Stadtplanung

Berlin hat noch viele Grundstücke zu verkaufen

Der Liegenschaftsfonds vermarktet seit zehn Jahren Berlins Immobilien. Seine Bilanz fällt positiv aus - obwohl Politik und Investoren häufig Probleme mit den Grundstücken haben.

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Mauerpfeffer, Brennnessel und Ackerwinde gedeihen prächtig auf der Brache direkt am Bahnhof Zoo. Der Natur hat es nicht geschadet, dass es der Great Berlin Wheel GmbH nicht gelungen ist, an der Hertzallee ein 175 Meter hohes Aussichtsrad zu errichten. Der Berliner Haushaltskasse auch nicht: 25 Millionen Euro zahlte das Unternehmen 2006 für das Grundstück. Damit zählt der Deal zu den lukrativsten Verkäufen des vor zehn Jahren gegründeten Berliner Liegenschaftsfonds.

„Seit 2001 haben wir 14 Millionen Quadratmeter Grund und Boden verkauft und dabei 5500 Kaufverträge mit mehr als zwei Milliarden Euro Einnahmen geschlossen“, bilanziert Holger Lippmann, Geschäftsführer des Liegenschaftsfonds. In die Haushaltskasse flossen davon mehr als 1,75 Milliarden Euro. Anlässlich des zehnjährigen Jubiläums präsentierte Lippmann am Mittwoch eine Studie der DIW econ GmbH, die die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Verkäufe untersucht hat. Das Ergebnis: Die Bruttowertschöpfung für Berlin summiert sich auf 10,4 Milliarden Euro. „Die wirtschaftlichen Effekte kommen vor allem dadurch zustande, dass wir in der Regel Immobilien und Grundstücke verkaufen, die der Investor erst nutzbar machen muss“, so Lippmann. So modernisierten die privaten Investoren für 2,8 Milliarden Euro ihre Gebäude und bauten für fünf Milliarden Euro neue Häuser. Während die wirtschaftliche Bilanz des Unternehmens also positiv ausfällt, hatten jedoch nicht alle Käufer Freunde an ihrem Stück Berlin.

So bangen nicht nur die 300 Kleinanleger des eingangs erwähnten Riesenrad-Projektes um ihr Erspartes. Massive Probleme hat auch der Kulturunternehmer Falk Walter, der zusammen mit Freunden 2003 das ehemalige Metropol-Theater an der Friedrichstraße für eine Million Euro vom Liegenschaftsfonds kaufte, für 14,5 Millionen Euro sanierte und 2006 als Admiralspalast wiedereröffnete. Im vergangenen Jahr musste Walter Insolvenz anmelden, der Kulturtempel hatte 3,8 Millionen Euro Schulden angehäuft. Jetzt führt das Haus mit neuer Betriebsleitung und unter Aufsicht eines Insolvenzverwalters bis auf weiteres das Programm fort.

Probleme mit dem Zoobogen

Als unerwartet problematisch erwies sich auch einer der ersten Verkäufe des Liegenschaftsfonds in der City-West. 2001 verkaufte der Liegenschaftsfonds das Gebäudeensemble Zoobogen am Breitscheidplatz. Erst jetzt, zehn Jahre und zwei globale Finanz- und Immobilienkrisen später, drehen sich über den in den 50er-Jahren errichteten Gebäuden die Baukräne. Die Bayerische Hausbau investiert nach langem Zögern 300 Millionen, will in dem jetzt „Bikini Berlin“ genannten Komplex unter anderem ein Hotel, Büros und Geschäfte unterbringen.

Doch nicht nur wirtschaftliche Probleme der Investoren, auch die – oft wechselnden – Vorgaben aus der Politik führten dazu, dass manche Projekte Jahre brauchten – oder erst gar nicht zustande kamen. Nur ungern erinnert sich Lippmann etwa an den geplatzten Deal am Hammarskjöldplatz in Charlottenburg. Jahrelang hatte der Senat das Areal als geeigneten Standort für ein Kongresshotel ausgewiesen, der Liegenschaftsfonds verhandelte bereits mit der spanischen Barceló Group. Dann jedoch wurde das Verfahren aus politischen Gründen gestoppt. Nun wollte man lieber den Parkplatz gegenüber dem ICC-Haupteingang zum „hochwertigen Hotelstandort“ entwickeln.

Auch das Amerikahaus an der Hardenbergstraße muss nun zum zweiten Mal vermarktet werden, weil der Senat den ersten Verkauf stoppte. Der Grund: Die Ausschreibung machte eine kulturnahe Nutzung zur Bedingung. Die konnte der meistbietende Kunstkeramikhersteller, der dort einen Showroom einrichten wollte, zwar erfüllen. Doch den Politikern erschien diese Nutzung aufgrund der historischen Bedeutung dann doch nicht angemessen. „Es ist von Vorteil, wenn die Politik sich vorher überlegt, was sie ich für ihre Immobilien wünscht“, so Lippmann diplomatisch. Insgesamt würden die gelungenen Deals jedoch überwiegen. So mussten insgesamt weniger als drei Prozent der Verträge wieder rückabgewickelt werden, weil entweder die Politik sich umentschieden hatte oder der Investor einen Rückzieher machte.

Größter Deal über 47 Millionen Euro

Lippmann erinnert an den erfolgreichen Neustart von Berlins ältester Ausflugsgaststätte, der „Fischerhütte“ am Schlachtensee. Gastronom Joseph Laggner erwarb das verwahrloste Gasthaus 2002 und machte daraus ein beliebtes Ausflugsziel. Unter den Verkäufen fanden sich auch zahlreiche, die neues Leben auf alte Industriebrachen brachten. So die ehemalige Wollweberei am Brunsbütteler Damm in Spandau. 2007 kaufte Kontaktlinsen-Hersteller Bausch & Lomb das Areal, investierte acht Millionen Euro in hochmoderne Produktionsstraßen.

Mit Abstand das größte Immobiliengeschäft wickelte der Liegenschaftsfonds 2005 ab: Die Bundesregierung erwarb das leer stehende Stadion der Weltjugend an der Chausseestraße. Für 100.000 Quadratmeter überwies der Bund 47 Millionen Euro. Seit 2006 entsteht hier die Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. 2013 sollen 4000 Geheimdienstler einziehen.

Dass dem Liegenschaftsfonds nach zehn Jahren die Grundstücke ausgehen, befürchtet Lippmann nicht: „Wir haben noch einen Grundstücksbestand, der mit weiteren zwei Milliarden Euro bewertet wird“, so der Geschäftsführer. Außerdem würden die Bezirke und der Senat immer wieder Immobilien nachreichen.