Müllproblem

Berliner Parks stehen vor absolutem Grillverbot

Ob Görlitzer Park, Tierpark oder Mauerpark – überall häufen sich seit Ostern die Abfallberge. Die Bezirksämter resignieren angesichts der Müllmassen, denn ihnen fehlt das nötige Geld, um den Dreck wegzuräumen. Jetzt wird ein Grillverbot debattiert.

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Carsten Spallek von der CDU fordert: "Für den Großen Tiergarten sollte ein absolutes Grillverbot gelten." Der Bezirkspolitiker verwies auf das vergangene Jahr, in dem, wegen der Fußball-Weltmeisterschaft, Grillen auf dem gesamten Tiergarten-Areal für rund zwei Monate verboten war. "In dieser Zeit hat sich die Natur wunderbar erholt. Pflanzen und Rasen konnten sich regenerieren, und es gab vor allem kein Müllproblem". Nachdem das Verbot aufgehoben wurde, musste das Grünflächenamt des Bezirks an 25 Wochenenden rund 160 Tonnen Grill-Müll entsorgen. Das entsprach etwa 1000 Kubikmetern.

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Seit sechs Uhr in der Früh sind Nico Paeschke (27) und Jens Möckel mit ihrem Kleinlaster im Görlitzer Park in Kreuzberg unterwegs, um den Müll auf den Grünflächen einzusammeln. Weit sind sie bisher nicht gekommen, gerade mal ein paar hundert Meter haben sie bis zwölf Uhr mittags vom Café Edelweiß zurücklegen können. Es ist die achte Tour der Angestellten der Garten- und Landschaftsbau-Firma Penta an diesem Tag, doch auf der Ladefläche stapeln sich auch jetzt schon wieder 30 randvolle schwarze Müllsäcke – ein Ende ist nicht absehbar. Für die beiden Männer sind solche Müllberge nicht ungewöhnlich, nach jedem Wochenende stapelt sich im Görlitzer Park der Abfall – neben den Mülleimern.

„Wir kommen mit dem Aufsammeln gar nicht hinterher. Wir sind einfach zu wenige Leute“, sagt Nico Paeschke und greift beherzt mit der Hand in den Müll, denn eine spezielle Zange könne sich seine Firma nicht leisten. Solches Engagement nötigt den Parkbesuchern, die in ihrer Mittagspause entspannt in der Sonne verbringen, Respekt ab. „Wahnsinn, die beiden sind die nächsten acht Wochen beschäftigt, um den Park wieder sauber zu bekommen“, sagt Nina (30). Verständnis hat die Musikerin aus Mitte für diese vielen Müllberge nicht: „Wenn jeder das entsorgt, was er mitgebracht hat, dann gibt es auch kein Problem. Das ist zwar spießig, aber eigentlich ganz einfach.“

80.000 Euro für den Ostermüll

Parks, die im Müll ersticken, heruntergekommene Rasenflächen und Beete, ungepflegtes Gestrüpp – der Görlitzer Park in Kreuzberg ist kein Einzelfall. Auch der Große Tierpark sieht schlimm aus. Harald Büttner, Chef des Grünflächenamts Mitte, befürchtet, dass seine Behörde die Pflege der Parks im Bezirk aus Geldnot nicht mehr gewährleisten kann. Nur die Entsorgung des Mülls vom Osterwochenende koste den Bezirk – „super konservativ gerechnet“– rund 80.000 Euro. „Wenn das so weiter geht, bin ich im August pleite“, prognostiziert er. Allein, um die 120 Kubikmeter Müll aufzusammeln und abzutransportieren, die die täglich 40.000 Besucher Ostern im Großen Tiergarten hinlassen haben, benötige er etwa 20.000 Euro Personal- und Sachmittel. Dabei habe er für das gesamte Jahr 2011 nur ein Budget von 320.000 Euro für die Abfallentsorgung in Mitte.

Grillverbot erneut debattiert

Nach Abzug der durchlaufenden Posten wie zum Beispiel der Straßenreinigungsgebühren würden auch dem östlichen Citybezirk nur rund 1,6 Millionen Euro für die Pflege seiner Grünanlagen bleiben – viel zu wenig, um die riesigen, von Touristen und Berliner stark frequentierten Grünflächen des zentralen Bezirks in Schuss zu halten. Denn nicht nur der Große Tiergarten, für den Bezirkspolitiker wieder über ein Grillverbot debattieren, sei bei gutem Wetter überlaufen. Auch Monbijoupark, Lustgarten oder Spreebogen, seien an Sonnentagen „außerordentlich belebt.“ Vom Geschichtspark an der Invalidenstraße bis zu den Flächen am Spreebogenpark – 30 Hektar Grün wurden in Mitte in den letzten 15 Jahren neu angelegt und wollen zusätzlich instand gehalten werden. „Doch der Topf, aus dem das alles finanziert werden muss, wächst nicht mit, sondern schrumpft“, so Büttner.

