Rückgestellungen

Tausende Berliner Kinder sind nicht schulreif

In Berlin wird mittlerweile fast jedes zehnte Kind um ein Jahr von der Schulpflicht zurückgestellt. Dadurch verschärft sich der Kita-Platz-Mangel. Der Grundschulverband fordert bessere eine Betreuung der Schulkinder in der Startphase.

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Immer mehr Kinder werden von den Amtsärzten von der Schulpflicht um ein Jahr zurückgestellt, weil sie noch nicht reif für die Schule sind. Nach einer Abfrage in elf Bezirken durch Morgenpost Online haben neun Prozent der Kinder, die ab August in die erste Klasse gehen sollten, noch ein Jahr Aufschub bekommen. Charlottenburg-Wilmersdorf konnte keine Angaben machen. In den meisten der anderen Bezirke ist die Zahl der Rückstellungen gestiegen. Insgesamt werden 2247 Kinder noch ein Jahr länger als geplant in den Kitas gefördert. Im Jahr zuvor waren es nach Angaben der elf Bezirke 1994 Kinder. Im Jahr 2009/2010 wurden nur knapp fünf Prozent der Kinder zurückgestellt.

Erst seit zwei Jahren sind Rückstellungen nach einer Lockerung des Gesetzes wieder möglich. Mit dem vorgezogenen Einschulungsalter auf fünfeinhalb Jahre im Jahr 2005/2006 wurden gleichzeitig Rückstellungen per Gesetz fast unmöglich gemacht. Nur in extremen Ausnahmefällen durfte aufgeschoben werden, beispielsweise wenn eine starke Behinderung vorlag. Nicht die Kinder sollen reif für die Schule, sondern die Schule muss reif für die Kinder sein, lautete die Devise. Als Ausgleich sollten die Kinder die Schulanfangsphase statt in zwei auch in drei Jahren durchlaufen, ohne dabei als Sitzenbleiber zu gelten. Doch Lehrer und Eltern kritisierten die Regelung. Viele Schulen fühlten sich überfordert mit den Entwicklungsdefiziten der Kinder. Und Eltern fürchteten Nachteile für ihre Kinder, wenn sie zu früh eingeschult werden. In der Praxis muss inzwischen jedes fünfte Kind die zweite Klasse wiederholen.

„In den letzten Jahren verzeichnen wir gesteigert Fälle, in denen Kinder auf Antrag der Eltern und gegen die Kita-Empfehlung ein Jahr später eingeschult werden“, sagt Martin Hoyer, Kita-Experte vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin, dem Dachverband der freien Kita-Träger. Setze man die Erfahrungen aus anderen Bundesländern voraus, werde sich die Rückstellungsquote vermutlich bei zehn Prozent einpendeln. Verschärfend käme hinzu, dass Berlin die Kinder noch früher als in den meisten anderen Bundesländern einschult. Das sei angesichts des dramatischen Kita-Platz-Mangels ein großes Problem, sagt Hoyer. Wenn weniger Kinder aus den Einrichtungen rausgehen, könnten auch weniger nachrücken.

Experten warnen inzwischen vor dem Trend zur möglichst frühen Einschulung. Im Bundesland Bayern wurde die vorgezogene Einschulung im vergangenen Jahr wieder rückgängig gemacht. In Nordrhein-Westfalen hat die neue Landesregierung die geplante Reform rückgängig gemacht. Die Kinder sollen nun doch nicht mehr mit fünf Jahren eingeschult werden. Und auch im Nachbarland Brandenburg gibt es nach Angaben des Kultusministeriums angesichts der hohen Sprachdefizite bei den Schuleingangsuntersuchungen die Überlegung, die Einschulung nach hinten zu verschieben.

Rückstellungen oder die Verschiebung des Einschulungsalters können nur eine Notlösung sein, sagt Inge Hirschmann, Vorsitzende des Grundschulverbandes Berlin. Die Institution Schule müsse so ausgestattet werden, dass auch die jüngsten Kinder darin nicht verloren gingen. Das sei leider momentan nicht der Fall. Schon allein die Räumlichkeiten seien oft nicht geeignet. Es sei eben schwierig, wenn 25 Kinder nur einen Raum zur Verfügung haben. Viele der Schulanfänger mit fünf Jahren müssten eigentlich noch im Sandkasten lernen, sagt Inge Hirschmann. Leider hätten auch viele Kindertagesstätten nicht die Ressourcen, um die nötigen vorschulischen Bildungsangebote zu machen.

Sascha Steuer, bildungspolitischer Sprecher der CDU, sagt: „Es war ein Fehler, das Einschulungsalter vorzuziehen, die Jahrgangsmischung einzuführen und die Vorklassen an den Schulen abzuschaffen.“ Die Rückstellungen wieder zu ermöglichen sei ein richtiger Schritt. Jetzt müssten die Kinder aber auch die richtigen Angebote erhalten. Die CDU fordert Vorbereitungsklassen an den Schulen für förderbedürftige Kinder.