Stadtentwicklung

Der alte Schlachthof erwacht zu neuem Leben

Nach einigen Anläufen wird das Gelände zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain nun zu einer belebten Wohn- und Einkaufsgegend. Ein großes Radfachgeschäft hat bereits eröffnet.

Foto: Massimo Rodari

Auf dem alten Schlachthofgelände an der Grenze zwischen Prenzlauer Berg und Friedrichshain herrscht wieder reger Betrieb. Während aus zahlreichen Baugruben kleine Townhäuser mit eigenen Gärten wachsen, wird von Sonntag an in der alten Rinderauktionshalle wieder Handel getrieben. In der größten überdachten Eisenkonstruktion der Stadt eröffnet das Zweirad-Center Stadler seine zweite Berliner Filiale. Vor der Eröffnung am Sonntag wird am Freitag ein Pre-Opening mit geladenen Gästen gefeiert, die schon einmal einen Blick in das eindrucksvolle Großdenkmal werfen können.

"Als ich die Halle Anfang 2009 zum ersten Mal sah, war ich mir gleich sicher, dass das der richtige Standort ist", sagt Caroline Elleke, Enkelin des Unternehmensgründers Josef Stadler. Der Regensburger Branchenriese hat bereits in Charlottenburg eine Filiale. Mit dem neuen Standort soll nun auch der Osten der Stadt abgedeckt werden. Als die Entscheidung für den Schlachthof fiel, war die Rinderauktionshalle eine Ruine und das Gelände drum herum größtenteils unbebaut. "Die Lage ist aber so zentral und gut angebunden, dass mir klar war, dass sich dieses Gebiet einfach entwickeln muss", sagt Caroline Elleke.

Mehrere Investoren scheiterten

Dennoch war das Engagement gewagt, denn zuvor waren schon einige Investoren an dem 130 Jahre alten Großdenkmal gescheitert. Zunächst wollte eine Zunft AG in der Halle verschiedene traditionelle Handwerksmanufakturen mit ihren Ständen ansiedeln, ein irischer Investor plante ein Freizeit- und Shoppingcenter. Doch in beiden Fällen bleib es bei den Plänen. Während die Halle weiter vor sich hin rottete.

Die Dimensionen der Halle sind für jeden Nutzer eine Herausforderung. Sie erstreckt sich fast über das gesamte Schlachthofgelände, vom S-Bahnhof Storkower Straße bis zur Eldenaer Straße. Am Dachfirst hat die Konstruktion eine Höhe von zwölf Metern. Insgesamt muss eine Fläche von 15.000 Quadratmetern bearbeitet werden. Der Denkmalschutz sieht vor, dass alle 320 gusseisernen Stahlträger erhalten bleiben.

Außen haben die Träger einen olivgrünen Anstrich erhalten, leuchtet die rekonstruierte Stahlkonstruktion in Silbergrau. Die Halle bietet neben der Ausstellungsfläche genügend Platz für Teststrecke, Montagewerkstatt und Bistro.

Zur einen Seite der Halle erstreckt sich eine Siedlung von kleinen Reihenhäusern, die sich "Neue Welt" nennt. Zur anderen Seite gibt es eine riesige Grünfläche, auf der wie eine Skulptur noch die offene Eisenkonstruktion der ehemaligen Hammelauktionshalle steht. Ein Stück weiter, an der Thaerstraße, ist in der ehemaligen Direktorenvilla des Schlachthofs eine zweisprachige englisch-deutsche Kita namens "be smart academy" entstanden.

Direkt an der Thaerstraße hat Architekt Frank Müller drei Mehrfamilienhäuser gebaut. Die klassischen Häuser fallen mit ihren hohen Fenstern auf fünf Stockwerken neben den kleinen Townhäusern aus dem Rahmen. "Ich wollte einen sanften Übergang zu dem angrenzenden Altbauviertel auf der anderen Seite der Straße schaffen", sagt Frank Müller. Seit August wohnt und arbeitet der Architekt mit seiner Frau und den beiden Kindern im Alter von drei und fünf Jahren selbst hier am Schlachthof-Viertel. "Als wir uns vor dreieinhalb Jahren für dieses Grundstück entschieden haben, brauchte man schon viel Fantasie, um sich vorzustellen, hier zu wohnen", sagt er. An einem verregneten Novembertag habe er damals mit seinen beiden kleinen Kindern vor einem riesigen Brachland gestanden. Eigentlich wollte er in der Nähe seiner alten Wohnung am Kollwitzplatz bauen. Jetzt ist er sicher, dass er die beste Entscheidung getroffen hat. "Die Kinder haben endlich genügend Platz, um sich auszutoben", sagt er. Heute finde er das Gedränge rund um den Kollwitzplatz fast unerträglich, auch wenn er noch gern einen Kaffee dort trinken geht.

Langsam aber komme auch auf dem Schlachthof-Gelände ein eigenes Kiezgefühl zustande, sagt Müller. Vor allem Familien mit kleinen Kindern schätzten das Viertel. Es gebe kaum Verkehr, aber viel Grün. "Man lernt sich in der Kita kennen und trifft sich dann beim Drachensteigen oder Grillen auf den großen Wiesen an den alten Auktionshallen wieder", sagt Frank Müller. Und ständig zögen neue Familien dazu.

Noch immer wird viel gebaut auf dem Gelände. In Müllers Architekturbüro klopfen ständig Passanten an und fragen, ob noch Wohnungen hier oder auf dem Gelände zu haben sind. Dann muss er passen. 500 Familien hatten sich für die 41 Eigentumswohnungen beworben, noch bevor die drei Passivhäuser in Holzbauweise fertig waren. Nach und nach entdecken auch die kleinen Gewerbe das Gebiet. Der Friseur im Erdgeschoss schreibt schon ein Jahr nach Eröffnung schwarze Zahlen.

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