Inklusionspapier

Berliner Förderschulen stehen vor dem Aus

Kinder mit und ohne Behinderung sollen gemeinsam lernen. Das sieht eine UN-Konvention vor, der Deutschland beigetreten ist. Doch Berliner Schulleiter und Eltern lehnen die Umsetzung ab.

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Berliner Schulleiter lehnen die Eingliederung behinderter Kinder in Regelschulen ab. Unter den gegebenen Umständen sei das nicht möglich, sagen sie. Die Schulleiter fordern mehr Geld für zusätzliches Personal, Fortbildung und bauliche Veränderungen der Schulgebäude. Das geht aus einer Umfrage hervor, die Morgenpost Online vorliegt. Insgesamt haben sich 100 Einrichtungen an der Befragung beteiligt, die vom Interessenverband der Berliner Schulleiter (IBS) im Oktober durchgeführt wurde. 81 Prozent der teilnehmenden Schulen gaben an, nicht genug qualifiziertes Personal zu haben. Zwei Drittel sagten, dass sie noch kein Schulkonzept zur sogenannten Inklusion haben.

In einer Stellungnahme zum Ergebnis der Umfrage fordert der Interessenverband der Berliner Schulleiter eine angemessene Ausstattung der Schulen einschließlich einer verlässlichen Personalreserve sowie externer Unterstützung. Außerdem müsste an jeder Schule Barrierefreiheit geschaffen werden, heißt es weiter.

Manuela Gregor, Mitglied des Vorstandes des IBS, warnte angesichts der unzureichenden Bedingungen an den meisten Regelschulen davor, schon jetzt Sonderschulen zu schließen. Zunächst müsse sichergestellt werden, dass alle Schüler von der Inklusion profitieren, forderte Gregor. „Mit einem kostenneutralen Konzept, wie Bildungssenator Jürgen Zöllner es plant, ist das nicht zu machen“, sagte sie.

CDU und SPD noch uneinig

Auch in den Koalitionsverhandlungen wurde über das Berliner Inklusionspapier diskutiert. Wie aus Kreisen von SPD und CDU zu erfahren war, ist man bisher jedoch zu keinem Ergebnis gekommen. Die nötige Ausstattung der Schulen koste sehr viel Geld, hieß es. Die CDU dringt allerdings darauf, das Wahlrecht der Eltern auszubauen und genügend Sonderschulen zu erhalten.

Deutschland hat sich mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 verpflichtet, den gemeinsamen Schulbesuch aller Kinder – auch lern-, körper- oder geistig behinderter Kinder – zu ermöglichen. Die Kinder sollen unabhängig von dem Grad ihrer Behinderung eine Schule in Wohnortnähe besuchen können. Die Förderschulen sollen größtenteils abgeschafft werden.

In Berlin protestieren viele Eltern gegen die Pläne. Ihr Wahlrecht müsse erhalten bleiben, fordern sie. So kämpft in Tempelhof-Schöneberg eine Initiative gegen die Schließung der Elisabeth-Rotten-Förderschule. Elternsprecherin Marianne Kaiser sagt dazu: „Wir wollen, dass diese Förderschule erhalten bleibt, weil unsere Kinder dort die besten Bedingungen haben, um einen Schulabschluss zu erreichen.“ Chancengleichheit beinhalte, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, entsprechend ihren Fähigkeiten zu lernen, das könne auch an einer Sonderschule der Fall sein. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern sorgt sich um die Zukunft ihrer Tochter Alisa. Das 14 Jahre alte Mädchen ist lernbehindert. Sie wurde deshalb 2002 am Elisabeth-Rotten-Förderzentrum eingeschult, einer Sonderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen. Dort hat sie sich gut entwickelt.

Die Schließungspläne bringen die Eltern auf die Barrikaden. „Die Schulaufsicht hat uns mitgeteilt, dass die ersten Schüler bereits im Februar an Regelschulen untergebracht werden sollen. Alle anderen sollen bis zum Ende des Schuljahres einen Platz an einer Regelschule bekommen“, sagt Marianne Kaiser. Für ihre Tochter, die 2012 ihren Schulabschluss machen soll, wäre das eine Katastrophe. „Alisa hat erst in der sechsten Klasse begonnen, im Unterricht überhaupt etwas zu sagen. Fremden gegenüber äußert sie sich bis heute nicht.“ Die Mutter befürchtet, dass Alisa ihren Abschluss nicht schaffen wird, wenn sie in ihrem letzten Schuljahr an eine andere Schule muss.

Eine Protestdemonstration der Eltern hat in der vergangenen Woche nun zu einem Aufschub geführt. „Die Schulaufsicht des Bezirks Tempelhof-Schöneberg hat uns mitgeteilt, dass es im Februar noch keine Umschulungen geben soll“, sagt Kaiser. Die Eltern geben sich damit nicht zufrieden. Ihr Ziel ist es, dass alle Schüler, die an der Rotten-Schule lernen, dort auch ihre Schullaufbahn beenden können. So lange soll das Förderzentrum erhalten bleiben.

Die Forderungen der Eltern gehen aber noch weiter. „Inklusion kann erst stattfinden, wenn an den Regelschulen die personellen und räumlichen Voraussetzungen dafür geschaffen worden sind“, sagt Marianne Kaiser. Dazu gehöre auch, dass alle Kinder so früh wie möglich an den Umgang mit behinderten Mitschülern herangeführt werden. Sonst bestünde die Gefahr, dass die behinderten Kinder gemobbt werden, sagt sie. Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD) hat gemäß der Behindertenrechtskonvention ein Konzept erstellt, wonach zunächst alle Schüler mit einer Lern- oder Sprachbehinderung sowie mit emotional-sozialen Schwierigkeiten in die Regelschule integriert werden sollen. Die Zahl der Förderzentren soll reduziert, die Sonderpädagogen sollen an den regulären Schulen angestellt werden. In einem zweiten Schritt könnten dann auch geistig und körperlich behinderte Kinder mehr und mehr an den normalen Schulen aufgenommen werden.

Abgeordnete wiesen Pläne zurück

Neben Schulleitern und Lehrern gingen auch die Abgeordneten aller Parteien im Frühsommer davon aus, dass Zöllners Inklusionskonzept nicht ohne zusätzliche Mittel umgesetzt werden kann, zumal die Zahl der förderbedürftigen Kinder ständig steigt. Vor der Sommerpause wiesen sie die Pläne des Bildungssenators deshalb zurück. Seine Verwaltung bekam den Auftrag, beim Inklusionskonzept nachzubessern. Das ist bisher nicht passiert. Und solange kein neuer Bildungssenator gewählt worden ist, dürfte das Konzept wohl auch nicht angefasst werden.

Mit der Schließung verschiedener Förderzentren werden allerdings Tatsachen geschaffen. Lothar Semmel, im Vorstand der Vereinigung der Berliner Schulleiter für das Thema Inklusion zuständig, kritisiert dieses Vorgehen. Förderzentrum dürften nicht abgeschafft werden, bevor es nicht ein überzeugendes Konzept dafür gibt, wie behinderte Kinder an Regelschulen unterrichtet werden sollen. „Das Berliner Konzept ist weder konsequent durchdacht noch ausfinanziert“, sagt Semmel. Die Regelschulen brauchten außerdem genügend Zeit, um sich umzustellen.