Plakat-Aktion

"Kampfradler" sind das neue Feindbild in Berlin

In Mitte und Prenzlauer Berg gibt es ein neues Feindbild: den "Kampfradler". Das verkünden zumindest die Plakate, die überall aushängen. Doch die Aktion stößt bei vielen Anwohnern auf Unverständnis.

Foto: Glanze

Der Feind sieht wohl in etwa so aus wie Thomas Schmidt. Gelbes T-Shirt, Dreitagebart, wuscheliges Haar, leicht abgehetzt. Schließlich ist er Radfahrer und hat es eilig. Mit seinem Fahrrad steht er an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Seine Gegner attackieren ihn hier ganz offen. Schmidt hält sein Smartphone fest in der Hand, um von „dieser Schweinerei“ ein Foto zu machen. Er meint damit die Plakate, die Stimmung machen sollen. Stimmung gegen Leute wie ihn. Gegen Radfahrer. „Kampf den Kampfradlern“ haben Unbekannte in fetten Lettern auf die Plakate drucken lassen. Darunter das Piktogramm eines Fahrradfahrers. Der Kopf ist eine Handgranate. „Rücksicht statt Vorfahrt“ fordern die Initiatoren, denn Radfahrer sind in ihren Augen offensichtlich eine Gefahr im Verkehr.

Seit Anfang der Woche hängen die Plakate in der Kastanienallee und im Weinbergsweg in Mitte. Schmidt findet die Aktion albern. „Die Aussage ist platt, weil sie am wahren Problem vorbeigeht“, sagt er. Es gebe doch auch viele Fußgänger und Autofahrer, die keine Rücksicht nehmen. Das sei bei Radfahrern eben nicht anders. Viele Menschen im Bezirk stören sich daran, dass – wieder einmal – kein Absender auf den Plakaten steht. Der Besitzer des Spätkaufs berichtet von Jugendlichen, die nachts unterwegs gewesen seien, um die Protestschilder aufzuhängen. Um wen es sich genau handelt, weiß er aber nicht.

Haben Prenzlauer Berg und Mitte wirklich ein Problem mit egoistischen Bikern, die ohne Rücksicht auf Verluste durch den Bezirk rasen?

Politiker kritisieren Plakate

Jens-Holger Kirchner, Grünen-Politiker und Stadtrat von Pankow, findet die ganze Aktion „ziemlich feige“. Im sogenannten Szenekiez gebe es wohl eine Handvoll Leute, die immer wieder gegen bestimmte Gruppen hetzen muss. Erst waren die Schwaben dran. „Spießig, überwachungswütig und keinen Sinn für Berliner Kultur“, stand auf Plakaten. Jetzt trifft es die Radfahrer. „Wer etwas zu sagen hat, kann das gerne machen“, sagt Kirchner. Aber er solle dann auch mit seinem Namen dafür einstehen. „Pauschalisierungen und Beleidigungen tragen nicht zur Problemlösung bei“, so der Stadtrat.

Dass der Anteil der Fahrradfahrer am Gesamtverkehr zugenommen hat, ist statistisch belegt. Laut der Senatsverkehrsverwaltung liegt er inzwischen bei 13 Prozent. In Prenzlauer Berg sind es sogar 21 Prozent und damit vier Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Trotzdem gehen die Unfallzahlen berlinweit zurück. Knapp 6200 Unfälle mit Radfahrerbeteiligung hat die Polizei im vergangenen Jahr gezählt – ein Rückgang um 12,39 Prozent. Der Fahrradclub ADFC blickt dennoch mit Sorge auf Prenzlauer Berg. Gerade die Schönhauser Allee mit ihrer schmalen Radspur habe sich zum Problem entwickelt. Dicht gedrängt müssten sich Fahrradfahrer hier durch den Verkehr quetschen. „Berlin braucht breitere Radspuren auf allen Hauptverkehrsstraßen“, fordert ADFC-Vorstand Bernd Zanke.

