Verkehrsleitung

Autos sollen wieder über Wilhelmstraße fahren

Wenn es nach dem britischen Botschafter geht, soll die Berliner Wilhelmstraße bald wieder für den gesamten Verkehr genutzt werdend dürfen. Denn Bauarbeiten am U-Bahnhof Friedrichstraße zwingen Stadtplaner möglicherweise, den Verkehr über die Straße vor der Botschaft umzuleiten.

Foto: Reto Klar

Seit acht Jahren ist die Wilhelmstraße vor der britischen Botschaft autofreie Zone. Metallpoller versperren die Zufahrt, Polizisten bewachen die Barriere. Nur Fußgänger und Fahrradfahrer dürfen die Straße passieren, tun das meist aber angesichts der massiven Sicherheitsmaßnahmen auch eher zögerlich. Der große Union Jack an der architektonisch hoch gelobten Botschaft weht weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Mehrfach gab es in den vergangenen Jahren Bestrebungen, die Wilhelmstraße wieder für den Verkehr zu öffnen. Jetzt kommt erneut Bewegung in die Debatte. Erstmals hat sich der britische Botschafter selbst zur heiklen Frage der Öffnung geäußert. „Ich hoffe, dass diese Sperrung irgendwann wieder aufgehoben wird – möglichst noch, bevor ich Berlin verlasse“, sagte Simon McDonald jetzt in einem Interview mit dem Magazin „Berlin Friedrichstraße“. Voraussetzung dafür sei natürlich, dass die Sicherheitslage dies zulasse, betonte eine Botschaftssprecherin am Dienstag. Die Entscheidung liege letztlich bei den deutschen Behörden.

Bis McDonald Berlin wieder verlässt, vergeht noch viel Zeit. Der 49-Jährige hat sein Amt erst im Oktober 2010 angetreten. Seine Vorgänger waren zuletzt meist zwischen drei und fünf Jahren in der deutschen Hauptstadt. So lange wollen die Befürworter einer Wiedereröffnung der Straße nicht warten. Geht es nach ihnen müsste die Wilhelmstraße spätestens in einem Jahr wieder durchgehend befahrbar sein. Im Juni 2012 rücken voraussichtlich an der Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden die Bagger an, um den neuen Kreuzungsbahnhof der U-Bahnlinien 5 und 6 zu bauen. Fast ein Jahr lang wird die Friedrichstraße für den Autoverkehr gesperrt sein, auch die U-Bahnlinie 6 wird unterbrochen. Der gesamte Verkehr samt U-Bahn-Ersatzbussen muss dann umgeleitet werden – idealerweise zum Teil durch die Wilhelmstraße.

Deshalb zählt Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) zu den Befürwortern einer Öffnung. Sie brachte das Thema im März abermals im Senat vor. Ihr Parteikollege, Innensenator Ehrhart Körting, versprach, die Sicherheitssituation im Umfeld der Botschaft noch einmal zu überprüfen. Eine abschließende Entscheidung gebe es noch nicht, sagte am Dienstag eine Behördensprecherin.

Verkehrschaos droht

Neben Junge-Reyer hofft auch der Berliner Fahrgastverband Igeb auf eine Neubewertung durch die Innenbehörde. „Wir würden das natürlich sehr begrüßen“, sagte Igeb-Sprecher Jens Wieseke dieser Zeitung. Das drohende Chaos bei einer monatelangen Sperrung der U-Bahn und einer Umleitung des Autoverkehrs in könne dadurch erheblich entschärft werden.

Zuletzt stand die Abriegelung der Wilhelmstraße 2008 auf dem Prüfstand. Damals hatte sich der Vize-Präsident des Abgeordnetenhauses, Uwe Lehmann-Brauns (CDU), in einem Brief an Senator Körting für eine Überprüfung der Situation und möglichst eine Öffnung der Straße ausgesprochen. Ergebnis der Prüfung vor drei Jahren: Die Sicherheitslage lasse einen Abbau der Absperrungen nicht zu.

Kritiker wenden ein, dass andere diplomatische Vertretungen, für die ebenfalls die höchste Sicherheitsstufe gilt – etwa die US-Botschaft an der benachbarten Ebertstraße oder die israelische Botschaft in Grunewald – auch ohne dauerhafte Straßensperren auskämen.

Die Absperrungen an der britischen Botschaft in Mitte begannen bereits nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Deutlich verschärft wurden sie nach Anschlägen auf das britische Generalkonsulat in Istanbul und andere diplomatische Einrichtung in der Türkei im November 2003. Seitdem ist der Abschnitt der Wilhelmstraße für den Autoverkehr gesperrt. Anfänglich war die Botschaft vollständig abgeriegelt. 2004 verabredeten Botschaft und Senat ein neues Sicherheitskonzept. Seitdem können Fußgänger und Radfahrer die Straße wieder nutzen. Zunächst blockierten klobige Betonklötze die Zufahrt. 2005 wurden sie durch die Metall-Zylinder ersetzt. Zwei Poller-Reihen im Abstand einer Lastwagenlänge sperren die Zufahrt zur Botschaft an der Einmündung Unter den Linden, eine Poller-Reihe sichert die Ausfahrt zur Behrenstraße. Die beiden Zylinder in der Mitte jeder Reihe sind in der Fahrbahn versenkbar.