VBB-Analyse

Jeder siebte Regionalzug kommt in Berlin zu spät

Vor allem in Berlin und Brandenburg hatten Reisende im August mit Verspätungen zu kämpfen. Mit einer Pünktlichkeit von unter 85 Prozent liegt hier der Regionalverkehr deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Der Fahrgastverband fordert eine bessere Information.

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Für viele Bahnreisende fängt der Ärger schon gleich am Morgen an. „Mal kommt der Zug zehn, mal 15 Minuten zu spät, manchmal fährt er auch gar nicht“, klagt ein Berufspendler, der beinahe jeden Tag mit dem RE1 von Potsdam nach Berlin fährt. Doch nicht nur die einstige Vorzeige-Linie der Bahntochter DBRegio, die täglich rund 25.000 Reisende auch aus Magdeburg, Brandenburg/H. oder Frankfurt/O. in die Bundeshauptstadt und zurück befördert, ist ein Sorgenkind. Auch beim RE3 (Stralsund/Schwedt–Berlin–Wünsdorf) und beim RE5 (Rostock/Stralsund–Berlin–Jüterbog) kommt es derzeit immer wieder zu Verspätungen.

Nur 84,7 Prozent aller Regionalzüge sind im August nach einer am Dienstag vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) veröffentlichten Analyse pünktlich gefahren. Der Wert klingt recht gut, er ist es aber nicht. Zum einen liegt die Pünktlichkeitsquote im hiesigen Regionalverkehr erneut deutlich unter dem Vorjahresergebnis. Zum anderen ist es das bislang schlechteste Ergebnis in diesem Jahr. Lediglich im März waren die Regionalzüge genauso unpünktlich, damals allerdings bei Eis und Schnee.

Bahn verweist auf Wetterlage

„Ich bin enttäuscht, dass sich die Pünktlichkeit im Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg erneut verschlechtert hat und sie inzwischen weit unter dem Bundesdurchschnittswert liegt“, sagt dazu VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz. Der Chef des Verkehrsverbundes, der im Auftrag der Länder die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs kontrolliert, fordert die Eisenbahnverkehrsunternehmen und die DBNetz AG auf, endlich alles zu tun, um in der Region einen Pünktlichkeitswert von über 95 Prozent zu erreichen. „Es kann nicht sein, dass unpünktliche Züge zu einem ‚Normalzustand' werden“, so Franz.

Die Bahn verweist darauf, dass auch im August Wetterunbilden auftraten, die den Zugverkehr teils erheblich beeinträchtigten. So habe ein nächtliches Unwetter am 25. August für Störungen an der Signaltechnik und zu Schäden an den Oberleitungen unter anderem auf der Bahnstrecke zwischen Lübbenau und Cottbus sowie in der Region um den Bahnknoten Wustermark gesorgt. Noch viel größer waren allerdings die Auswirkungen der vielen Bauprojekte, die gleichzeitig von der Netz-Tochter der Deutschen Bahn vorangetrieben werden. Vor allem die Dauer-Baustelle am Ostkreuz sowie die Brückensanierungen an der Strecke zwischen Charlottenburg und Wannsee störten den regulären Betrieb. „Störungen auf einzelnen Strecken können sich im engmaschigen, vertakteten System der Bahn unmittelbar und wie ein Dominoeffekt auf das gesamte Netz übertragen und damit die gesamte Pünktlichkeit negativ beeinflussen“, sagte eine Bahnsprecherin. Sie kündigte ein „Bündel von Maßnahmen“ an, die zur Steigerung der Fahrzeugverfügbarkeit bei der DB führen und die „in absehbarer Zeit auch einen positiven Effekt auf die Pünktlichkeit haben“ werden.

