Pflegekräfte-Streik

Charité in Berlin vor unbefristetem Vollstreik

Die Patienten des Universitätsklinikums haben ab Montag für mindestens eine Woche mit erheblichen Einschränkungen zu rechnen. Die Pflegekräfte halten die Bezahlung für unterdurchschnittlich, obwohl die Arbeitsanforderungen jährlich steigen.

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Thorsten Paetzelt hat sich vor 15 Jahren ganz bewusst für den Job als Krankenpfleger entschieden. Wie viele Kollegen ist er mit hohen Idealen in den Beruf gegangen, er wollte Menschen helfen, die in Not sind. Er ging in einen der sensibelsten Bereiche der Charité, auf die Intensivmedizin des Virchowklinikums. Hier werden Menschen mit Herzrhythmusstörungen oder Dialysepatienten versorgt – täglich treten hier unvorhersehbare Notfälle auf. Oft geht es um Leben oder Tod. „Das Helfersyndrom schleift sich hier sehr schnell ab, der Alltag ist frustrierend“, sagt er. Patienten liegen sich wund, weil sie warten müssen. Es wird oft nur unzureichend desinfiziert. Behandlungsfehler häufen sich. „Viele Kollegen reagieren mit Burn-out, sie haben Probleme, sich zu motivieren“, sagt Paetzelt.

Erhebliche Einschränkungen

Die qualitativen Anforderungen sind von Jahr zu Jahr gestiegen, berichtet Arnim Thomaß, ebenfalls Krankenpfleger und Mitglied der Streikleitung. „Immer öfter müssen wir Tätigkeiten übernehmen, die früher Ärzte gemacht haben.“ Bezahlt werde aber noch immer unterdurchschnittlich. Eine Pflegekraft, die seit 15 Jahren im Dienst ist, erhält für einen Vollzeitjob nicht mehr als 1600 Euro netto – trotz Schicht- und Wochenenddiensten. Vivantes zahlt Krankenschwestern und Pflegern im Schnitt 300 Euro mehr, genau diese Summe zählt zu den zentralen Forderungen der Streikenden. Geld, das die Charité auch nach vier Tarifverhandlungsrunden bislang nicht bereit war zu zahlen. Trotz des Fachkräftemangels. Nun haben die Pflegekräfte angekündigt, von Montag an in einen unbefristeten Vollstreik treten zu wollen – mindestens eine Woche lang.

Charité-Chef Karl Max Einhäupl führt immer wieder die schwierige Haushaltssituation des Uniklinikums an. Für das Jahr 2011 wurde vom Senat ein strikter Sparkurs verordnet, die Charité muss in ihre marode Infrastruktur investieren, um so langfristig Kosten einzusparen. Außerdem gibt es das Versprechen, noch in diesem Jahr ein Defizit von 17 Millionen Euro abzubauen. Jüngst hat Einhäupl in einem persönlichen Schreiben Chefärzte dazu angehalten, auf fünf Prozent ihres Gehalts zu verzichten. Aus Liquiditätsgründen wurden vor einigen Wochen erstmals Gehälter später ausbezahlt.

Frust im Technik- und Pflegebreich

Pflegekräfte tun diese Argumente ab. Man verweist auf die Gehaltserhöhung, die Ärzte aushandelten. 16 Prozent mehr Gehalt gab es in 2006. „Die Entscheidung fiel zu einem Zeitpunkt, als das Defizit doppelt so hoch war wie jetzt“, sagt Thomaß. Zudem wird auf die Kosten des Streiks verwiesen, Gewerkschaften gehen von über zehn Millionen Euro für die Woche aus – auch wenn der Vorstand mit weniger kalkuliert: Kosten wird der Ausstand in jedem Fall verursachen.

„Als ich anfing, gab es doppelt so viel Personal wie jetzt“, sagt Paetzelt. Einige Kollegen hätten ihre Arbeitszeit auf 50 Prozent reduziert, weil sich bei Leasingunternehmen im Schnitt 30 Prozent mehr verdienen. Andere Kliniken zahlten Abfangprämien von bis 2000 Euro, wenn gut ausgebildete Fachkräfte wechselten. Paetzelt und Thomaß mobilisieren an einer wütenden Front, bei 10.000 Kollegen im Technik- und Pflegebereich. „Der Frust war noch nie so groß wie jetzt“, sagen sie.

Erhebliche Einschränkungen für Patienten

Wenige Tage vor dem Streik versucht die Charité, sich so gut als möglich auf den Arbeitskampf vorzubereiten. „Die Patientinnen und Patienten müssen bedauerlicherweise mit erheblichen Einschränkungen rechnen“, sagt Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Charité. Zeigten sich die meisten Ärzte während des Warnstreiks noch solidarisch mit den Mitarbeitern, sah sich Frei diesmal genötigt, an das Streikrecht der Mitarbeiter zu erinnern. „Ich habe alle Klinikleiterinnen und -leiter aufgefordert, das Streikrecht der Beschäftigten in keiner Form zu beschränken“, sagt er. Gleichzeitig appellierte er an die Streikenden, Risiken für Leben und körperliche Unversehrtheit der Patienten in jedem Fall zu vermeiden.

Während des Warnstreiks am 14. März legten laut Ver.di rund 2000 Menschen ihre Arbeit nieder. Am Virchowklinikum gab es leere OP-Säle und Behandlungszimmer. Gewerkschaft und Charité haben sich am Mittwoch auf einen Notdienstplan geeinigt. „Auf allen Stationen und Ambulanzen wird nur das Personal zur Verfügung stehen, das normalerweise an Wochenenden Dienst tut“, sagt Frei. Alle intensivmedizinischen Bereiche sollen bestreikt werden. Planbare Operationen und Behandlungen wurden deshalb verschoben. Gewerkschaften und Ärzte empfehlen, ab Montag andere Krankenhäuser aufzusuchen. Die Charité hat inzwischen die Senatsverwaltung informiert, da sie damit rechnet, dass es in den Rettungsstellen zu langen Wartezeiten kommt. Ab Montag soll eine Hotline freigeschaltet werden, auf der Patienten genaue Details zur ärztlichen Versorgung erhalten.

Ein schlechtes Gewissen mögen Thomaß und Paetzelt gegenüber den Patienten nicht haben. Das Uniklinikum hätte lange genug Zeit gehabt, den lange angekündigten Streik zu organisieren. „Wir geben zu, dass das ein Stresstest für die Charité wird“, sagt Thomaß. Mit 300 Betten weniger müsse die Charité wohl kalkulieren. „Andererseits soll die Charité ja 500 Betten abbauen, das kann sie jetzt ja schon mal üben“, sagt Thomaß.