Ein Vorschlag, der von Bezirkspolitikern mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wird. Doch das allein reiche nicht aus, sagt Mittes Bezirkstadtrat Stephan von Dassel (Grüne). Allzu oft sei Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr zu beobachten. Er halte verstärkte Kontrollen für sinnvoll. Auf fünf bis zehn Prozent schätzt Pankows Stadtrat Jens-Holger Kirchner den Anteil rücksichtsloser Radler. „Bei einigen fehlt eben die Einsicht“, sagt Kirchner.

Betina Thamm (34) wohnt in Prenzlauer Berg. Und sie fährt Fahrrad. Rücksichtsvoll, findet sie. Über aggressives Verhalten auf der Radspur regt sie sich auf. „Da fahren einige über rote Ampeln, missachten Vorfahrtsregeln, bringen sich und andere damit in Gefahr“, sagt sie. Die drastischen Plakate stören sie nicht. „Jeder kann seine Meinung sagen, das macht Berlin schließlich aus“, findet Betina Thamm. Wer hinter der Aktion steckt, wisse sie aber auch nicht.

Auch im Internet werden das Thema Rücksichtslosigkeit von Radfahrern und die Plakate inzwischen lebhaft diskutiert. In einem Internet-Blog schreiben Berliner ihre Meinung zu der Kampfradler-Kampagne. „Ohne Worte. Die Kinderwagen brauchen Platz, und die Muttis können ja schließlich nicht auf alles achten“, schreibt „citical44“. Das sieht „Justus“ anders. „Selten so einen inhaltslosen und unkonstruktiven Quatsch gesehen“, meint er.

Drei Millionen Euro gibt der Senat jährlich aus, um neue Infrastrukturprojekte für Fahrradfahrer anzuschieben. Weitere zwei Millionen Euro fließen in die Sanierung bestehender Wege. Die Stimmungsmache auf Plakaten bezeichnet Arvid Krenz als „eher kontraproduktiv“. Krenz ist Fahrradbeauftragter des Senats. „Im Straßenverkehr kommt es auf Rücksichtnahme an. Sowohl bei Fußgängern als auch bei Auto- und Radfahrern“, sagt er. Anonyme Plakate trügen nicht zu einer vernünftigen Diskussion bei.

Senat will mehr Radverkehr

Der Senat will, dass der Anteil des Radverkehrs bis zum Jahr 2025 auf 18 Prozent steigt. Gleichzeitig soll der Autoverkehr von heute 25 Prozent auf 18 Prozent sinken, so das Ziel. „Wenn die Infrastruktur ausgebaut wird, gibt es natürlich auch weniger Konfliktpotenzial zwischen Fußgängern und Radfahrern“, sagt Krenz.

In der Innenstadt sind es vor allem ältere Menschen, die sich unwohl fühlen, wenn sie über die Straße gehen. „Man muss aufpassen, dass man nicht umgefahren wird“, sagt eine Rentnerin. Den Protest könne sie verstehen. Aber muss es denn gleich so drastisch sein? Plakate mit einer Handgranate als Kopf. Tickende Zeitbomben. „Das ist schon ziemlich krass“, sagt der 30-jährige Markus Meier. Er fühlt sich provoziert, beleidigt. Wenn jemand solche Plakate im Kiez aufhängt, solle er auch seinen Namen dazuschreiben, findet Meier.

"Kein Inhalt, ziemlich plump“, sagt auch Xenia Koroleva nach einem Blick auf das Plakat. Die 28-Jährige wohnt in Pankow, auf dem Weg zur Arbeit fährt sie jeden Tag durch Prenzlauer Berg. „So eine Aktion passt nicht zum toleranten Image des Bezirks“, findet sie. Genau das kritisiert auch Stadtrat Kirchner. Prenzlauer Berg gelte schließlich als liberal und weltoffen. Ein Ruf, der zunehmend in Gefahr gerät. An der Kreuzung Eberswalder Straße/Schönhauser Allee prangt schon das nächste Zeichen der Intoleranz. „Fuck Yoga“ steht auf zwei großen Aufklebern an einer Ampel. Wieder ohne Absender.