Sparkonzept

Berlin warnt vor Geisterstationen bei S-Bahn

Wieder Ärger mit der Berliner S-Bahn: Das Krisen-Unternehmen will Personal von den Bahnhöfen abziehen. Der Berliner Fahrgastverband fordert das Gegenteil. Und auch im Senat stoßen die Sparpläne auf Ablehnung.

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Die Berliner S-Bahn wird ab nächstem Jahr ihr Personal auf den Bahnhöfen verringern. Nach Angaben eines Sprechers sollen künftig nur noch auf 21 der insgesamt 166 Stationen Zugabfertiger eingesetzt werden. Entlassungen werde es aber nicht geben - das Personal soll vielmehr unterwegs sein, und den Fahrgästen als Ansprechpartner zur Verfügung zu stehen. Zugleich werde die S-Bahn eine neue Technik einsetzen, mit der die Fahrer ihre Züge selbst abfertigen können. Diese werde im ersten Halbjahr 2012 getestet und bis Jahresende flächendeckend eingesetzt.

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Jens Wieseke kann da nur mit dem Kopf schütteln. Obwohl es der Berliner S-Bahn auch nach zwei Jahren noch immer nicht gelungen sei, wieder den vollen Fahrplan anzubieten, hole das Unternehmen gerade jetzt ein altes, fahrgastunfreundliches Sparkonzept heraus, sagt der Sprecher des Berliner Fahrgastverbandes Igeb. Doch statt weiter Personal von Bahnhöfen abzuziehen, müsste die S-Bahn vielmehr deutlich mehr Präsenz zeigen. Auf möglichst jeder Station im 332 Kilometer langen S-Bahn-Netz sollte es während der normalen Betriebszeit einen Ansprechpartner vor Ort geben, so die Forderung des Interessenvertreters der Fahrgäste.

Die S-Bahn plant dagegen, dass spätestens ab 2013 nur noch 20 ihrer derzeit 166 S-Bahnhöfe in Berlin und Brandenburg ständig mit Mitarbeitern besetzt sein werden. Derzeit gibt es noch auf 68 Stationen Aufsichten. Um die Reduzierung auszugleichen, will die S-Bahn 120 Mitarbeiter als sogenannte mobile Aufsichten einsetzen. „Die Fahrgästen werden dadurch sogar öfter Mitarbeiter zu sehen bekommen als derzeit“, verspricht ein S-Bahn-Sprecher. Unterm Strich wird sich die Zahl der auf Bahnhöfen eingesetzten Mitarbeiter jedoch fast halbieren: Statt derzeit noch 460 werden es dann nur noch 240 sein.

Das Konzept ist nicht neu und wurde bereits von der alten Geschäftsführung unter dem viel gescholtenen S-Bahn-Chef Tobias Heinemann entwickelt. Schon er wollte die Einführung eines neuen Zugabfertigungssystems dazu nutzen, das Personal auf den Bahnsteigen massiv zu verringern. Erste Vorarbeiten zur Einführung der „Zugabfertigung durch den Triebfahrzeugführer mittels Führerstandsmonitor“ (ZAT-FM) hatte es schon 2007 gegeben. Doch da es damals nicht komplikationslos funktionierte, verweigerte das Eisenbahn-Bundesamt seine Genehmigung für das Verfahren.

Die Technik- und Wartungsmängel im Unternehmen, die 2009 zu massiven Zugausfällen und Verspätungen führten, sorgten nicht nur für die Ablösung der alten Geschäftsführung. Der neue S-Bahn-Chef Peter Buchner stoppte zahlreiche Sparprogramme. Mit dem nun wieder aus der Schublade gezogenen Plan zur Einführung von ZAT-FM ist kein Personalabbau verbunden. Die gut 200 betroffenen Mitarbeiter sollen nicht entlassen werden, sondern in anderen Bereichen der S-Bahn eingesetzt werden, sagt S-Bahn-Arbeitsdirektor Christoph Wachendorf.

Auch bei den Verkehrsministern der Länder Berlin und Brandenburg, die den S-Bahn-Verkehr jährlich mit mehr als 250 Millionen Euro maßgeblich mitfinanzieren, stoßen diese Pläne auf Ablehnung. Der „Dienst am Kunden“ gehöre selbstverständlich auch zu einem ordnungsgemäßen Verkehr, sagt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Sie verstehe, dass sich die Fahrgäste auf Bahnhöfen ohne Personal unwohl fühlten. Deutlicher wird ihr Brandenburger Amtskollege Jörg Vogelsänger. Er spricht sich klar gegen einen weiteren Personalabbau bei der S-Bahn aus, wohl wissend, dass die Bahntochter bereits in den vergangenen Jahren ihr festes Personal von fast allen Stationen im Umland abgezogen hat. Das Bahnhofspersonal sei jedoch für den Fahrgast wichtiger Ansprechpartner und trage dazu bei, Vandalismus und Gewalt vorzubeugen. „Wenn die S-Bahn Personal hauptsächlich in der Berliner Peripherie abziehen will, ginge das zu Lasten der Brandenburger Fahrgäste“, moniert Vogelsänger.

Auch für Weichen wichtig

Fahrgastsprecher Jens Wieseke verweist darauf, dass die Bahnhofsaufsichten weit mehr Aufgaben hätten als die Zugabfertigung. Als Beispiel nannte er den Bahnhof Berlin-Blankenburg. „Dort gibt es eine wichtige Weiche für den S-Bahn-Verkehr von und nach Bernau (S2) sowie Birkenwerder (S8). „Wenn diese Weiche etwa im Winter zuschneit, kann einer von der Aufsicht hingehen und sie schnell freischaufeln. Ist dort kein Eisenbahner mehr vor Ort, müssen im Störungsfall Einsatzkräfte erst mit viel Zeitaufwand herangeholt werden“, so Wieseke. Daher die Forderung, dass zumindest auf allen wichtigen Bahnhöfen erfahrene und ortskundige S-Bahner stationiert sein sollten.

Kritik an den S-Bahn-Vorhaben gibt es auch vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB). „Ich sehe diese Pläne mit großer Skepsis“, so VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz. Schon jetzt gebe es auf den Bahnhöfen zu wenig S-Bahner, dabei sei „Personal vor Ort“ wichtig. Es gehe vor allem darum, dass die Fahrgäste über Störungen informiert werden oder ihnen beim Ein- und Aussteigen geholfen wird.

Die S-Bahn verweist darauf, dass sie auch bei Umsetzung des Konzepts dauerhaft mehr Bahnsteigpersonal einsetzt als andere Betreiber vergleichbarer Schnellbahnsysteme. So würden auch noch 500 Sicherheitskräfte der Deutschen Bahn zur Erhöhung der Sicherheit beitragen.