Kleingartenkolonie

Wie Pankower ihre Schrebergärten verteidigen

In Pankow sollen 18 Kleingärten einem Neubau weichen. Doch deren Besitzer entwickeln sich immer mehr zu Wutgärtnern: Sie wollen bleiben und wehren sich gegen die Abschaffung ihrer Grünflächen.

Foto: dapd

Egal, ob ein Flugzeug über die Kleingartensparte donnert oder ein Güterzug auf der rund 100 Meter entfernten Bahntrasse vorbeirattert, Jürgen Siewert erzählt ungerührt weiter. Zum Beispiel davon, wie er hier, in dieser Kleingartensparte „Famos“ in Pankow, einst das Obst einbuddelte. „Damals im Jahr 1986“, erzählt er, „ging die Warnung um, dass wir Obst wegen Tschernobyl nicht essen sollen.“ Am 9. November 1989 dann ist Jürgen Siewert von hier aus zur Bornholmer Brücke gelaufen – und ist noch heute auf allen historischen Videoaufnahmen zu sehen, die gerade jetzt wieder häufig gezeigt werden.

Jürgen Siewert, der 67 Jahre alte Pankower, hat in dieser vom Verkehr umrauschten Kleingartenanlage Geschichten erlebt, die mehrere Bücher füllen würden. Wenn er aus seinen 25 Jahren als Kleingärtner erzählt, hört er sie nicht, die Flugzeuge aus Tegel, die Güterzüge aus Rostock – auch nicht die Lastwagen. Nach 25 Jahren sei er das gewohnt. „Ich lebe ja nicht auf dem Dorf, sondern in Berlin.“

Auch die Geschichte, die er gerade mit seinem Kleingarten erlebt, passt sehr gut in die Zeit: Berlin hat zu wenige Wohnungen, die Baulücken, die durch den Krieg und die Mauer entstanden sind, sollen geschlossen werden. Das bedeutet für Siewert: Die Kleingartensparte „Famos“ soll verschwinden. Sie ist eine von diesen Flächen, die irgendwann als Bauland festgelegt wurden. Jetzt sollen 18 von 74 Parzellen für ein L-förmiges Wohnhaus weichen, mit dreifach verglasten Fenstern gegen den Lärm. Die Hausgemeinschaft „Himmel und Erde“ hat das Gelände gekauft, der Pächter, die Deutsche Bahn, kündigte den Gärtnern den Vertrag.

Seit dieser Brief eintraf, im März 2011, kamen viele neue Menschen in das Leben von Jürgen Siewert, mit denen er vorher nur wenig oder keinen Kontakt hatte: Da ist Ulf Maaßen, der Vorstand von „Himmel und Erde“, da ist der Bezirksstadtrat von Pankow, Michail Nelken (Linke). Vor allem aber sind da Cosmo Berger und all die anderen „Famosler“, die er sonst nur über den Zaun grüßte. Jetzt sind sie Freunde mit einem gemeinsamen Ziel. „Insofern“, sagt Cosmo Berger, „müssen wir ,Himmel und Erde‘ fast dankbar sein.“

Nicht nur 12 der 18 betroffenen Parzellenbesitzer, sondern auch andere Pankower haben sich solidarisiert. Mit aktuell 13 500 Unterschriften können die Pankower auf großen Rückhalt bauen. Sie haben Plakate aufgehängt: „Gärten Ja, Beton Nein“ oder „Kleingärten für alle“. Sie haben im Internet eine Seite gegründet und sich bei Facebook organisiert. Sie nennen sich „Wutgärtner von Pankow“ – und wie die Wutbürger von „Stuttgart 21“ haben sie sich juristische Unterstützung geholt, damit sie gegen die Baugemeinschaft mit gleichen Waffen kämpfen.

Für dieses Jahr haben sie noch einmal gewonnen: Die Kündigung zum 30. November 2011 wird gerade vor Gericht angezweifelt, und es sieht so aus, als werde sich dieser Prozess noch hinziehen. Zumindest also im kommenden Sommer können sie hier weiter Kartoffeln, Pastinaken und Salat anbauen. „Ich habe auch schon Feigen geerntet“, sagt Jürgen Siewert. „Und mein ganzer Stolz sind die Lilien, die ich gezüchtet habe.“

Bäume auf dem Dach geplant

Ulf Maaßen wusste nichts von Lilien, Kiwis und Pastinaken, als er die Baugemeinschaft „Himmel und Erde“ vor einem Jahr gründete. Zur Namensgebung sagt er: „Himmel wegen der weiten Sicht und Erde wegen des großen Gartens.“ Er meint nicht die Kleingärten, er meint den Garten, den er auf dem Dach und im Hof des L-förmigen Gebäudes geplant hat. „Dort können wir auch Bäume pflanzen.“ Dass 18 Parzellen weichen müssen, das wusste er. „Das ist blöd, das tut uns leid“, sagt er. Das neue Haus werde aber rund 70 Menschen einen neuen Lebensmittelpunkt bieten. „Aber wir haben denen ja auch gar nicht gekündigt.“

