Prozess

Notorischer Straftäter nach Überfall vor Gericht

Karl-Heinz S. hatte im Februar in Berlin-Gesundbrunnen einen Drogeriemarkt überfallen. Durch das beherzte Eingreifen von Kunden konnte er gestoppt werden. Jetzt steht er wegen der Tat vor Gericht. Es könnte sein letzter Prozess sein.

Nicole K. hatte am 15. Februar 2011 wieder mal allein in der Schlecker-Filiale gearbeitet. Die 36-Jährige hatte keinen Verdacht, als gegen 17.45 Uhr ein hagerer Mann das Geschäft im Ortsteil Gesundbrunnen betrat und freundlich grüßte. Wenig später stand er hinter der Verkäuferin, packte sie am Hals, drohte mit einem großen Küchenmesser und forderte: „Jetzt gehen wir zur Kasse, und du gibst mir dein ganzes Geld.“ Beute waren 74 Euro.

Karl-Heinz S. hat diese Tat vor einer Moabiter Strafkammer gestanden. Aber nur pauschal. Angeblich habe er große Erinnerungslücken. Doch der notorische Straftäter wäre auch ohne Geständnis leicht zu überführen gewesen. Es gibt mehrere Zeugen, die an diesem Tag beherzt eingriffen. Sie riefen die Polizei und verwehrten dem Räuber die Flucht, in dem sie einfach die Türen des Hauses verschlossen. Polizeibeamte konnten den 46-Jährigen kurz darauf in der fünften Etage eines angrenzenden Hausflurs stellen. Der unter Alkohol und Drogen stehende Räuber fuchtelte mit seinem Messer, ließ sich auch durch gezogene Pistolen nicht beeindrucken. Es gelang schließlich, ihn mit Pfefferspray kampfunfähig zu machen und zu überwältigen.

Für Karl-Heinz S. könnte das die letzte Festnahme gewesen sein. Im Anklagesatz hat die Staatsanwaltschaft festgestellt, dass „der Angeschuldigte aufgrund seines Hanges zu erheblichen Straftaten als gefährlich für die Allgemeinheit anzusehen“ ist. Das Gericht gab daraufhin ein Gutachten in Auftrag, mit dem geprüft werden soll, „ob aus psychiatrischer Sicht die Unterbringung des Beschuldigten in der Sicherungsverwahrung in Betracht zu ziehen ist“.

Diese Erwägungen kommen nicht von ungefähr. Der gelernte Maurer hat schon mehr als 18 Jahre seines bisherigen Lebens hinter Gittern verbracht. Erste Begegnungen mit der Staatsanwaltschaft hatte das ehemalige Heimkind schon mit 16 Jahren. Später gab es immer wieder Gewaltstraftaten. 1999 wurde er wegen Totschlags in Tateinheit mit schwerem Raub zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Karl-Heinz S. hatte damals einen psychisch kranken Mann, den er in einer Gaststätte kennen lernte, bis vor dessen Haus begleitet. Dort war er in die Wohnung des wehrlosen Opfers eingedrungen, hatte es niedergeschlagen, ihm dabei die Nase gebrochen, und am Ende die Brieftasche weggenommen. Geld war kaum vorhanden, weil das Opfer einen Betreuer hatte, der die Finanzen regelte. Einige Tage darauf eskalierte ein Streit mit einem Saufkumpan, der ihn mit einer Pumpgun bedrohte. Karl-Heinz S. hatte ihm das Gewehr weggerissen, ihn gefesselt, getreten und mit einem Messer erstochen. Auch an diese Tat wollte er sich später nicht erinnern können, obwohl er sie zuvor einem Jugendlichen minutiös geschildert hatte.

Nicole K. hat über das Vorleben ihres Peinigers wenig erfahren. Sie ist zwar Nebenklägerin in dem Prozess, meidet aber den Kontakt mit dem Angeklagten und lässt sich von einem Anwalt vertreten. Sie ist in psychologischer Behandlung und hat ihren Arbeitsvertrag mit Schlecker aufgelöst. Derzeit lebt sie von der Abfindung, die sie von ihrer ehemaligen Firma erhielt. Aber sie hofft, wieder eine Anstellung als Verkäuferin zu finden. Jedoch nur in einem Laden, in dem zeitgleich weitere Kollegen tätig sind. Nie wieder will sie ganz allein arbeiten.

Das Urteil wird am 13. Juli 2011 verkündet.