Kollwitzplatz

Investor sieht im Kiez kaum Gentrifizierung

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Christina Brüning

Foto: © JÖRG KRAUTHÖFER

Der Streit über einen Neubau in Prenzlauer Berg zeigt, wie schwierig die Debatte über die Verdrängung von Mietern ist.

Eigentlich müssten sich Rainer Bahr und Michail Nelken gut verstehen. Die Philosophien, mit denen die beiden Männer ihrem Beruf nachgehen, gleichen sich. Sie wollen das Sowohl-als-auch, sagen sie. Sie wollen Erhalt und gleichzeitig Weiterentwicklung. Doch ihre Vorstellungen davon, was erhaltenswert und was entwicklungswürdig ist, passen nicht zusammen. Bahr und Nelken sind Gegner in bald fünf Gerichtsverfahren. Der eine ist Immobilienentwickler in Prenzlauer Berg, der andere Baustadtrat der Linkspartei in Pankow.

Ganz Berlin diskutiert im Moment über Mittel gegen die Verdrängung zahlungsschwächerer Bewohner aus aufsteigenden Kiezen. Um durchschnittlich 7,9 Prozent sind die Mieten laut Berliner Mietspiegel allein von 2009 zu 2010 gestiegen, die Debatte darüber ist ein Wahlkampfschlager. Was Rainer Bahr beruflich tut, kommt daher zurzeit der Beschreibung eines Feindbildes gleich. Er kauft mit seiner Firma e-concept Häuser, saniert sie, baut schicke Wohnkomplexe und verkauft sie wieder. So wie beim Kolle Belle, einem Luxuswohnprojekt an der Kollwitzstraße.

Nun würde Bahr gern auf dem Nachbargrundstück an der Straßburger Straße in Prenzlauer Berg bauen. Drei Häuserriegel, Baujahr 1960, stehen dort quer zur Straße, ohne sogenannten Blockrandschluss entlang der Straße. Den möchte Bahr nun realisieren. Man spricht dabei auch von „verdichten“.

Doch so einfach geht das nicht. Nach 20 Jahren Verdichtung in Prenzlauer Berg soll nun an der Straßburger Straße Schluss sein, findet das Bezirksamt, dessen Pläne für das Grundstück dies ursprünglich durchaus ermöglicht hätten.

Milieuschutz gegen Luxussanierung

Für das Bauvorhaben bestehe kein „städtebaulicher Anlass“, sagt Stadtrat Nelken. Der Diplomphilosoph wohnt seit mehr als 30 Jahren in Prenzlauer Berg, jenem Stadtteil, der heute über Berlin hinaus Sinnbild für die Veränderungen in der Stadt ist, für das „Bionade-Lebensgefühl“ und für „Gentrifizierung“.

In vielen Städten sei dieses Phänomen zu sehen, sagt Nelken. Aber im Prenzlauer Berg sei die Entwicklung besonders stark gewesen. „Das Viertel war baulich, aber nicht sozial heruntergekommen“, sagt Nelken. Es habe zum Beispiel keine erhöhte Kriminalität gegeben, Arbeiter und Intellektuelle hätten hier gewohnt. „Das hat den Kiez gleich viel attraktiver gemacht.“

Aber dann kamen die „Dealer“. So nennt Nelken die Investoren, die „schnellen An- und Verkäufer“, die in Häusern nur Anlage- und Abschreibungsobjekte sähen. Die Dealer seien bis heute in der Masse. Das Problem sei lange bekannt, die verdrängten Mieter seien viel zu spät in den Fokus geraten.

Doch die Entwicklung lasse sich noch aufhalten, ist Nelken überzeugt. Es gebe ja noch in Teilen oder Gänze unsanierte Häuser im Kiez. „Wir müssen diejenigen hier halten, die sich das Viertel eigentlich nicht mehr leisten können“, findet Nelken. Es gehe dabei gar nicht darum, jeden „Luxusbau“ zu verhindern, sondern andere Häuser zu schützen. Das ist Nelkens Sowohl-als-auch.

Nelken will dafür auf Instrumente wie den sogenannten Milieuschutz zurückgreifen, der „Luxussanierungen“ verbietet. Das sei zwar ein schwaches Werkzeug, aber besser als nichts. Nelken würde auch gern mit dem Bezirk selbst Häuser kaufen und sie an Mietergemeinschaften weitergeben, aber dafür fehle das Geld.

