Busse und Bahnen

Verkehrsbetriebe planen Ticket-Revolution

Lange Schlangen vor Fahrkartenautomaten sollen in Berlin der Vergangenheit angehören Die Berliner Verkehrsbetriebe rüsten um. Wo großer Bedarf ist, sollen künftig mehr Geräte stehen. Auf anderen Bahnhöfen wird indessen gespart.

Foto: Glanze / Sergej Glanze

Am U-Bahnhof Spittelmarkt drängt eine Touristengruppe vor dem Ticketautomaten. Spanisch, Italienisch, Französisch wird parliert und diskutiert – wie denn das Ding funktioniert, was der richtige Fahrschein ist und wer passendes Kleingeld hat. Auf dem Bahnsteig ein paar Meter weiter rauscht derweil Zug um Zug vorbei, bis alle Touristen mit Fahrscheinen versorgt sind. Ärgerlich, selbst wenn man im Urlaub ist und keinen Zeitdruck hat. Noch ärgerlicher, wenn man als Berliner im Terminstress die U-Bahn verpasst, weil die Schlange am Automaten nur schleppend kürzer wird. Wie viele BVG-Nutzer am Ende schwarzfahren, weil ihnen die Wartezeit zu lang wird, ist nicht erfasst.

Am Spittelmarkt ist das Alltag. Seit im Umfeld gleich mehrere Hotels neu eröffnet haben – das jüngste liegt keine 100 Meter entfernt – herrscht regelmäßig Stau an den Ticketmaschinen. Warum, so fragen sich Berliner und Touristen gleichermaßen, stellen die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) hier nicht mehr Automaten auf?

Das Problem ist bei der BVG erkannt. Und der Bahnhof Spittelmarkt ist kein Einzelfall, bestätigt Unternehmenssprecherin Petra Reetz. Berlin sei einem ständigen Wandel unterworfen. Damit würden sich auch die Fahrgastströme und folglich die Nachfrage an den etwa 710 Automaten ändern. In den kommenden Jahren will das landeseigene Unternehmen daher alle Standorte genau untersuchen.

Es geht um Millionen

Hintergrund der Analyse: Von 2013 an wird die BVG eine neue Ticketautomatengeneration aufstellen – auch, weil in Berlin ab Herbst schrittweise elektronische Nahverkehrstickets eingeführt werden. Die Ausschreibung läuft, im September soll der Zuschlag erteilt werden. Meldungen, dass die Zahl der Maschinen reduziert werden soll, will die BVG nicht bestätigen. „Wie viele Automaten wir künftig haben werden, hängt letztlich natürlich von den Angeboten der Hersteller ab“, sagt Reetz. Dass es angesichts des Schuldenberges des Verkehrsbetriebe und aufwendigerer Technik für das E-Ticket kaum mehr sein werden als bislang, daran zweifeln Branchenkenner indes nicht. Dem Vernehmen nach soll das Auftragsvolumen bei etwa 20 Millionen Euro liegen.

Die Frage lautet also: Wie viele Automaten bekommt die BVG für das Geld? Und welcher Bahnhof braucht wie viele Automaten? BVG-Chefin Sigrid Nikutta verspricht immerhin, dass jeder Bahnhof auch künftig mindestens zwei Automaten bekommen soll. Alles andere hängt vom Ergebnis der geplanten Standortanalyse ab. Dabei geht es nicht allein um die Servicequalität, sondern vor allem um viel Geld. Nimmt doch die BVG mehr als ein Drittel (35 bis 40 Prozent) ihrer Fahrgeldeinnahmen von insgesamt knapp 529 Millionen Euro durch den Verkauf an stationären Automaten ein. „Wir haben Automaten, die machen im Jahr 6000 Euro Umsatz“, sagt Reetz. „Wir haben aber auch welche, die machen 900.000 Euro."

Zu den Topadressen in Sachen Ticketverkauf zählen laut BVG die beiden Berliner Flughäfen, der Alexanderplatz, der Bahnhof Zoologischer Garten und der Hermannplatz. Dort stehen bereits die meisten Automaten. Viele Tickets werden auch dort verkauft, wo viele Touristen unterwegs sind, etwa am Kurfürstendamm. An anderen Stellen – wie am Spittelmarkt – fehlen sie. Nach der Entwicklung der vergangenen Jahre sei der Bahnhof Spittelmarkt sicher ein Standort, der künftig aufgerüstet werden könnte, sagt Reetz. Weil umsatzstarke Standorte zusätzliche Verkaufsautomaten bekommen sollen, muss auf anderen Bahnhöfen aber zwangsläufig eingespart werden.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb begrüßt die Pläne, stark frequentierte Stationen besser auszustatten. „Wir haben aber schon die Befürchtung, dass die Zahl der Automaten insgesamt doch reduziert wird“, sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. An die neue Automatengeneration für die Touristenhochburg Berlin hat der Fahrgastverband hohe Erwartungen – gespeist aus Erfahrungen aus anderen europäischen Metropolen. In London etwa seien die Fahrscheinautomaten zwölfsprachig, sagt Wieseke. Für Berlin würde sich zumindest eine russische und spanische Menüführung anbieten. Auch bei den akzeptierten Zahlungsmitteln will der Fahrgastverband keinen Rückschritt. Künftig müssten alle Automaten auch Geldscheine und Karten akzeptieren. Wünschenswert sei auch eine Ausweitung auf Kreditkarten mit PIN-Nummer.

Verträge mit 162 Hotels

Ob die lange Wunschliste des Fahrgastverbands erfüllt wird, ist offen – denn Extras kosten auch bei Fahrscheinautomaten Geld. Vor allem in der Frage, ob alle Maschinen Geldscheine annehmen werden oder Sparversionen nur mit Kleingeldschlitz gekauft werden, will sich die BVG noch nicht festlegen. „Auch das hängt von den Angeboten der Industrie ab“, sagt Sprecherin Reetz.

Für den Standort Spittelmarkt wollen die Verkehrsbetriebe aber schon vor 2013 eine Lösung finden, um tägliche Touristenschlangen zu vermeiden. Bestenfalls sollen die Berlin-Besucher ihr BVG-Ticket schon in der Tasche haben, bevor sie den Bahnhof an der Linie U2 (Ruhleben–Pankow) betreten. Das Vertriebsmodell funktioniert andernorts schon seit Jahren. Mit 162 Hotels und Hostels in der Stadt haben die Verkehrsbetriebe schon Verträge abgeschlossen. Dort gibt es Nahverkehrsfahrscheine direkt an der Rezeption. „Die neuen Häuser am Spittelmarkt werden wir jetzt gezielt ansprechen“, verspricht die BVG-Sprecherin.