Friedrichshain

Was Anwohner gegen das Mercedes-Haus haben

Architekt Georg Gewers hat seine Pläne für das neue 54 Meter hohe Mercedes-Haus in Berlin-Friedrichshain vorgestellt. Es soll neben der O2 World entstehen. Doch Anwohner wehren sich gegen das Projekt.

Foto: Vivico

Erst gegen Ende der zweistündigen Veranstaltung, als gerade jemand Bezirksbürgermeister Franz Schulz wiederholt Gewalt androht, greift Moderator Stefan Rupp zum letzten Mittel eines Diskussionsleiters: „Wenn Sie noch einmal so etwas sagen, lasse ich Sie des Saales verweisen.“ Dabei ist zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon alles gesagt, sodass jedem im Friedrichshainer „Fritzclub“ klar ist: Es stehen sich zwei Seiten gegenüber, deren Feindschaft tiefer liegende Gründe hat. Der Moderator sagt dann noch, dass dies nur das erste Treffen ist, dem weitere folgen werden. Es ist also der holprige Beginn einer „guten Nachbarschaft“.

Geladen hatte zu diesem Abend die Immobiliengesellschaft Vivico, auf deren Gelände Mercedes einen Gebäudekomplex am Spreeufer bauen will. Im Frühjahr 2013 soll die neue Vertriebszentrale des Automobilkonzerns in Friedrichshain eingeweiht werden. Doch bevor überhaupt der Grundstein gelegt ist, will sich der neue Mieter schon einmal vorstellen. Es ist eine ausgestreckte Hand, die von den anwesenden Anwohnern und Aktivisten der „Initiativgruppe Mediaspree versenken“ nicht ergriffen wird. Sogar eher ausgeschlagen. Das liegt vor allem an dem Bürgerentscheid, bei dem sich im Juli 2008 rund 30.000 Friedrichshainer gegen neue Hochhäuser im Spreeraum ausgesprochen hatten. Keines der Gebäude zwischen Ostbahnhof und Warschauer Straße sollte die Höhe von 22 Metern überschreiten. Eine Forderung, die nicht erfüllt wird. Das neue Haus mit einem drehenden Mercedes-Stern auf dem Dach soll 54 Meter hoch sein.

Dem Radioeins-Moderator Stefan Rupp bleibt am Montag nur übrig, die Gesprächskultur hochzuhalten. Immer wieder bittet er im ersten Teil des Gesprächs um Ruhe, damit die Gäste auf dem Podium ausreden können. Gekommen sind Henrik Thomsen von Vivico, Harald Schuff von Mercedes Benz sowie der Architekt Georg Gewers und Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne). Zuletzt betritt noch Dimitri Hegemann die Bühne, stellt sich als Chef des Clubs „Tresor“ vor und erzählt, dass er mit Hochhäusern generell keine Probleme habe. „Ich habe in New York und Detroit gewohnt, da sind Hochhäuser normal.“ Das provoziert weitere ironische Zwischenrufe („Hochhäuser sind toll!“), und Rupp verweist auf den zweiten Teil der Runde, bei dem das Publikum mitdiskutieren könne.

Doch genau das ist das Problem: Ein Kompromiss kann nicht mehr erreicht werden. Die eine Seite hat einen unterschriebenen Bauvertrag und wird ein Hochhaus bauen, die andere Seite will kein Hochhaus an der Spree – und lebt schon jetzt im Bewusstsein, dass dieses Mercedes-Gebäude nur der Anfang sein wird. Es sind mindestens vier weitere Hochhäuser an der Spree geplant, eines sogar über 120 Meter hoch. All das ist bereits beschlossen und kann nicht mehr geändert werden. Entsprechend frustriert waren die Aktivisten.

Vor allem der Architekt Georg Gewers bietet viele Gelegenheiten für Zwischenrufer. Da konnte er sich noch so sehr bemühen, die Vorzüge seines Entwurfs aufzuführen („platzsparend, transparent, energiebewusst und zeitgenössisch“). Für seine Gegner war schon seine Frisur Grund, sich über ihn lustig zu machen („Du hast die Haare schön“). Gewers verweist darauf, dass der Plan dem Bürgerentscheid entgegenkomme, weil das Spreeufer nicht bebaut werde, doch das besänftigte die Zwischenrufer nicht. Als Gewers von einer „vernünftigen Lösung“ spricht, ruft jemand: „Im Kapitalismus gibt es keine Vernunft!“

Umzug von 1200 Arbeitsplätzen

Im zweiten Teil der Diskussion dann stellen sich die Zwischenrufer ordentlich vor, zum Beispiel Carsten Joost vom „Initiativkreis Mediaspree versenken“. Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) werfen er und seine Mitstreiter vor, eine basisdemokratisch getroffene Entscheidung nicht durchgesetzt zu haben. „Können Sie sich noch im Spiegel anschauen?“ Schulz entgegnet, nicht er, sondern der Senat habe diese Bebauung gewollt. „Mir wäre es auch lieber, wenn ein Solarunternehmen hierherzieht“, sagt er. „Aber ich freue mich über 1200 Arbeitsplätze.“ Und ja, er könne noch in den Spiegel schauen.

Doch das beruhigt die Anwohner nicht. Sie sind besorgt, dass ihre Wohngegend sich weiter verändern wird. Schon durch die O2 World, so klagen Anwohner von der Kreuzberger Seite, werden sie jeden Abend durch starke Beleuchtung gestört. Zudem sei die neue Bebauung nur ein weiterer Schritt Richtung „Aufwertung“ der Wohngegend, womit sich der Kiez genauso verändern werde, wie Mitte und Prenzlauer Berg es schon getan haben.

Der Mercedes-Vertreter Harald Schuff versucht im Gespräch, diese Ängste zu zerstreuen. „Unsere Mitarbeiter gehören der Mittelschicht an und wohnen ohnehin schon in Berlin.“ Sie würden wegen eines Umzugs ihres Arbeitsplatzes von eineinhalb Kilometern nicht auch ihren Wohnort nach Friedrichshain verlagern. Letztlich schafft es „Tresor“-Chef Dimitri Hegemann, mit diesem Neubau auch für die Anwohner eine Hoffnung zu verbinden: „Ich würde mich freuen, wenn hier ein Zukunftsdialog entstehen würde.“ Das Haus könne auch die Kreativwirtschaft in Friedrichshain unterstützen.

Draußen vor der Tür des „Fritzclubs“ werden Handzettel mit der Internetadresse „www.vivico-dialog.de“ verteilt. Dort könne weiterdiskutiert werden. Einer der Aktivisten droht im Nachgespräch noch mit Gewalt: „Zum nächsten 1. Mai wird man schon sehen.“ Die Polizei, die mit einem Wagen vor der Tür steht, kommt aber nicht zum Einsatz. Niemand wird des Saales verwiesen, und es macht sich nur leise Enttäuschung bei den Anwohnern breit, dass kein Vertreter des Senats gekommen ist. Letztlich wurde dort über die Zukunft an der Spree entschieden. „Ich werde jedenfalls Wowereit nicht wählen“, sagt einer. Ein zweiter: „Wen denn dann? Die Hochhäuser kommen doch so oder so.“