Nach über zwei Jahren S-Bahn-Krise, der Dauer-Baustelle Ostkreuz und den massiven Verspätungen im Regionalverkehr steht den Bahnreisenden nun auch noch eine Komplettsperrung bevor. Weil die Deutsche Bahn dringend marode Brücken sanieren muss, wird ab dem 11.Dezember die Schienenverbindung zwischen Charlottenburg und Wannsee unterbrochen – und das auch gleich für ein ganzes Jahr. Lediglich die Züge der S-Bahn können dann noch durch den Grunewald fahren.
Stefan Freund von der Bahntochter DB Regio verteidigt die bereits vor einiger Zeit angekündigte Vollsperrung. Die Brücken-Bauwerke müssten schnell erneuert werden, dazu gebe es keine Alternative.
Sehr umfangreiche Arbeiten
Im Vorfeld sei auch geprüft worden, ob die Sanierungsarbeiten bei einer nur eingleisigen Sperrung der Strecke hätten erfolgen können. Wegen des großen Umfangs der Arbeiten hätte dies aber zur Folge gehabt, dass diese sich dann mindestens bis 2015 hinziehen würden. In diesem Fall, so Freund, wäre es auch nicht möglich, Regionalexpresszüge ab 2012 im 15-Minuten-Abstand zwischen Berlin und Potsdam fahren zu lassen. Dies hätten die Länder Berlin und Brandenburg aber bestellt. „Für einen Viertelstunden-Takt auf der Strecke sind zwei freie Gleise unverzichtbar“, so Freund bei einer Veranstaltung des Berliner Fahrgastverbandes Igeb. In der Konsequenz, so die Vertreter der Deutschen Bahn, habe eine Vollsperrung zwar erhebliche Auswirkungen auf den Bahnverkehr in der Region, verbunden mit einem gutem Ersatzangebot könnten die Folgen für den Fahrgäste aber gemildert und zeitlich befristet werden.
Betroffen von der Vollsperrung der Bahnstrecke durch den Grunewald sind vor allem die Nutzer des Regionalexpress RE1. Die Züge des RE1 befördern allein zwischen Potsdam und Berlin jeden Tag mehr als 25000 Fahrgäste. Die werden sich ab Dezember für ein Jahr lang nach Alternativen umsehen müssen. Die für viele Berufspendler naheliegendste – der Umstieg ins Auto – ist da keine wirklich gute. Denn seit Juni lässt die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auch die parallel zu den Bahngleisen führende Avus sanieren. Die Arbeiten an dem knapp neun Kilometer langen Abschnitt der A115 werden nach aktueller Planung bis 2013 und damit über die gesamte Sperrzeit der Bahnverbindung dauern.
15 Minuten länger bis Potsdam
Ausgerechnet die krisengeschüttelte S-Bahn soll nun in den kommenden Monaten dafür sorgen, dass die Fahrgäste dennoch schnell und pünktlich zwischen der Bundes- und der brandenburgischen Landeshauptstadt unterwegs sein können. Die Linie S7 (Ahrensfelde–Potsdam Hauptbahnhof) wird dazu tagsüber im Zehn-Minuten-Takt fahren. Um ausreichend Plätze zu haben, will die S-Bahn trotz des bestehenden Fahrzeugmangels auf der S7 generell Vollzüge, also Verbände mit acht statt mit den inzwischen sonst üblichen sechs Wagen, einsetzen.
