Verkehrsbetriebe

BVG-Chefin Nikutta behält die Zügel in der Hand

Sigrid Nikutta führt seit Oktober 2010 als erste Frau die Berliner Verkehrsbetriebe. Im Interview spricht die 42-Jährige über das große Problem Sicherheit in der U-Bahn und ihre vierte Schwangerschaft.

Foto: Marion Hunger

Morgenpost Online: Frau Nikutta, im September werden Sie erneut Mutter. Zugleich wollen Sie aber die BVG ohne große Unterbrechung weiter führen. Wie wollen Sie alles unter einen Hut bekommen?

Sigrid Sigrid Nikutta: Ich werde das jetzt ja permanent gefragt, wobei ich das kaum nachvollziehen kann. Es gibt ja ganz, ganz viele Männer in Führungspositionen, die mehrere kleine Kinder haben, und die werden auch nicht gefragt: Wie machen Sie das mit den Kindern? Ich habe mit meinem Mann so eine Art Rollentausch. Er stellt seine berufliche Karriere zurück und kümmert sich vorrangig um die Kinder. Ich versuche natürlich, mich so intensiv wie möglich einzubringen, aber ich habe nicht den Anspruch, meine Kinder morgens wegzubringen oder abends abzuholen. Ich teile mit, wann ich zu Hause sein kann, und mein Mann plant das denn so ein. Das ist so die klassische Andersrum-Situation.

Morgenpost Online: Es wird ja schon Ihr viertes Kind sein, das im Herbst zur Welt kommt.

Sigrid Nikutta: Ach, bei Kind Nummer vier bin ich ganz entspannt. Ich kenne schon alles, was die Schwangerschaft, was das Kinderkriegen und die Zeit danach angeht, und bisher war das stets so unproblematisch, dass das überhaupt kein Thema ist. Ich versuche schon jetzt, keine dienstlichen Termine nach 18Uhr anzusetzen. Aber das versucht auch mein männlicher Vorstandskollege, der drei kleine Kinder hat (Henrik Falk, die Red.). Und es gibt in einem solchen Unternehmen – von Ausnahmesituationen abgesehen – kein betriebliches Problem, dass nicht bis dahin gelöst werden kann. Ausnahmen sind so etwas wie die Bus-Problematik, die uns von Herbst an beschäftigte. Damals haben wir natürlich oft bis in die Nacht zusammengesessen. Dass so etwas nicht zur Regel wird, ist auch eine Frage der privaten Lebenszeit, auf die jeder ein Anrecht hat. Allerdings kann ich mir natürlich keine zeitaufwendigen Freizeit-Hobbys wie Golfen oder gar Segelfliegen leisten. Meine Hobbys sind meine Kinder. Ich habe schon das Gefühl, ich mache viel mit meinen Kindern.

Morgenpost Online: Sie werden also im BVG-Vorstand keine Schwangerschafts-Vertretung haben?

Unmittelbar nach der Geburt werde ich sicher etwas weniger im Büro sein und ein bisschen mehr von zu Hause aus arbeiten. Aber ich werde die Zügel hier bei der BVG immer in der Hand behalten. Das ist im Zeitalter moderner Kommunikationsmittel auch gar kein Problem.

Morgenpost Online: Ist das ein Privileg der Chefin? Was tut die BVG, allgemein, um ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Karriere und Familie gleichermaßen zu ermöglichen?

Sigrid Nikutta: Die BVG ist seit 2009 nach dem audit „berufundfamilie“ zertifiziert, mit dem uns eine familienfreundliche Personalpolitik bestätigt wird, und natürlich gibt es auch bei uns eine Frauenförderplan. Neben Gleitzeitregelungen und der Möglichkeit von Teilzeitarbeit, gibt es über 240 verschiedene Dienstpläne, die es unseren Mitarbeitern ermöglichen Beruf und Familie besser zu vereinbaren. Schwangere Mitarbeiterinnen erhalten bei uns schon vier Wochen vor Beginn des gesetzlichen Mutterschutzes eine bezahlte Freistellung. Und während der Elternzeit lassen wir unsere Kollegen auch nicht allein. Dazu gehören Angebote wie das gemeinsame Plätzchenbacken zu Weihnachten, Bewerbungstraining, Elternzeit- und Wiedereinstiegsgespräche, aber auch das Angebot von Unterweisungen noch während der Elternzeit zur Aufrechterhaltung der Qualifikation und erstmalig in diesem Jahr auch ein Vater-Kind-Tag. Übrigens hat auch eine kürzlich stattgefundene Mitarbeiterbefragung ergeben, dass Elternzeit bei der BVG zu nehmen, kein Problem darstellt und die jungen Mütter und Väter in ihren jeweiligen Teams wieder sehr gut aufgenommen werden.

Morgenpost Online: Kommen wir zu einem anderen Thema. Schwere Übergriffe in den U-Bahnhöfen haben in jüngster Zeit für viele Diskussionen in Berlin gesorgt. Fahren Sie eigentlich nach 22 Uhr noch allein in der U-Bahn nach Hause?