Deutlich unter bundesweitem Durchschnitt

Allerdings: Mit einer Pünktlichkeit von unter 85 Prozent liegt der Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg deutlich unter dem bundesweiten Durchschnitt. Nach Angaben der Deutschen Bahn, die seit 20.September wieder eigene Pünktlichkeitsdaten veröffentlicht (im Internet unter www.bahn.de/puenktlichkeit ), fuhren im August 93,6 Prozent aller ihrer Regional- und Nahverkehrszüge ohne Verspätung. Wobei nach DB-Arithmetik ein Zug dann als pünktlich gewertet wird, wenn er mit weniger als sechs Minuten Verspätung einfährt. Der VBB ist da etwas strenger. Er bewertet einen Zug bereits als unpünktlich, wenn dieser einen der insgesamt 63 Messpunkte im Netz fünf Minuten später als im Fahrplan ausgewiesen passiert.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb begrüßt, dass die Bahn endlich aus der Pünktlichkeit ihrer Züge kein Geheimnis mehr macht. „Das ist ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Doch dass differenzierte Aussagen zu den einzelnen Regionen fehlen, stößt beim ihm auf Kritik. „Gerade für den Nahverkehr ist ein bundesweiter Wert wenig aussagekräftig. Ich bin ja in einer bestimmten Region unterwegs und bekomm auch da die Verspätungen zu spüren“, so Wieseke. Auch Ulrich Homburg, Personenverkehrsvorstand der Bahn, räumt regionale Unterschiede ein. „Die Pünktlichkeit der Züge ist in Nordrhein-Westfalen und Hessen natürlich ein andere als in Sachsen oder Thüringen“, so Homburg. Aus seiner Sicht mache die Veröffentlichung regionaler Daten dennoch „wenig Sinn“. Zum einen seien die jeweiligen Regionen schwer abgrenzbar, zum anderen würden die Besteller der Verkehrsleistungen die Pünktlichkeit jeder nach einem eigenen Regime messen.

Nur grobe Prognosen zu Verspätungen

Für den Berliner Fahrgastverband ist eine nachträgliche Veröffentlichung von Verspätungen ohnehin nicht so wichtig. „Der Reisende will doch vor allem wissen: Kommt mein Zug pünktlich und erreiche ich noch meine Anschlussverbindungen“, sagt Igeb-Sprecher Wieseke. Er fordert daher eine deutliche Verbesserung der Fahrgastinformation über aktuelle Verspätungen und Störungen im Zugverkehr. So gebe es auf der Internet-Seite der Bahn bisher nur grobe Prognosen zu Verspätungen, auf die sich der Reisende nicht verlassen kann.

Das soll sich laut DB-Vorstand Homburg bald ändern. Zum einen will der Bahnkonzern mehr Personal in den sogenannten Transportleitungen einsetzen, die sich in Störungsfällen dann speziell um den Kundenservice kümmern. Zum anderen soll es künftig mehr sogenannte Echtzeit-Angaben zu Verspätungen geben. „Die Prognose muss genauer werden“, wünscht sich auch DB-Vorstand Homburg. Er verweist auf einen entsprechenden Pilotversuch, der bereits „sehr erfolgreich“ bei der S-Bahn in München läuft.

Auch die Berliner S-Bahn will künftig auf die Minuten genau anzeigen, ob und wie viel Minuten sich ein Zug verspätet. Ein entsprechender Test läuft über die neuen LCD-Anzeigen auf 75 ihrer insgesamt 166 Bahnhöfe in Berlin. Angaben, die über Verspätungsmeldungen hinaus gehen (Zugausfälle, Gleiswechsel und andere Störungsinformationen), sollen noch in diesem Jahr folgen. Im August haben sich Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit gegenüber dem Vormonat leicht verbessert. Wegen des noch immer bestehenden Fahrzeugmangels wird allerdings weiterhin nach einem ausgedünnten Fahrplan gefahren. Der mit dem Land geschlossene Verkehrsvertrag wird laut Verkehrsverbund nur zu etwa 84 Prozent erfüllt.