Doch unabhängig, ob der Fahrgast im Zug einen Sitzplatz ergattert oder nicht: Seine Fahrt mit der S-Bahn wird zwischen den Hauptbahnhöfen von Berlin und Potsdam mindestens 15 Minuten länger dauern als bislang mit dem Regionalexpress. Der Fahrgastverband Igeb ist darüber nicht begeistert, weiß aber auch keine bessere Alternative. Im Detail sehen die Fahrgast-Vertreter aber durchaus Nachbesserungsbedarf. „So soll die S7 kurz nach 20 Uhr nur noch alle 20 Minuten fahren. Dabei wollen gerade in der Zeit danach viele Studenten aus Potsdam zurück zu ihren Wohnquartieren in Berlin und viele Berufspendler von Berlin zurück nach Potsdam“, sagt der Igeb-Vorsitzende Christfried Tschepe. Der Fahrgastverband fordert deshalb eine Verlängerung des 10-Minuten-Taktes bis mindestens 22 Uhr.
Nachts keine Verbindung
Vonseiten der Berliner S-Bahn heißt es dazu, dass ein Zehn-Minuten-Takt sogar bis 24 Uhr machbar sei. Die zusätzlichen Fahrten müssten aber von den Ländern Berlin und Brandenburg bestellt und dann auch bezahlt werden.
Als weiteres Problem hat der Fahrgastverband ausgemacht, dass in der Nacht noch Regionalzüge in Wannsee oder in Zoo ankommen würden, wenn keine S-Bahn mehr fährt. „Wenn sie Pech haben, stehen die Reisenden einsam und verlassen auf dem Bahnsteig und kommen nicht weiter“, so der Fahrgastvertreter. Der Bahn-Sprecher bestätigte, dass der letzte RE1 aus Brandenburg/H. zu einer Zeit in Wannsee eintrifft, zu der montags bis donnerstags keine S-Bahnen mehr fahren. „Es wird derzeit geprüft, wie eine Weiterfahrt in die Innenstadt ermöglicht werden kann“, verspricht er.
Während der einjährigen Sperrung der Grunewaldstrecke wird der Zugverkehr auf den RE-Linien 1 und 7 zum einen unterbrochen, zum anderen umgeleitet (siehe Grafik). Konkret werden auf der RE1 die Züge, die von Eisenhüttenstadt im Stundentakt über Berlin nach Magdeburg fahren, über Spandau und Golm umgeleitet. Die Fahrzeit verlängert sich nach Bahn-Angaben dadurch um etwa zehn Minuten. Der Nachteil: Für Fahrgäste, die nach Potsdam wollen, ist diese Umleitung wenig attraktiv. Und auch die Spandauer werden von der Umleitung der Züge nicht profitieren, denn diese fahren dort ohne Halt durch. Grund dafür sind laut DB-Regio-Vertreter Freund vor allem die fehlenden Gleiskapazitäten im Bahnhof Spandau, durch den ja auch ein Großteil des Fernverkehrs in Richtung Westen rollt.
Die übrigen Züge auf der Linie werden ab 11. Dezember zwischen Frankfurt (O.) und Charlottenburg beziehungsweise zwischen Brandenburg/H. und Wannsee pendeln. Die Lücke zwischen Charlottenburg und Wannsee müssen die Reisenden mit der S-Bahn überbrücken, mehrfaches Umsteigen ist dann angesagt.
Ein ähnliches Konzept plant DB Regio für den RE7. Die Linie wird geteilt, die Züge fahren einerseits zwischen Dessau (Sachsen-Anhalt) und Berlin-Wannsee, andererseits zwischen Berlin-Zoologischer Garten, Flughafen Schönefeld (ab Juni 2012 BER) und Wünsdorf-Waldstadt. Pro Tag sollen zudem drei Zugpaare durchfahren, und zwar von Belzig aus über den Berliner Außenring zunächst bis Berlin-Hauptbahnhof (tief), dann weiter nach Berlin-Gesundbrunnen. Auf der Linie RB21 sollen täglich sieben Züge am Tag nicht nur bis Wustermark, sondern über Spandau und Jungfernheide weiter bis zum Berliner Hauptbahnhof (tief) fahren. Bahn-Planer Stefan Freund ist überzeugt: „Mit all diesen Angeboten werden wir durchaus in der Lage sein, das Reisenden-Aufkommen zu bewältigen.“