Bei Rainer Bahrs Projekt an der Straßburger Straße versucht Nelken andere Mittel. Mit Erhaltungssatzung und Gutachten will er zeigen, dass die drei Häuserriegel aus DDR-Zeit ein „Dokument der Berliner Baugeschichte“ darstellen und nicht angetastet werden sollen.

Als Bahrs Pläne bekannt wurden, wurde im Kiez und in den Medien oft nur von „dem Investor“ gesprochen. Es nährt die Vorstellung, die Finanziers seien eine gesichtslose Spezies, die mit ihrem Geld in die Stadt einfällt. Wie Heuschrecken.

„Keine Angst vor Heuschrecken“

Vergangenen Sommer sprach Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) zu den aufgebrachten Mietern an der Straßburger Straße. Die überwiegend älteren, langjährigen Bewohner der drei Blöcke fürchteten, ausziehen zu müssen, weil der neue Eigentümer „Luxuswohnungen mit Tiefgarage“ bauen wolle. „Die Heuschrecken, die sich hier einkaufen, haben starke Anwälte – aber wir haben keine Angst vor denen“, rief Thierse den Bürgern seines Wahlkreises zu.

Jetzt, fast ein Jahr später, führen Bahrs Anwälte besagte fünf Verfahren gegen den Bezirk und seine Pläne und Satzungen. Ein gesichtsloses Insekt, das von irgendwoher sein Geld in den Kiez steckt, ist der Unternehmer aber nicht. Er ist rund um den Senefelderplatz sogar ziemlich bekannt. Wenn Bahr durch das Viertel spaziert, benimmt er sich, wie man das in seinem Heimatdorf im schleswig-holsteinischen Kreis Dithmarschen tut: Er grüßt die Leute, viele mit Namen. Die aufgebrachte Stimmung scheint verflogen.

Die Mieter an der Straßburger Straße seien noch immer nicht begeistert von seinen Plänen, sagt Bahr, ein Ex-Grünen-Mitglied, aber er habe es langsam doch geschafft, die Fehlinformationen wieder aus den Köpfen der Anwohner zu reden. Nur mit sehr wenigen Bewohnern gebe es noch Schwierigkeiten.

Bahr will die östlichen Enden der drei DDR-Häuser abreißen und zur Straße hin einen neuen Riegel mit Wohnungen anbauen. 19 Wohnungen sollen dafür weichen, ihre Bewohner können innerhalb der Blöcke umziehen. Auch ihre günstigen Mieten von 5,50 Euro pro Quadratmeter will Bahr nicht antasten. Die neuen, luxuriöseren Wohnungen sollen die alten querfinanzieren. Das ist Bahrs Sowohl-als-auch. Er erhalte das alte, baue trotzdem neu, und die Bewohner des Neubaus sichern die Mieten der Alteingesessenen. „Wie geht es denn besser?“, fragt Bahr.

18 Häuser hat Bahr seit 1994 in Prenzlauer Berg saniert. Gentrifizierung will er im Kiez kaum feststellen. Ja, es habe umfangreiche Veränderungen gegeben, aber Verdrängung durch Mieterhöhungen nach Modernisierung – nein. Zum einen hätten die Häuser nach der Wende zur Hälfte leer gestanden, und die Hinterhäuser seien kaum noch bewohnbar gewesen. „Nach der Sanierung sind Leute hergezogen, ohne andere verdrängen zu müssen“, sagt er. Andere seien freiwillig weggezogen, etwa weil sie im Alter lieber am Stadtrand wohnen wollten. Zudem läge gut die Hälfte der Nettomieten im Kiez noch um die fünf Euro pro Quadratmeter. „Da wird immer ein verzerrtes Bild wiedergegeben.“

Über sein Bauvorhaben an der Straßburger Straße macht sich Bahr weniger Sorgen – auch wenn er sich „politischer Willkür“ ausgesetzt sieht. Er ist sicher, dass er am Ende Baurecht bekommt. Eine Lösung für die Mietendebatte sieht Bahr in staatlichen Subventionen. Sozialer Wohnungsbau könne helfen. Einschränkungen für Investoren nicht. „Die gehen dann halt woanders hin.“

Bahr hatte mal die Idee, bei einer Podiumsdiskussion über all das offen mit Politikern zu reden. Doch dazu wird es nicht kommen. Es ginge ja doch nur Wort gegen Wort, ohne Zeit für Beweisführung, sagt Bahr. Ein Sowohl-als-auch scheint unmöglich.