Krawalle

Warum Berlin nicht London ist

Kenner der sozialen Brennpunkte in Berlin halten es für kaum denkbar, dass es in der deutschen Hauptstadt zu Ausschreitungen wie in England kommt.

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Zentrum der Gewalt war in der Nacht zum Dienstag die nordwestenglische Metropole Manchester.

Video: Reuters
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Der Bolle-Markt steht in Flammen. Stundenlang haben die Protestierer die Polizei aus dem Stadtteil ausgesperrt, der Mob plündert Getränkeläden. Was wie ein Bericht aus London 2011 klingt, spielte in Berlin-Kreuzberg 1987. Damals schlug politischer Protest am 1.Mai in Randale um – und viele Nachbarn machten mit. Heute halten es Kenner der Lage in den sogenannten Berliner Problemvierteln für kaum denkbar, dass es in der deutschen Hauptstadt ebenso krachen könnte wie in England.

Heinz Buschkowsky, Bezirksbürgermeister von Neukölln, glaubt nicht, dass es hier zu Aufständen wie in England kommen könnte. „Möglich ja, wahrscheinlich nein“, sagte Buschkowsky. Unruhen könnten grundsätzlich überall vorkommen. „Aber es braucht als Nährboden dafür eine explosive Grundstimmung, und die ist in Berlin bei Weitem nicht so stark wie in einigen Vierteln englischer Städte.“ Dort gebe es regelrechte Elendsviertel, die Menschen hätten das Gefühl, gesellschaftlich ausgegrenzt zu sein. „Das lädt sich mehr und mehr auf, und bei einem Anlass geht die Selters hoch, und es findet eine Eruption statt“, sagte Buschkowsky, der sich bundesweit als Mahner für eine realistische Integrationspolitik einen Namen gemacht hat.

Die soziale Ausgrenzung sei in London sehr viel fortgeschrittener als in Berlin, sagte Buschkowsky, der die britische Hauptstadt aus vielen Besuchen in dem Neuköllner Partnerbezirk Hammersmith & Fulham kennt. Die Sicherheitslage dort sei viel schlechter als in Berlin. „Dort gibt es wirkliche No-go-Areas“, sagte der Sozialdemokrat. Das sei in Berlin nicht so, hier könne man sich auch nachts über die Sonnenallee bewegen, was die zunehmende Zahl von Touristen im neuen Szeneviertel Nord-Neukölln beweise. Die Ereignisse in England sollten aber auch eine Mahnung für Deutschland sein, sagte Buschkowsky. „Wenn man auch hier ganze Stadtteile sich so entwickeln lässt, kann es hier zu solchen Aufständen kommen.“

Christian Hanke (SPD), Bürgermeister von Mitte mit den Brennpunktstadtteilen Wedding und Moabit, sagte, so etwas passiere, wenn Perspektivlosigkeit und Hoffnungslosigkeit die Oberhand gewännen. „Es ist eine stete Aufgabe, eine ausgleichende soziale Politik zu machen, um so etwas zu verhindern.“

Die Stimmung sei in Berlin tatsächlich nicht so explosiv und voller Hass gegen den Staat wie in England, analysierte Katja Niggemeier, Quartiersmanagerin im Soldiner Kiez in Wedding. Der Aufruhr dort entspringe ja einer staatlichen Handlung, nämlich den Todesschüssen der Polizei auf einen Nachbarn. Insofern handele es sich schon um politisch motivierte Gewalt. „Solche Taten sehe ich hier nicht.“ Zudem hätten alle Familien auch in einem sozial schwachen Gebiet wie der Zone nördlich der Osloer Straße „ein Dach über dem Kopf und fließend Warm- und Kaltwasser“, sagte die Kiez-Managerin. „Die Bedingungen sind nicht so, dass die Leute sagen würden, hier geschehe ihnen ein schlimmes soziales Unrecht.“

Es gebe auch im Soldiner Kiez immer wieder Aktionen wie Versuche, die Festnahme von Freunden und Bekannten zu verhindern. Aber das seien eher „persönlich motivierte Aufläufe“, die sich schnell wieder auflösten und keine weiteren Folgen hätten. „Niemand sagt grundsätzlich: ,Der Staat ist unser Feind'“, berichtete die Wedding-Kennerin.

Solche Leute gibt es aber natürlich auch in Berlin. Aber die linksradikale Szene hat es bisher trotz vieler Versuche nicht geschafft, nennenswerte Unterstützung von wirklich sozial schwachen Menschen oder Migranten zu gewinnen. So blieb es Wunschdenken, die armen Neuköllner würden sich massenhaft der Demonstration am 1.Mai anschließen, die die Organisatoren eigens durch die Straßen Neuköllns ziehen ließen. In Kreuzberg beobachtete die Polizei bei den Mai-Krawallen einige Jahre lang eine rege Teilnahme „erlebnisorientierter“ Migrantenkids. Nach deutlichen Ansprachen an Eltern, Moscheen und Vereine war das in den vergangenen Jahren kaum noch zu beobachten.

Natürlich gebe es unter arabischen Jugendlichen Intensivtäter oder Drogendealer, die auch mal gewaltbereit seien, sagte Jamal El Moghrabi, Geschäftsführer der Deutsch-Arabischen Unabhängigen Gemeinde mit Sitz in Neukölln. Aber die Leute aus der Gemeinschaft unterstützen diese Kriminellen nicht, sie gingen bis auf ein paar Bekannte nicht auf die Straße, wenn die Polizei mal einen festnehme. Um einen Aufstand wie in London zu starten, fehle das Bewusstsein.

„Unsere Jungs engagieren sich nicht so für politische Themen“, sagte El Moghrabi, „die interessieren sich für neue Klamotten, große Autos und neue Nike-Schuhe.“ So was wie in England „passiert hier nicht“, auch weil die Vereine der Migrantengemeinschaften selbst gegen Gewalt und Intensivtäter kämpften und mit Polizei, Bezirksamt und Schulen zusammenarbeiteten.

Der Kreuzberger Grünen-Abgeordnete Özcan Mutlu hält die Konflikte in England für ein „Arm-Reich-Problem“. Die Integration in Deutschland sieht Mutlu trotz aller Probleme auf einem „guten Weg“. So habe es zum Beispiel anders als in anderen europäischen Staaten hier keine Ausschreitungen gegeben, als Muslime 2006 gegen die Mohammed-Karikaturen protestierten.