Multifunktionshaus

Temki - die temporäre Kita aus dem Schuhkarton

Flexibel und preiswert: Der Architekt Florian Wagner hat einen Holzbau entwickelt, der den Mangel an Kita-Plätzen beheben soll. Boxen mit Bibliothek und Puppentheater füllen das Innere aus und ein Indoorgarten sitzt unter dem Dach.

Foto: Jakob Hoff

Florian Wagner hat ein multifunktionelles Haus entworfen, mit dem er den Kita-Platz-Mangel in Berlin eindämmen möchte. Der Bedarf für ein solches Gebäude ist zumindest potenziell groß, ist Wagner überzeugt. Bis 2015 fehlen in Berlin 20.000 Betreuungsplätze, schon jetzt können einige Bezirke viele Kinder nicht mehr unterbringen, die Einrichtungen sind überlaufen. Die Lösung des dramatischen Notstands in den Innenstadtbezirken sieht in den Händen des jungen Architekten kinderleicht aus. Er zeigt das Modell seiner temporären Kita („Temki“) gern her: Die äußere Hülle des Gebäudes gleicht dem Nikolaushaus, innen sind vier Boxen versetzt übereinandergestapelt – es ist so simpel wie ein Schuhkarton.

Architekt Florian Wagner hat mit seinem Entwurf eine Alternative zu den Wohncontainern entwickelt, die bisher überall dort aufgestellt werden, wo in kurzer Zeit dringend neue Räume benötigt werden. Und neue Räume werden ja gebraucht, will man den Bedarf an Betreuungsplätzen decken.

Das flexible Holzhaus entwickelte Wagner als Masterarbeit für seinen Universitätsabschluss. Es ist genau an die Bedürfnisse der Kinder angepasst. Seine Lebensdauer ist auf sechs Jahre ausgerichtet, das entspricht dem Kita-Durchlauf eines Kindes von der Krippe bis zur Vorschule.

Plätze sind Mangelware

Die Idee kam dem 27-jährigen Wahlberliner, als er aus den Medien von der Not der jungen Eltern erfuhr, einen Betreuungsplatz für ihre Kinder zu bekommen. Das Problem stellt sich derzeit vor allem in den Bezirken Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg und Mitte. Laut Prognose steigt der Bedarf an Kita-Plätzen bis 2015 , danach allerdings gehen Experten davon aus, dass die Geburtenraten wieder abnehmen. Die Bezirke scheuen es daher, neue Gebäude für Kindertagesstätten zu bauen, die in fünf Jahren eventuell nicht mehr benötigt werden. Schließlich wurden gerade im Ostteil der Stadt noch vor zehn Jahren etliche Häuser geschlossen, weil es an Nachwuchs fehlte. Leer stehende Gebäude in kommunaler Hand wiederum gibt es nicht mehr, da die Immobilien praktisch alle dem Liegenschaftsfonds zum Verkauf übertragen wurden.

„Moderne Städte müssen in der Lage sein, sich dem Bedarf anzupassen“, so Wagner. Temporäre Bauten – unperfekt, aber zweckmäßig – würden daher in Zukunft größere Akzeptanz finden. Das bedeutet auch: So ein Gebäude muss möglichst einfach und zugleich flexibel sein.

Gerade darin sieht Florian Wagner seine Herausforderung. „Das ist sicher schwieriger, als mit vielen Millionen eine teure Privatvilla zu bauen“, sagt er. Kosten würde eine Temki etwa 250.000 Euro, schätzt Wagner. Das Haus kommt ohne Fundament aus, es steht auf vier Sockeln. Diese Bauweise würde auch den Abbau erleichtern, wenn das Gebäude später nicht mehr gebraucht wird. „Ideal ist es für Kita-Träger, die bereits ein Gebäude auf einem großen Grundstück haben und sich erweitern wollen“, sagt Wagner.

Für seinen Entwurf hat er versucht, die Dinge aus dem Blickwinkel der Kinder zu sehen. Die Umrisse des Gebäudes sind so einfach gehalten, als hätte ein Fünfjähriger sie gezeichnet. Auf den vier Wänden sitzt ein spitzes Dach. Für den Architekturstudenten ergibt sich aus dieser Form auch die Möglichkeit, besonders energiesparend zu bauen. Die Fassade besteht aus Holz und Polycarbonat – daraus werden normalerweise Gewächshäuser gebaut. Der Vorteil: Die Luft im Haus erwärmt sich leicht und steigt in die Spitze des Hauses. Von dort soll sie wieder nach unten in die Räume gepumpt werden. Ein simpler Kreislauf, der das Gebäude im Winter leicht warm hält.

Der eigentliche Clou von Temki aber sind die gestapelten Boxen im Inneren. In einer Box ist der Sanitärbereich untergebracht, in der nächsten die Garderobe und der Eingangsbereich, die dritte und vierte Box beinhalten je einen Gruppenraum. Die Boxen sind so angeordnet, dass die Zwischenräume zum Spielen, Klettern und Toben genutzt werden können. Unter dem gewächshausartigen Spitzdach befindet sich ein Indoorgarten. Nicht nur das: Zieht man eine der Wände aus, entsteht plötzlich ein Puppentheater mit Zuschauertribüne. Eine andere ausziehbare Wand beinhaltet eine kleine Bibliothek. „Auf kleinem Raum können so alle pädagogischen Konzepte von Bewegung bis Sprachbetonung bedient werden“, sagt Florian Wagner. Die multifunktionellen Boxen bedürfen übrigens gar nicht der Fassade des Temki-Hauses. Sie können ebenso gut zum Beispiel in eine leer stehende Fabriketage oder Büroetage eingebaut werden. Da, wo man sie eben gerade braucht, die temporäre Kita.

Cleveres Konzept

Das Haus: Die äußere Hülle des temporären Kita-Baus gleicht dem Nikolaushaus, innen sind vier Boxen versetzt übereinandergestapelt. Das Haus kommt ohne Fundament aus. Es steht auf vier Sockeln. Diese Bauweise erleichtert den Abbau, wenn das Gebäude später nicht mehr gebraucht wird.

Informationen unter: www.f-wagner.blogspot.com