Verdrängung

Wem gehört eigentlich Kreuzberg?

Im legendären Kreuzberger SO 36 haben Vertreter der linken Szene mit einem Vertreter der Wohnungsbaugesellschaft GSW "über steigende Mieten und Verdrängung im Kiez" diskutiert. Die Positionen sind klar: Die GSW kann nicht dauerhaft auf Mieterhöhungen bei Neumietern verzichten. Die Szene erwägt, Lidl-Tüten auf den Balkon zu hängen. Auch Gewalt schließt mancher nicht aus.

Foto: ANDREAS MARKUS / Andreas Markus

Am Ende des Abends weiß man: Bis zur endgültigen Abschaffung des Kapitals wird wohl noch eine Weile vergehen. Doch danach sieht es zunächst nicht aus. Das SO 36, Kreuzbergs legendärer Club, hatte zur Diskussion über "steigende Mieten und Verdrängung im Kiez" geladen. Ein Thema, bei dem, zumindest gedanklich, brennende Autos nicht weit sind.

Neben den "üblichen" Vertretern der linken Szene saß auch ein Vertreter der Wohnungsbaugesellschaft GSW auf dem Podium - gewöhnungsbedürftig für manche.


Um 19 Uhr füllen 250 vorwiegend junge Menschen die Tanzfläche, auf der heute Bänke stehen. Man sieht mehr Hornbrillen als Punkfrisuren, mehr Notizblöcke als Bierflaschen, dazwischen ein paar graue Sponti-Zöpfe. Ein Mädchen in Kapuze und Löcherjeans telefoniert leise auf Italienisch. Der Club sieht aus wie ein selbstverwaltetes Seminar während des Studentenstreiks. "Wir fangen jetzt an, auch wenn noch ein Podiumsmitglied fehlt", donnert der Interims-Dozent ins Mikrofon: "Tommy" ist der Moderator des SO 36. Akademisches Getrödel ist nicht angesagt in Berlins alternativem Ex-Arbeiterbezirk. Man hat es eilig. Hinter der Sitzrunde fordert ein Transparent in leuchtendem Rot-Orange: "Hopp, hopp, hopp, Mieten stopp!" Die Oranienstraße entwickle sich immer mehr zur Touristenattraktion, fährt Tommy fort. Vermieter träumten von einem Kollwitzplatz in Kreuzberg. Auch der Club selbst sei betroffen. Dazu später mehr.

Türkische Anwohner sind nicht da

Tommy bietet zunächst einen Übersetzungsservice an. Wer möchte? Niemand meldet sich. Ein Podiumsmitglied, Neriman Kurt vom Kiezerverein Kotti e.V., wiederholt das Angebot auf Türkisch. Wieder keine Reaktion. Kurt bedauert, dass ausgerechnet jene fehlen, um die es hier doch eigentlich gehe. Auch der Soziologe Erwin Riedmann bedauert die Abwesenheit der "türkischen Gesellschaft". Am Rand sitzen zwei junge Frauen, adrett gekleidet, modern frisiert, sichtbar türkisch - und schweigen.

Um wen geht es also? Eingeladen hat das SO 36, seit 30 Jahren Teil der Kreuzberger Kulturszene, gemeinnütziger Verein. Es gibt Streit um Miete und Lärm, das Ende droht. Zwar sei der Fortbestand für 2010 inzwischen "praktisch gesichert", so der Verein, der Streit sei jedoch längst nicht beigelegt. Zu den prominenten Unterstützern des SO 36 gehört Kreuzbergs Bürgermeister Franz Schulz (Grüne), er ist natürlich auch da. Neben ihm sitzen ein Vertreter der linksgerichteten Berliner Mietergemeinschaft - und "Jolle". Sie vertritt eine Gruppe namens "Soziale Kämpfe" und sucht vor allem Mitstreiter für eine Revolution, die größer ist als Mieterprotest.

Sechster der Runde ist ein Herr in dezentem Grau. Ihm gelten die ersten Buhrufe, kaum, dass er vorgestellt ist. Sascha Burucker ist regionaler "Asset Manager" für die Wohnungsbaugesellschaft GSW. Sein Job ist, für Rendite zu sorgen. So sagt er das aber jetzt nicht. Burucker spricht von Möglichkeiten, bei Mieterhöhungen "in Einzelfällen zu helfen" und klingt dabei fast wie ein Sozialarbeiter. Mehr Buhrufe. Tommy beschwichtigt. Später wird der Sprecher des SO 36 sagen, es habe ihnen Respekt abgenötigt, dass der GSW-Mann sich überhaupt auf ihr Podium getraut habe.

Der GSW-Mann erhält eine zweite Chance. Er formuliert vorsichtig. "Die Erwartung, dass die GSW auf Mieterhöhungen verzichtet, ist unrealistisch." Das Unternehmen sei schließlich vor fünf Jahren an den US-Investor Cerberus verkauft worden. "Drastische und pauschale Mieterhöhungen hat es jedoch nicht gegeben..." - "Frechheit", unterbricht ihn ein Mann aus dem Saal. "Ihr seid schuld, dass die Leute den Kiez verlassen!" - Ein zweiter Mann: "Zerberus! Höllenhund!" Eine Frau ruft: "Ausreden lassen!" - Der erste Mann: "Nicht diese Ärsche!" - "Doch!", mischt sich Moderator Tommy ein und bekommt Beifall. Teil eins des Seminars scheint damit beendet. Erfolgreich.