Gekündigt hat in der Tat die Deutsche Bahn, der das Gelände gehörte und das schon seit Jahrzehnten als Bauland ausgeschrieben war. Der Bezirk musste deshalb einer Bauvoranfrage von „Himmel und Erde“ zustimmen. Es gibt einen Paragrafen 34, der dieses Land zu Bauland erklärt. Doch recht ist das dem Bezirk nicht. Bezirksstadtrat Michail Nelken zumindest sagt: „Aus objektiver Sicht besteht überhaupt kein Erfordernis, dort Wohnhäuser zu bauen.“ Nelken weiß, dass die Pankower sich schlicht an ihre Kleingärtner gewöhnt haben. Er nennt das Gebiet „besondere Form innerstädtischen Grüns“. Gerade in den vergangenen zehn Jahren hat sich „Famos“ wieder stark verjüngt, trotz des Lärms von rund 300 Zügen am Tag und ebenso vielen Flugzeugen. Hinzugekommen sind viele junge Familien aus Prenzlauer Berg.

Auch die Mitglieder von „Himmel und Erde“ sind zum Teil junge Familien, die jetzt in ein eigenes Wohnprojekt investieren wollten. Baugemeinschaften sind meist generell beliebt, weil sie sich für ihre Gebäude einsetzen, häufig nach ökologischen Maßstäben bauen. Ulf Maaßen sagt, er sei bereits mit einer siebenstelligen Summe in Vorleistung gegangen. Er selbst will dort ebenfalls einziehen. „Ein Rückzug ist für uns kein Thema, wir werden bauen.“

Bezirksstadtrat Nelken wundert sich über den Plan der Gemeinschaft, ausgerechnet auf Kleingärten zu bauen. Es gebe in Pankow keine Wohnungsnot, und gerade wegen des Lärms an dieser Stelle des Bezirks sei ein Neubau nicht attraktiv. Nelken fragt sich, warum Ulf Maaßen den Kiez, in dem er baut, gegen sich aufbringt.

Bei „Famoslern“ wie Jürgen Sievert und Cosmo Berger hat Maaßen seit dem 24.April dieses Jahres verspielt. Damals schrieb ihm eine Anwohnerin in einer E-Mail, sie sorge sich um ihren Blick auf die Gärten. Seine Antwort: „Sie können also diesen Sommer noch genießen und sich dann im Winter in Ruhe eine neue Wohnung suchen. Viel Erfolg dabei.“ Für die Gärtner ist Maaßen damit bis heute der rücksichtlose Neuling, auch wenn sie wissen, dass das zu kurz greift.

Ulf Maaßen kam 1990 nach Berlin, studierte Stadtplanung an der Technischen Universität und hat bis heute mehrere Projekte in verschiedenen Berliner Stadtteilen durchgeführt. Er selbst wirkt eher überfordert mit dieser unangenehmen Situation, in die er sich gebracht hat. Mit solch einem Gegenwind habe er bisher noch nicht zu tun gehabt. Zu der unfreundlichen E-Mail vom April sagt er, dass sie aus dem Zusammenhang gerissen sei – und generell: „Man sendet E-Mails nicht an Dritte weiter.“

Aber die „Famosler“ dokumentieren seit April eben fleißig jedes gestohlene Plakat, jeden anonymen Kommentar, sie veranstalteten im Juli trotz Regen ein erfolgreiches Solidaritätsfest – und streben wenn nötig ein Bürgerbegehren an. Ulf Maaßen hat sich eben nicht nur mit Rentnern wie Jürgen Siewert angelegt, sondern mit Grafikern, Ergotherapeuten und Übersetzern. „Sie haben nicht gewusst, dass sie hier auf ein gallisches Dorf treffen“, sagt Cosmo Berger, der gerade dabei ist, einen 45 Minuten langen Protestfilm über „Famos“ zu drehen.

Der Stadtrat im fiktiven Bezirk „Pankau“ wird darin „Dr. Rosen“ (nicht Nelken) heißen. Und der Titel des Films steht schon fest: „Uli Maßlos’ vergeblicher Kampf gegen das Grün“. Bis zur Wahl in Berlin am 18.September will Berger jeden Tag einen dreiminütigen Clip im Internet bei YouTube hochladen.

Die Lokalpolitik in Pankow will sich für die Wutgärtner einsetzen. Gerade vor der Sommerpause gab es bei der Bezirksverordnetenversammlung einen Beschluss aller Parteien: Bezirksstadtrat Michail Nelken solle sich dafür einsetzen, dass die „Famos“ in Pankow weiter bestehen bleibt – inklusive der 18 bedrohten Parzellen. „Ich werde alles tun, was in meinen Möglichkeiten steht“, sagt Nelken, schränkt aber ein: „Recht ist nun einmal Recht.“

Die einzige Hoffnung der Kleingärtner ist jetzt, dass sich die Beurteilung der Kündigung durch die Deutsche Bahn noch bis zum nächsten Jahr hinzieht. Sollte diese Klage nicht erfolgreich sein, wird die nächste Instanz noch einmal viele Monate dauern. Erst wenn in dieser Sache entschieden ist, kann die Baugemeinschaft selbst eine Kündigung der Kleingärten erwirken, die dann allerdings „wasserdicht“ sein wird, das hat Ulf Maaßen versichert.

Im Prinzip müssen Siewert, Berger und die anderen noch bis 2014 durchhalten, dann wird neu über den Status der 18 betroffenen Parzellen verhandelt.