Brandanschläge in Berlin

Luxusauto-Besitzer lassen sich nicht vertreiben

In Berlin vergeht kaum eine Nacht, in der nicht ein Auto in Flammen aufgeht. Die jüngsten Fälle: Montagabend brennt in Kreuzberg ein Smart aus, der einer Wohnungsbaugesellschaft gehört. Ein Nissan daneben wird schwer beschädigt. Doch Besitzer von Luxuswagen wollen sich von den Brandstiftern nicht aus den Szene-Kiezen vertreiben lassen.

Foto: Sergej Glanze

Hakan Yigit ist oft mit seinem Porsche in Berlin unterwegs. Tagsüber. In der Nacht kommt sein Carrera S in die Garage. Dort ist sein Luxus-Wagen sicher. Vor Kratzern. Vor Beulen. Vor Autonomen und ihren Grillanzündern. „In Friedrichshain oder Neukölln würde ich den Wagen niemals über Nacht parken“, sagt der 30-jährige Kreuzberger, „das könnte richtig ins Geld gehen.“

Auf die Polizei könne er sich in diesen Zeiten nicht verlassen. Zumal die Behörde zugebe, dass sie gegen Brandanschläge auf Autos nicht viel ausrichten könne. Doch den Schutz für seinen teuren Wagen nur bei den Beamten einzufordern, sei der falsche Weg. „Letztlich hilft gegen die Sorgen ums Auto nur die eigene Garage“, sagt Hakan Yigit.

Kaum eine Nacht ohne Brand

In den vergangenen vier Jahren brannten in der Hauptstadt über 1000 Fahrzeuge. Tendenz: steigend. Auch Klein- und Mittelklassewagen werden von Unbekannten angezündet. Weil sie zu einem (kapitalistischen) Unternehmen gehören. Oder sie brennen, weil sie zufällig neben einem angegriffenen Luxuswagen parken.

Der Polizei gelingt es nur selten, die Täter zu fassen; statt regelmäßiger Erfolgsmeldungen verkündet die Behördenleitung, dass die Autobesitzer eine gewisse Mitschuld an den Anschlägen tragen. Polizeipräsident Dieter Glietsch riet Porsche-Besitzern im vergangenen Jahr ab, ihr Auto nachts in Kreuzberg auf der Straße zu parken – zu gefährlich. Der Chef des Landeskriminalamtes (LKA), Peter-Michael Haeberer, schlug jetzt im Innenausschuss in dieselbe Kerbe: „Würde ich meiner Frau einen Brillantring kaufen, und sie würde ihn unter einer Laterne liegen lassen, würde ich mich auch wundern.“

Sogar Innensenator Ehrhart Körting ging dieser Satz zu weit. „Diese Analogie ist ihm völlig missglückt“, kritisierte der SPD-Politiker gestern. Dennoch schätze er die sehr gute Arbeit des LKA-Chefs.

Im Gespräch mit dieser Zeitung räumte Peter-Michael Haeberer später zwar ein, dass seine „überspitzte Bemerkung“ die Realität missachtet habe und er lediglich die „Sachdiskussion“ anschieben wollte. Doch er ließ sich erneut zu einem Vergleich hinreißen: Wer im Fitnessstudio seinen Autoschlüssel liegen lasse und dessen Auto dann gestohlen werde, bekomme von der Versicherung auch keinen Cent.

„Ein weitere ungeschickte Bemerkung“, sagt Ulrich Schellenberg, Vorsitzender des Deutschen Anwaltvereins. „Haeberers Aussagen haben nämlich einen juristischen Kern.“ Sie würden unterstellen, dass jemand fahrlässig handelt. Das Parken eines teuren Fahrzeugs in bestimmten Kiezen sei demnach als fahrlässig einzustufen. „Ich halte dies für ein falsches Signal an die Bevölkerung“, so Schellenberg.

Der LKA-Chef habe mit seinen Aussagen Kreuzberg und Friedrichshain einen „Bärendienst“ erwiesen. Schleichend werde durch die Behörde die Schuld am Autohasser-Phänomen an die Opfer weitergegeben. „In letzter Konsequenz muss man sogar damit rechnen, dass sich die Versicherer in Streitfällen auf die Aussagen Haeberers berufen“, warnt Ulrich Schellenberg.