Dann wird es konkret. Was kann getan werden? Soziologe Riedmann spricht von "Deattraktivierungsstrategien", mit denen Bewohner ihre Viertel für ungewollte Zuzügler unattraktiv machen sollten: "Im weißen Rippchen-Unterhemd herumlaufen, Lidl-Tüten auf den Balkon hängen", empfiehlt er, "sodass es aussieht, als ob man keinen Kühlschrank hätte oder der Strom abgestellt wäre" - Beifall. Besser seien natürlich organisierte soziale Bewegungen, wie Jolle sie vertrete. Diese spricht von der "internationalen Zusammenführung von Teilbereichskämpfen". Ob Kreuzberg, Rassismus oder Gesundheitspolitik: egal, Hauptsache global. Die junge Frau erinnert nur der Erscheinung nach an Kreuzberg-Klischees wie aus dem Musical Linie 1. Ihre Rhetorik ist die politischer Talkshows, nicht die des Straßenkampfs. Der soziale Kampf laufe unter einem "Label", erklärt sie. Es laute "Wem gehört die Stadt?" - "Uns", antwortet jemand spontan. Es funktioniert wie im Kasperletheater. Jolle fährt zufrieden fort mit dem Schnellkurs Revolution.

In der zweiten Reihe sitzt ein Mann, der seit den 80er-Jahren auf jeder Demo dabei ist. Er ist älter geworden, aber nur äußerlich. "Schickimickis raus!" ruft er jetzt, ein anderer setzt die Demo-Folklore fort: "Mehr brennende Autos!" - Ein anderer steht auf. "Ich bin nicht gekommen, um mit der GSW zu diskutieren, sondern um mich so zu organisieren, dass sie Angst bekommt, die Mieten zu erhöhen!" Er steigert den Ton: "Wir müssen Druck machen, zur Not auch mit Gewalt. Vielleicht muss auch mal eine Scheibe zu Bruch gehen..." Ein älterer Herr ereifert sich über den Kapitalismus als solchen. Die ersten gehen. "Wenn wir mit denen Revolution machen sollen, das geht schief", sagt ein Mittvierziger.

Wem gehört Kreuzberg?

Schließlich mischt sich Neriman Kurt ein, in Stellvertretung jener, um die es doch eigentlich geht. "Menschen, die ihre Miete nicht mehr zahlen können, haben existenzielle Sorgen. Wie sollen die sich solidarisieren, wenn sie nicht wissen, wie ihr Leben weitergeht, wenn sie aus Kreuzberg wegziehen müssen?" Selbst im Kiez gebe es immer weniger Orte, wo die ältere Generation sich treffen könne. "Immer mehr Touristencafés, immer mehr Spielhallen", und überhaupt: "Die Bewohner werden terrorisiert von diesen ungezogenen Horden junger Touristen!" - Gebrüll im Saal. Zwischenruf: "Toleranz!" Wem gehört Kreuzberg? Türkischen Rentnern? Betrunkenen Touristen? Oder doch den Studenten? Neriman Kurt sagt: "Es wäre schon gut, wenn der Hartz-IV-Satz den Lebenshaltungskosten entsprechend erhöht werden könnte." Beifall. Während Schulz' sachkundigem Referat über die Möglichkeiten der Gesetzgebung und der städtischen Wohnungsbaugesellschaften schlafen einige Zuhörer ein. Sie erwachen beim dritten Teil. Auch wenn es vielleicht noch eine gewisse Zeit brauchen werde bis die Vermieter abgeschafft seien, sagt Schulz in Anspielung auf die antikapitalistischen Ausführungen seiner Vorredner. Mietwohnhäuser sollten "nicht wie stinknormale Waren behandelt werden, die Rendite erbringen". Tosender Beifall. Der Bürgermeister, Mitglied der Grünen, leuchtet jetzt mit dem Rot des Plakats hinter ihm um die Wette.

Schulz ist in den 80er-Jahren aus Aschaffenburg nach Berlin gekommen. Am Tonfall ist es noch zu hören. Er lebt in Kreuzberg, der Bezirk brachte ihn in die Politik. Von den folgenden Rednern werden alle einräumen, "eigentlich nicht von hier" zu sein. Sie werden sagen, dass aber auch sie betroffen seien, weil ihre Häuser verkauft, modernisiert und die Mieten erhöht würden. Viele sind Studenten. Ein älterer Münchener bezeichnet Kreuzberg als Lebenstraum. "Besitz- und Bildungsbürgertum" hat Schulz eingangs jene genannt, die "jetzt an den Chamissoplatz, den Graefekiez und die Oranienstraße drängen". Irgendwie, scheint es, ist das Bürgertum längst da. Mehr noch: Als sei das nicht das Schlimmste, was Kreuzberg passieren kann.