Hotelier-Familie

Drei Generationen Kastanienallee

Seit den 30er-Jahren lebt Familie Hauptmann in Prenzlauer Berg in der Kastanienallee. Ihr Hotel ist eines der wenigen Unternehmen in der Straße, dass den rasanten Wandel überlebt hat. Die Veränderungen im Kiez sehen die Hoteliers positiv – mit einer Ausnahme.

Foto: M. Lengemann / Martin Lengemann

Die Vergangenheit ist eingerahmt in hellbraunem Holz. An der Wand wird sie wieder lebendig. Hier hängen die verblichenen Fotos, alles Originale. Sie zeigen graue Wohnblocks mit DDR-typischem Kratzputz, bröckelnde Fassaden. Auf den Innenhöfen der kaum noch bewohnbaren Altbauruinen werden bis in die 80er-Jahre Kühe gehalten. Kühe! Direkt auf der Kastanienallee, dem heutigen Szene-Kiez. „Nach der Wende konnte sich niemand vorstellen, welche Entwicklung die Straße nimmt“, sagt Uwe Hauptmann.

Zusammen mit seinem Vater betreibt der 48-Jährige den „Kastanienhof“ an der Bezirksgrenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg. 1992 haben sich die beiden selbstständig gemacht. Ihr Hotel hat 38 Zimmer – und ist gleichzeitig ein kleines Museum der Geschichte der angesagten Ausgeh- und Flaniermeile. Auf drei Stockwerken hängen Bilder, Landkarten und Werbeschilder. Dokumente, die den ursprünglichen Charakter des alten Arbeiterbezirks wiedergeben.

Die Hauptmanns sind auf dieser Straße so etwas wie Exoten. Denn sie haben miterlebt, wie die Kastanienallee und Prenzlauer Berg nach der Wende komplett umgekrempelt wurden. Vom alternativen Biotop der ersten Hausbesetzer zu einem der angesagtesten Viertel in der Hauptstadt wandelte sich die Gegend. Und das innerhalb von 20 Jahren. Heute wird die Meile nicht umsonst von vielen „Castingallee“ genannt. Eine Anspielung auf all die hippen Leute, das Szene-Publikum, Schauspieler und Models, die hier schon gesehen wurden. „Wandel ist immer gut“, sagt Uwe Hauptmann. Davon lebe eine Großstadt schließlich. Die Hauptmanns haben diesen Wandel mitgemacht. Und sie sind geblieben. Von der atemberaubenden Entwicklung im Viertel konnte Otto Hauptmanns Ur-Großvater nichts ahnen. In den 30er-Jahren hat er sich in der Straße das Haus gekauft. Die Idee dahinter war grundsolide: Mit der Immobilie wollte er fürs Alter vorsorgen. Zumal raue Zeiten herrschten.

Unbeschadet durch den Krieg

Die „goldenen 20er-Jahre“, die Phase des stetig wachsenden Wohlstands, waren endgültig vorbei. Auch Deutschland spürte die Folgen der weltweiten Wirtschaftskrise: Massenarbeitslosigkeit, Inflation, Abstiegsängste. Dann kamen Hitler und der Krieg. Das Haus übersteht die Bombenangriffe auf Berlin relativ unbeschadet. Später wird es von der Roten Armee als Verwaltungssitz genutzt. Erst im Herbst 1947 können die Hauptmanns wieder zurück in ihre Immobilie. Da ist die kaum mehr bewohnbar. Die Dielen – eingerissen. Die Türen – aus der Verankerung geschlagen. „Junge Leute waren dann die ersten Mieter“, sagt Otto Hauptmann. Drei Wohnungen gab es in jeder Etage des Doppelhauses. Die Toilette steht auf dem Hof, Kohleöfen beheizen die Wohnungen. Oft haben die Hauptmanns im grauen sozialistischen Alltag der DDR daran gedacht, das Haus einfach zu verkaufen, diese Ruine so schnell wie möglich loszuwerden. „Aber wer sollte es denn nehmen?“, fragt Otto Hauptmann. Geld ließ sich ohnehin nicht damit verdienen. Die Miete lag monatlich zwischen 15 und 49 DDR-Mark. „Ein Witz“, sagt Hauptmann. „Davon ließ sich nichts instand setzen.“ Dazu kommen drei Brände, die im Haus gewütet haben. 1985 gehen schließlich auch die letzten Mieter. Die DDR weist die Immobilie nun offiziell als Leerstand aus. Nur die Familie Hauptmann lebt noch darin.

Der Urgroßvater stirbt 1959. Otto Hauptmann lernt in der DDR Dekorateur. Uwe Hauptmann ist gelernter Mechaniker, 1989 macht er seinen Meister. Als die Mauer fällt, setzen die Hauptmanns alles auf eine Karte: Sie wandeln ihr Haus in ein Hotel um. In einer der ärmsten, heruntergekommensten und sozial schwächsten Straßen Berlins. Es dauert lange, bis sie eine Bank finden, die ihr riskantes Vorhaben finanziert. Trotzdem muss die Familie viel Eigenleistung in den Umbau stecken. Neue Leitungen werden verlegt, der Putz abgeschlagen, die Öfen rausgerissen. 1992 eröffnet das Hotel. Am 1. April. „Viele haben das für einen Aprilscherz gehalten“, sagt Otto Hauptmann. Schließlich hätte die Selbstständigkeit auch schnell im Ruin enden können. Doch die Hauptmanns behaupten sich. Sie fangen den Betrieb mit sechs Zimmern an. Über die Jahre wächst das Hotel. Heute hat es zwölf Mitarbeiter.

"Wir haben viel gearbeitet“

Auch die Kastanienallee verändert sich. Die Hausbesetzer müssen gehen, Investoren sanieren die heruntergekommenen Altbauten. Szene-Läden siedeln sich an, die Mieten steigen. Viele Menschen, die den Ruf der Kastanienallee geprägt haben, können sich das Leben dort nicht mehr leisten. Auch viele Läden der ersten Stunde sind nach kurzer Zeit wieder verschwunden. Woran lag es, dass sich die Hauptmanns mit ihrem Hotel behaupten konnten? „Wir haben halt immer viel gearbeitet. Mehr als andere“, sagt Otto Hauptmann. Dass sich ihr Kiez so rasant veränderte und sich immer noch weiter im Wandel befindet, finden die Hauptmanns gut. „Es wurde in Berlin immer gebaut und es wird auch in Zukunft weiter gebaut“, sagt Uwe Hauptmann. Das mache die Straße doch so lebendig.

Der Wandel macht auch vorm Hotelbetrieb der Familie Hauptmann nicht halt. Alle fünf Jahre müsse man in der Kastanienallee eine völlig neue Zielgruppe für sich gewinnen, sagt Uwe Hauptmann. Inzwischen ist auch Sohn Maximilian in den Betrieb eingestiegen. Nur bei einem Thema beharren die Hauptmanns entschieden auf Beständigkeit. Die Ausbaupläne des Bezirks, die breite Radspuren und eine Fahrbahnverengung vorsehen, lehnen sie ab. Das wäre dann doch zu viel Veränderung. Selbst für die wandlungsfähige Kastanienallee.