Plastiktüten stammten von demselben Discounter.

Kein politisches Motiv erkennbar

Stephan S. ist in Berlin geboren und ist Sohn eines Afghanen. Nach Angaben der Polizei arbeitete er als Hilfskraft einer Zeitarbeitsagentur bei einer Firma in Hohenschönhausen, die Gummiteile für den Fahrzeugbau herstellt. Bislang ist S. bei der Polizei noch nicht in Erscheinung getreten. Warum er die Bomben baute, ist bislang unklar. Er verweigert die Aussage. Ein islamistisches oder terroristisches Motiv schließen die Ermittler jedoch aus.

Offenbar war es höchste Zeit, dass die Polizei den mutmaßlichen Bombenleger schnappte. Denn aufgrund der sichergestellten Beweise gehen die Ermittler davon aus, dass S. in nächster Zeit einen weiteren Sprengsatz hätte legen können.

Eine der gezündeten Bomben hat einem Menschen schwere Verletzungen zugefügt. Der Spaziergänger Siegfried L. war am Nachmittag des 14. August 2011 von einer Bombe des 44-Jährigen, die unweit der Edinburger Straße abgelegt worden war, schwer verletzt worden. Die Explosion fügte dem 58 Jahre alten Landschaftsgärtner ernste Verwundungen durch Splitter im Gesicht und an Armen und Beinen zu. Zudem ist seine Sehkraft beeinträchtigt.

Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gebe es nicht, auch kein Bekennerschreiben, hieß es zunächst seitens der Ermittlungsbehörden. Ein Beamter erklärte, man gehe nicht von einer politisch motivierten Tat aus, sondern von einem „irren Bomberbastler“, der in Kauf nehme, unschuldige Menschen schwer zu verletzen oder gar zu töten. Diese recht früh geäußerte Einschätzung hat sich spätestens mit dem jetzt geglückten Fahndungserfolg als zutreffend erwiesen.

Nach wie vor ungeklärt ist allerdings ein Zwischenfall, der sich kaum zwei Wochen nach dem Anschlag im Schillerpark ereignete. Der Inhalt einer weiteren Plastiktüte war am 26. August auf dem evangelischen Friedhof an der Aroser Allee Ecke Holländerstraße unweit eines Brunnens „in die Luft gegangen“. Eine Anwohnerin hatte von ihrer Wohnung aus einen Knall gehört und eine Flamme sowie Rauch gesehen. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Die Hintergründe dieses glimpflich verlaufenen Zwischenfall müssen noch geklärt werden.