Sigrid Nikutta: Ja, immer. Die Videobilder sind tatsächlich drastisch. Aber man sollte die objektive Situation nicht vergessen. Alle Zahlen auch der Polizei sagen, dass das Risiko in öffentlichen Verkehrsmitteln Opfer eine Gewalttat zu werden extrem gering ist. Die Wahrscheinlichkeit liegt bei gerade einmal 0,003 Prozent. Die Polizeistatistik sagt auch aus, in den letzten fünf Jahren ist die Gewalt im Nahverkehr deutlich zurückgegangen. Jeder einzelne Vorfall ist aber dramatisch. Zu bedenken gebe ich auch: Fast zur gleichen Zeit, als im U-Bahnhof Friedrichstraße der junge Mann zusammengeschlagen wurde, ist nicht weit davon entfernt ein anderer Mann auf der Straße zusammengeschlagen worden. Dazu gab es nur eine Mini-Mitteilung in der Zeitung. Über den Vorfall redet auch heute keiner mehr, weil er nicht mit Videobildern dokumentiert ist, die so oft von den Medien gezeigt werden können. Aber die Videobilder haben auch eine positive Wirkung: In fast allen Fällen können die Täter von der Polizei ermittelt werden, nicht wenige stellen sich bereits, wenn sie nur davon lesen, dass es Bilder darüber gibt. Wir sind mit der Videoaufzeichnung auf dem richtigen Weg, weil die Bilder dafür sorgen, dass die Täter anders als bei Überfällen auf der Straße auch gefasst werden können.

Morgenpost Online: Aber eine Videokamera kann nicht aus der Halterung springen und durch ein direktes Eingreifen einen Überfall verhindern.

Sigrid Nikutta: Ich möchte ausdrücklich noch einmal darauf hinweisen, dass die BVG ein Verkehrsunternehmen und keine Ordnungsmacht ist. Natürlich ist uns die Sicherheit unserer Fahrgäste und unserer Mitarbeiter extrem wichtig. Umso wichtiger ist es bei Gewaltdelikten schnell und unkompliziert die Polizei einzuschalten. Dafür stehen auf allen Bahnsteigen mindestens zwei Notrufsäulen. Und hier werden Sie mit nur einem Knopfdruck immer sofort mit einem meiner Mitarbeiter verbunden. Alle Experten sagen uns, dass schon das Vorhandensein der Videoüberwachung Straftäter abschreckt, weil sie davon ausgehen müssen, mit großer Wahrscheinlichkeit gefasst zu werden. Aber sie können in der Tat keine spontanen Gewaltausbrüche verhindern.

Morgenpost Online: Sie hatten dennoch vor Kurzem mehr Präsenz von BVG-Mitarbeitern und Sicherheitskräften in Uniform in der U-Bahn angekündigt. Zu sehen ist davon noch nichts?

Sigrid Nikutta: Die Umsetzung des Konzeptes ist angelaufen. Aktuell werden multifunktional einsetzbare Kräfte (Sicherheit und Fahrscheinkontrolle) ausgebildet. Diese werden nach Abschluss der Ausbildung eingesetzt. Ab 1. Juli, möglichst früher, sollen sie zum Einsatz kommen. Dann werden überwiegend Kontrollen in Dienstkleidung durchgeführt. Aber natürlich behalten wir uns vor, auch verdeckt gegen Schwarzfahrer vorzugehen.

Morgenpost Online: Nicht nur Fahrgäste, sondern auch BVG-Mitarbeiter sind immer wieder Ziel brutaler Angriffe.

Sigrid Nikutta: Auch da geht die Zahl zurück. 2009 hatten wir noch mehr als 600 Angriffe, im Vorjahr waren es 561, was erst mal ganz positiv ist. Aber die Zahl an sich ist als absolute Zahl noch immer deutlich zu hoch. Wir haben verschiedene Maßnahmen ergriffen, wie den Einbau sogenannter Hinterohrscheiben, die den Busfahrer besser vor überraschenden Angriffen von hinten schützen. Auch sind inzwischen faktisch alle Busse, sowie rund 40 Prozent der U-Bahn- und Straßenbahnzüge mit Videoüberwachung ausgerüstet. Bei den alten Tatra-Bahnen werden wir dies nicht mehr nachrüsten, weil sie bis 2017 ausgemustert werden.

Morgenpost Online: Der Regierende Bürgermeister hat einen Sicherheitszuschlag ins Gespräch gebracht

Sigrid Nikutta: Darüber nachzudenken, ist völlig legitim. Die Umfrage einer Berliner Tageszeitung hat ergeben, dass die Fahrgäste bereit seien, zehn Cent mehr pro Einzelfahrschein zu zahlen. Aber zehn Cent reichen für eine Rund-um-die-Uhr-Bewachung der Bahnhöfe nicht. Dafür wären mindestens 30 Cent erforderlich. Was habe ich dann dafür? Personal auf den Bahnsteigen. Aber ich warne davor, das mit mehr Sicherheit gleichzusetzen. Irrationale Einzeltaten werde ich mit großer Wahrscheinlichkeit damit nicht verhindern können. Ich fordere den Sicherheitszuschlag nicht. Ich setze vielmehr auf intelligente, vernetzte Konzepte, die wir gemeinsam mit der Polizei entwickeln werden.

Morgenpost Online: Unabhängig von der Frage des Sicherheitszuschlags: Ist eine Fahrpreiserhöhung – möglicherweise aus anderen Gründen – schon in Sicht?

Sigrid Nikutta: Das ist derzeit kein Thema.