Nahverkehr

Die BVG sucht verzweifelt eine Chefin

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Thomas Fülling

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Der Vertrag des amtierenden BVG-Chefs wird nicht verlängert - der Chef-Posten wird nun erstmals ausgeschrieben. Bei SPD und Linkspartei wird gewünscht, in den landeseigenen Betrieben sollten mehr Frauen Spitzenjobs übernehmen. Bei der BVG aber gibt es ein Problem dabei, geeignete Bewerberinnen zu finden.

Wer Vorstandschef der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wird, das lag oft einzig in der Hand des jeweils amtierenden Finanzsenators. Als gleichzeitiger Aufsichtsratschef von Berlins größtem und teuerstem Landesbetrieb entschied er die Personalie faktisch im Alleingang. Berlins neuer Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos) will – und muss angesichts der geänderten Gesetzeslage in Berlin – einen anderen Weg gehen. Erstmals soll der aktuell mit fast 400.000 Euro pro Jahr dotierten Posten im Ergebnis eines bundesweiten Bewerbungsverfahrens besetzt werden. „Der Finanzsenator will ein offenes und transparentes Verfahren“, sagt Daniel Abbou, Sprecher der Senatsfinanzverwaltung. Anfang kommenden Jahres soll der Ausschreibungstext bundesweit veröffentlicht werden.

Der von Nußbaum geleitete Personalausschuss des BVG-Aufsichtrats hatte, wie berichtet, Ende Oktober entschieden, den noch ein Jahr laufenden Arbeitsvertrag mit dem derzeit amtierenden Vorstandsvorsitzenden Andreas Sturmowski nicht zu verlängern. Gründe für die Entscheidung wurden offiziell nicht genannt. Aus dem Umfeld des Finanzsenators war damals aber zu hören, dass dieser Sturmowski für riskante Cross-Border-Leasing-Geschäfte verantwortlich machte. Diese hatten der ohnehin hoch verschuldeten landeseigenen BVG zusätzliche Risiken von 200 Millionen US-Dollar beschert.

Die Geschäfte waren zwar fast alle von Sturmowskis Vorgängern eingefädelt worden, doch ließ der die riskanten Transaktionen 2007 mit inzwischen fast wertlosen Wertpapieren absichern. Sturmowski gilt aber vor allem als Vertrauter des früheren Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD). Dessen schützende Hand ermöglichte es ihm, mehrere umstrittene Personalentscheidungen selbst zu treffen. Insbesondere die Ende 2008 erfolgte Berufung des BVG-Justiziars Henrik Falk zum Finanzvorstand hatte für heftige Kritik aus der rot-roten Regierungskoalition gesorgt.

Vor allem die Frauenflügel der SPD und der Linken wollen, dass bei der Besetzung von Chefposten in landeseigenen Unternehmen endlich mehr weibliche Bewerberinnen zum Zuge kommen. Doch ausgerechnet eine andere frühere Personalentscheidung dürfte die Suche nach einer Frau als neue Chefin der BVG nicht einfach machen. Denn Sturmowski hatte Ende 2008 auch die vakante Stelle des Vorstands Betrieb übernommen, der für den gesamten Fahrbetrieb bei Bus, Straßenbahn und U-Bahn zuständig ist. Den vorherigen Betriebsvorstand Thomas Necker hatte Sturmowski vorzeitig vor die Tür gesetzt, weil zwischen ihnen „die Chemie nicht stimmte“.

Doch für die Kombination Vorstandsvorsitz/Betriebsvorstand wird sich schwer eine erfahrene und damit geeignete Bewerberin finden, sagt einer der BVG-Aufsichtsräte. Im Gespräch sind daher mehrere Besetzungsalternativen. So könnte die neue BVG-Chefin die Fachverantwortung für den kaufmännischen Geschäftsbereich übernehmen. Der gerade erst berufene Finanzvorstand Falk müsste dann seinen Stuhl vorzeitig räumen.

Zweite Alternative: Die Vergrößerung der Anzahl der Vorstandsposten von drei auf vier. Die Größe der BVG mit 12.000 Mitarbeitern würde dies durchaus rechtfertigen, heißt es. In der Vergangenheit hatten die Verkehrsbetriebe bereits bis zu fünf Vorstände. In diesem Fall bräuchte die neue BVG-Chefin keinen eigenen Geschäftsbereich übernehmen, wie etwa bei der Berliner Stadtreinigung (BSR) bereits praktiziert.

Welche Variante gewählt wird, dürfte am Ende von der Zahl und der Qualität der Bewerber abhängen. Trotz guter Dotierung gilt der Chefposten in der hoch verschuldeten BVG in der Branche nicht gerade als sonderlich attraktiv. Die Lösung der offenen Personalfragen soll in jedem Fall „kostenneutral“ sein, heißt es aus der Senatsfinanzverwaltung. Im Klartext: Wird die Zahl der Vorstände erhöht, soll im Gegenzug die Anzahl der Chefs in der zweiten Reihe reduziert werden. Aktuell hat die BVG zehn – jeweils mit außertariflichen Arbeitsverträgen versehene – Bereichsleiter.