„Abstruse Warnungen“

Manuela M. ist mutig. Sie parkt ihren Mercedes SL in Friedrichshain – auch über Nacht. „Meine Freunde leben hier, ich liebe den Kiez, aber auch mein Auto“, sagt die 36-Jährige. Von politischen Wirrköpfen wolle sie sich nicht vertreiben lassen. „Welches Fahrzeug ich fahre und wo ich abends parke, lasse ich mir nicht vorschreiben.“

Die Äußerungen der Polizei finde sie angemessen. „Natürlich bin ich mir der Gefahr bewusst, dass mein Auto hier jederzeit in Flammen aufgehen kann. Aber auch in anderen Städten wie Frankfurt (Main) oder Hamburg könnte es zerkratzt oder aufgebrochen werden“, sagt Manuela M. Doch Recht dürfe nicht zu Unrecht werden, weil man ein mühsam zusammengespartes Auto fahre und in Friedrichshain oder Kreuzberg parke. „Die Beamten sollten sich mit ihren abstrusen Warnungen und Vergleichen zurückhalten.“

Eine Bekannte von Manuela M. hatte in der Vergangenheit kein Glück mit ihrem Fahrzeug. „Deren älterer Jeep wurde angezündet, und sie blieb auf ihren Kosten sitzen“, so M. Nach Informationen dieser Zeitung keine Ausnahme. Betroffene Autobesitzer, die nur eine Teilkaskoversicherung abgeschlossen haben, gehen mitunter leer aus, weil die Versicherung nicht zahlen. Maximal der Glasschaden wird ersetzt – ein Tropfen auf den heißen Stein bei einem ausgebrannten Fahrzeug.

Der Wrackbesitzer muss den Schädiger – also Brandstifter – direkt in Anspruch nehmen und verklagen, um an sein Geld zu kommen. Kann der Täter jedoch entkommen, bleibt der Autobesitzer auf seinem Schaden sitzen. Wer eine Vollkaskoversicherung hat, bekommt beim Totalschaden durch Vandalismus zumeist den Zeitwert des Autos ersetzt. Allerdings wird der Eigenanteil abgezogen, und die Versicherung lässt nichts unversucht, den Zeitwert noch zu drücken: Sie lässt das Wrack begutachten. Hinzu kommen Folgekosten, denn der Fahrzeughalter wird im Prämienrabatt der Vollkaskoversicherung zurückgestuft.

Wurde das Auto hingegen nicht selbst angezündet, sondern stand es neben einem brennenden (Luxus-)Wagen und wurde in Mitleidenschaft gezogen, ist das aus Versicherer-Sicht ein anderer Fall. Dann wurde das Auto offiziell im Straßenverkehr beschädigt – die Versicherung kommt für den Schaden auf.

Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), ist mit den Autofahrten in sein Büro nach Mitte zurückhaltender geworden, wie er sagt. Aus Angst vor Brandstiftungen. „Ich versuche, meinen Audi möglichst oft in Friedenau stehen zu lassen“, so Wendt. Auf ein Fahrzeug seiner Gewerkschaft haben Linksextremisten bereits einen Anschlag verübt. „Was in dieser Stadt passiert, ist unglaublich“, sagt Rainer Wendt.

Die Äußerungen der Berliner Polizeiführung empfindet er als unangebracht. Sie hätten zur Folge, dass sich niemand mehr über die schlechten Ermittlungsergebnisse wundere. „Anderseits entlasten solche Aussagen die Täter, den Opfern wird eine Mitschuld eingeräumt. Ein fataler Vorgang.“ Mit der gleichen Argumentation könnte man auch anderen Kriminalitätsopfern die Schuld in die Schuhe schieben. „Eine Oma, die nach Einbruch der Dunkelheit in der Straßenbahn ausgeraubt wird, hätte demnach auch lieber zu Hause bleiben sollen, oder?“

Aus Gesprächen mit Berliner Kollegen will Wendt erfahren haben, dass der LKA-Chef fachlich in der Behörde kaum zu ersetzen sei; er genieße hohes Ansehen. „Aber das Schwadronieren sollte er künftig anderen überlassen“, so Wendt. Ähnlich argumentiert auch Bodo Pfalzgraf, der Berliner DPolG-Chef: „Herr Haeberer bewegt sich zwischen glänzender Fachanalyse und verbaler Tollpatschigkeit.“

Schutz statt Ratschläge

Marian W. parkt mit seinem Porsche in der Nähe des Frankfurter Tors in Friedrichshain. Der Unternehmer ist sich der Gefahr bewusst, die „im Kiez lauert“, wie er mit einem Schmunzeln sagt. „Letztlich ist es egal, ob mein Wagen in Zehlendorf oder Kreuzberg zerstört werden könnte“, so der Unternehmer. „Ich verlange, dass die Polizei mich vor Straftätern mit allen Mitteln beschützt und nicht Ratschläge erteilt, wo und wann ich mein Auto nicht abstellen sollte.“

Ähnlich sieht man das Problem auch bei Porsche in Stuttgart. Ein Sprecher: „Wir geben keine Empfehlungen und überlassen es unseren Kunden, wo sie ihre Wagen parken.“