Verfügten die zwölf Gartenbauämter 2005 noch über 85 Millionen Euro, so standen 2010 rund 81 Millionen Euro für alle Grünflächen der Hauptstadt bereit. In diese Summen eingeschlossen sind jedoch nicht nur laufende Pflegeausgaben, sondern auch langfristige Investitionen. Gleichzeitig wird das Personal weiter abgebaut: Für die etwa 6800 Hektar Berliner Grünanlagen haben die zwölf Grünflächenämter der Hauptstadt derzeit noch 1800 eigene Kräfte, 1000 weniger als vor zehn Jahren. Im Gartenbauamt Mitte sind derzeit noch etwa 250 Mitarbeiter angestellt, 100 weniger als 2001. Größtes Problem für Mittes Grünpfleger: Nachdem bundesweit Beschäftigungsprogramme zurückgefahren werden, erhält auch das Grünflächenamt kaum noch Mitarbeiter über die Bundesanstalt für Arbeit. Allein 120 so genannte Ein-Euro-Jobber, die der Bezirk „für leichte Reinigungsarbeiten“ angefordert hatte, wurden vom Jobcenter nicht bewilligt. Unter diesen Umständen sei die Pflege der Parks, Alleen und Mittelstreifen im Bezirk nicht mehr sicherzustellen.

Der Mauerpark ist ein einziger Müllberg

Der Mauerpark ist nach den Osterfeiertagen bereits im Müll versunken. „Ich dachte, im Treptower Park sei es schlimm. Aber das ist nichts im Vergleich zu hier“, sagt Maria Sanchez (18). Eigentlich wollte die Schülerin gemeinsam mit ihrer Freundin Lisa Gieseke (17) auf dem Rasen des Mauerparks in Prenzlauer Berg einen entspannten Ferientag verbringen, doch der viele Müll sorgt für Ärger: „Warum können die Leute ihren Abfall nicht wieder mit nach Hause nehmen? Ich verstehe das nicht“, sagt Sanchez und verweist auf die zahlreichen Müllcontainer. „Papier hier“, „Hau weg den Dreck“, die Slogans sind kreativ, gebracht haben sie wenig: Nicht in, sondern neben den Containern stapelt sich der Müll. Wir haben zwölf Mitarbeiter im Grünflächenamt. Das ist viel zu wenig Personal“, klagt der Bezirksbürgermeister von Pankow, Matthias Köhne (SPD). 200 Säcke schleppten seine Mitarbeiter an einem durchschnittlichen Wochenende aus dem Mauerpark. Da helfe auch kein höheres Ordnungsgeld:„Zwei Beamte sind im Einsatz, aber es sitzen durchschnittlich 15000 Leute im Park.“

Gärtner müssen Müll einsammeln

Seit Dienstag versucht auch der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, Herr des Mülls zu werden. 73 Gartenarbeiter und vier Meister sind unterwegs, um den Abfall vom Osterwochenende einzusammeln. Der Bezirk kann diese Aufgabe auch im Preußenpark, wie berichtet, aus Geldknappheit nicht mehr von einer Firma erledigen lassen. Bislang wurde dort während der Sommermonate täglich der Unrat abgeholt. „Unsere Gärtner sind jetzt an vier Werktagen fürs Saubermachen in den Grünanlagen abgestellt. Jeder Park wird so einmal pro Woche vom Müll befreit. Mehr ist nicht drin“, sagt Bezirksbürgermeisterin Monika Thiemen (SPD).

Am gestrigen Dienstag hätten sie mit dem Preußenpark begonnen. Der Volkspark Wilmersdorf sei noch nicht an der Reihe gewesen. 3,1 Millionen Quadratmeter Grün sind in der City-West zu pflegen. Mehr denn je gelte deshalb der Appell an die Parkbesucher, alles wieder mit nach Hause zu nehmen, was sie mitgebracht hätten. „Das Saubermachen kostet unser aller Geld. Geld, das dann für andere sinnvollere Sachen nicht ausgegeben werden kann“, so die Bezirksbürgermeisterin. Aufgrund der Haushaltslage sei mehr nicht machbar. Trotz dieser katastrophalen Lage sei Finanzsenator Ulrich Nußbaum nach wie vor der Ansicht, dass Charlottenburg-Wilmersdorf immer noch zuviel Geld habe, kritisiert Thiemen.

Sauber? Heike (37) aus Ulm ist irritiert: „Na ja, im Sandkasten liegt schon noch viel Plastik und Papier. 150 Müllsammelbehälter und 20 Container hat der Bezirk Mitte über Ostern im Großen Tiergarten aufgestellt. Geholfen haben diese Maßnahmen nur bedingt. Söhnchen Henry (5) sind die Einwände seiner Mutter aber egal – solange die Rutsche müllfrei ist.